Serie 725 Düsseldorf: Gehry baute das Symbol der modernen Stadt

Serie 725 Düsseldorf: Gehry baute das Symbol der modernen Stadt

Die schrägen, tanzenden Gehry-Bauten im Medienhafen stehen für Aufbruch und Innovation des Wirtschaftsstandortes Düsseldorf.

Der Neue Zollhof als Bezeichnung des Architektur-Markenzeichens im Medienhafen ist so gut wie unbekannt. Die Düsseldorfer verbinden diesen Namen nicht mit den schrägen, tanzenden Häusern, die zwischen den neuen Bauten an den Becken des Zollhafens sowie des Handelshafens aus der Reihe fallen. Sie nennen das dreiteilige Gebäude-Ensemble nach seinem Architekten kurz und praktisch "Gehry-Bauten". Darin zeigt sich die Anerkennung für den amerikanischen Architekten Frank O. Gehry, der mit den außergewöhnlichen Häusern ein Identifikationsobjekt für das moderne, international ausgerichtete Düsseldorf geschaffen hat. Und das ohne enge Beziehungen zur Landeshauptstadt, ohne eine genaue Kenntnis der Stadtentwicklung.

Gehry hat sich wegen seiner Freundschaft mit dem Werbefachmann Thomas Rempen auf Düsseldorf eingelassen. Die beiden hatten sich bei einer Tagung im Zentrum für Kommunikation und Technik kennengelernt, das Gehry als ein ineinander verschachteltes Gebäude konzipiert hatte. Der amerikanische Architekt schätzte an Rempen die offene, unkonventionelle, aber auch direkte und zupackende Art, wie er bei der Eröffnung des Neuen Zollhofs erzählte. Rempen glaubte, dass er mit Gehry seine Idee verwirklichen könne, den Medienhafen mit extravaganter und unkonventioneller Architektur zu bereichern.

Dafür stand Gehry, der als ein früher Vertreter des Dekonstruktivismus gilt – ein Architekturstil, der Baukörper ineinander verkeilt, sie wie Collagen zusammenfügt und sie in ihrem Erscheinungsbild einer geordneten Konstruktion widersprechen lässt. In Deutschland sorgte Gehry mit seinem Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein für Aufsehen. Das Museum mit seinen verschachtelten, aufgeworfenen Kuben und gebrochenen Halbkreisen erscheint selbst wie ein Kunstwerk. Es folgte später der Auftrag für das Zentrum für Kommunikation in Oeynhausen. Seine Bauaufträge in Deutschland hätten ihm den Weg von den USA nach Europa geebnet, sagte Gehry einmal. Die Aufträge in Europa waren ab Mitte der 1990er Jahre zahlreicher. Dazu gehören die DG-Bank in Berlin, das American Center in Paris und vor allem das Guggenheim-Museum in Bilbao. Und eben das Projekt im Medienhafen.

Die wunderbare Lage von Düsseldorf am Rhein interessierte Gehry, regte seine Kreativität an. Ihm war wichtig, die Verbindung des neuen Stadtviertels mit dem Rhein und den Hafenbecken zu betonen. Er wollte deshalb keinen durchgehenden, abriegelnden Block, sondern drei Gebäude mit Durchgängen zum Wasser. In der äußeren Form sollten sie jedoch eine Einheit bilden und in der Gesamtkomposition einen unübersehbaren Akzent im Medienhafen setzen. Bei der Formgebung sah sich Gehry in erster Linie als Künstler, wollte möglichst viel Freiheit für die Gestaltung. Für die detaillierte Ausführung suchte er ein deutsches Architekturbüro als Partner, das sich mit den deutschen Vorgaben der Baugesetze und -verordnungen auskannte. Seine Wahl fiel auf das Düsseldorfer Büro Beucker, Maschlanka und Partner, das international erfahren war und dem die Entwicklung des Medienhafens am Herzen lag. Es hatte sich bei der großen Konkurrenz im Wettbewerb für das Medienzentrum im Hafen (heute Sitz unter anderem von Antenne Düsseldorf) durchgesetzt und den ersten Preis erhalten.

Es war eine gleichberechtigte Partnerschaft mit einer fruchtbaren Zusammenarbeit der Büros. Gehry konzentrierte sich auf die Gestaltung und die Entwicklung der Stadtsilhouette, das Düsseldorfer Büro feilte an den technischen Lösungen für die Statik und die Gestaltungsdetails. In gemeinsamen Diskussionen wurden die Gebäude optimiert, erinnert sich Thomas Beucker. Er sah sich mit seinem großen Team, das die komplizierten Aufgaben zur Verwirklichung der tanzenden Häuser zu lösen hatte, als eine Art Brückenkopf in Düsseldorf. Denn Gehry war wegen der großen Entfernung nur in größeren zeitlichen Abständen in Düsseldorf. "Aber er setzte sich wie bei anderen Projekten eingehend mit der Stadt auseinander und analysierte die Umgebung der Häuser", so Beucker.

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Grundlage für Gehrys Entwicklung war ein Modell des neuen Hafens und der angrenzenden Straßen, die maßstabgetreu alle Häuser und Straßenfluchten darstellte. In dieses Modell hinein passte Gehry millimetergenau die drei Türme ein, setzte sie schräg, drehte sie, modellierte sie, bis das Ensemble von allen Blickwinkeln aus den verschiedenen Straßen heraus perfekt passte. Entstanden war mehr als eine Abfolge von drei Häusern, entstanden war eine Stadtskulptur: etwas schräg, keck tanzend, aus dem Rahmen der Senk- und Waagerechten fallend. Das war Gehrys künstlerische Intention. Aber es ist nicht alles an den Gehry-Bauten schief und schräg. Alle Fenster sind gerade, stehen im Lot, ragen deshalb in ihren kastenartigen Rahmen manchmal weit aus den schrägen Wänden hervor. So entsteht ein reizvoller und verblüffender Gegensatz: Wände, eigentlich tragend und stabil, sind schräg und wirken fragil. Fenster, eigentlich leicht und zerbrechlich, bilden ein festes Raster und sind optisch die geradlinigen Stützen, die wie ein Netz die Häuser zusammenhalten.

Mit dem fertigen Modell ging die Arbeit erst richtig los. Nur mit vielen Innovationen gelang es, die Vorstellungen Gehrys umzusetzen, erinnert sich Beucker. Eine Herausforderung war beispielsweise, das dreidimensionale Modell in Zeichnungen und Aufrisse umzusetzen. Mit einem speziellen Abtastverfahren wurden die Modellmaße in den Computer übertragen. Mit einem Rechen- und Zeichenprogramm – Katia genannt und von Beuckers Team weiter entwickelt – wurde dann für die Außenhaut ein inneres Gerüst mit Stützen, Wände und Böden virtuell eingezogen und dann berechnet.

Eine andere Herausforderung konnte nur durch innovatives Querdenken gemeistert werden: Die Schalung der geschwungenen Betonwände war zunächst ein kaum lösbares Problem. Bis die Ingenieure der Baufirma Hochtief auf die Idee kamen, die Schalung wie eine Verpackung für den Beton anzusehen. Und Verpackungen für alle möglichen Teile wurden damals schon per Roboter in Styroporblöcke gefräst, wenn nur die entsprechenden Daten per Computerprogramm übermittelt werden konnten. Diese Daten lagen wegen der speziellen Konstruktionsweise vor. Schließlich fanden die Ingenieure ein Unternehmen mit den nötigen großen Fräsmaschinen. Sie stellte Styroporformen für die unterschiedlichen Fassadenteile her, in die dann Beton gegossen wurde. Die fertigen Teile wurden dann am Bau montiert. Das Verfahren für diese Schalung wurde patentiert.

Etliche weitere Probleme konnten nur durch den Einfallsreichtum von Ingenieuren gelöst werden. Sie sahen sich herausgefordert, durch Innovationen die Stadtskulptur im Medienhafen verwirklichen zu helfen. So sind die Gehry-Bauten auch ein Zeichen für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und für den Willen, Neues zu schaffen. Das passte gut in die Stimmungslage von Düsseldorf in den 1990er Jahren. Politiker, Stadtplaner, Unternehmer und auch Vereine wollten einen Aufbruch, wollten zeigen, dass die Landeshauptstadt mit einem Strukturwandel Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung halten und neue Akzente setzen konnte. Der Ausbau des Medienhafens, Mitte der 1970er beschlossen, sollte die verheißungsvollen Wirtschaftszweige der Medienindustrie, sollte Kreative, Werbefachleute und Künstler anlocken. Mit der Verpflichtung von international anerkannten Architekten für den Bau der Häuser wollte die Stadt den äußeren Rahmen schaffen. Eine Vision nannten die Stadtplaner diese Idee der Umstrukturierung des maroden Hafenviertels. Denn sie bildete sich nicht Schritt für Schritt behutsam heraus, sondern beherrschte unvermittelt die Vorstellungen der Stadtentwicklung an dieser Stelle. Alles sollte möglich gemacht werden, sie schnell zu verwirklichen.

Diese Vision von einer modernen, florierenden Stadt teilte auch der Werbefachmann Rempen, wollte mit einem Gebäude, das Innovation manifestierte, ein Ausrufezeichen setzen. Mit Gehry fand er einen Architekten, der diese Vision ausdrücken konnte und auch wollte – nicht zuletzt, um der modernen Stadt Düsseldorf eine Identität zu geben. Deshalb sind die Gehry-Bauten auch zu einem Wahrzeichen Düsseldorfs geworden.

(RP)
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