Düsseldorf: Gehäkelte Kunst aus Plastikmüll

Düsseldorf : Gehäkelte Kunst aus Plastikmüll

Was andere wegwerfen, hat die Düsseldorfer Künstlerin Maria Gilges schon immer fasziniert. Jetzt häkelt sie Fabelwesen aus alten Kunststoff-Resten.

Ein Monster kommt selten allein. Manche dieser Zottelköpfe tragen menschliche Züge, andere scheinen aus dem Tierreich zu stammen. Sie haben Fledermausohren, lange Nasen, kurze Hälse, und alle schauen mit erstaunten Stiel-Augen in die Welt. Rätselhafte Wesen voller Witz. Obwohl jedes eine ausgeprägte Individualität besitzt, stammen sie alle aus einer Familie. Ihre Schöpferin, die Düsseldorfer Künstlerin Maria Gilges, hat sie alle gehäkelt - aus alten Einkaufstüten: Poesie aus Plastikmüll.

Was andere wegwerfen, hat sie schon immer fasziniert. Vor zwölf Jahren begann Maria Gilges (55) auf Flohmärkten und vom Sperrmüll alte Familienfotos zu sammeln. Unzählige Alben schleppte sie in ihr Atelier in einem idyllischen Hinterhof in Flingern. "Wer waren diese Menschen, was hat sie ausgemacht, wie ist ihr Leben verlaufen?" Solche Fragen zu stellen, auf die es keine Antworten gab, leiteten sie auf ihren künstlerischen Weg: Sie malte, wozu die Fotos sie inspirierten.

Manches taucht auf ihren Bildern nur als Schatten auf, wie ein Kaffeeservice auf einem Gartentisch. Anderes, was sie wichtig findet, wird überdeutlich: Die Haltung der Menschen auf den Fotos, ihre Blicke und Gesten, oder die himbeerrote Farbe eines Kleides. So wurde sie zu einer Geschichtenerzählerin mit dem Pinsel.

Als Maria Gilges nach neuen Ausdrucksformen suchte, begann sie, die Fotos mit Klarsichtfolien zu verschweißen, dadurch wurden sie schemenhafter, geheimnisvoller. Dann verpasste sie ihnen Rahmen - und griff zum ersten Mal nach bunten Einkaufstüten, die sie bügelte bis sie zusammenschmolzen. "Die Hitze löschte ihre Herkunft beinahe aus." Im Internet stieß sie dann auf ein Video, dass eine Afrikanerin vor ihrer Hütte zeigte: Sie häkelte aus Plastiktüten, die sie vorher zu feinen Streifen geschnitten hatte. "Das war's!" Die Idee für Monster war geboren.

Mittlerweile dürfte Maria Gilges einen Berg von Plastik verarbeitet haben, für ein großes Fabelwesen braucht sie mehr als 40 Tüten. "Ist doch allemal besser, als wenn das Zeug im Meer landet", meint sie lachend. Stundenlang braucht sie, bis die Tüte zerschnitten, die Streifen zum Knäuel aufgerollt sind und schließlich so ein skurriles Wesen - Reihe für Reihe - mit der Häkelnadel Gestalt annimmt. Bis es einen Schmollmund hat, einen strubbeligen Bart oder eine wilde Zottelmähne. "Trophäen" nennt Maria Gilges die Monsterparade, die in ihrem Atelier von den Wänden herunter glotzt, "die ersetzen doch jedes Hirschgeweih." Die ersten Käufer, die ein solches Fabelwesen mit nach Hause genommen haben, berichten, dass sie bei jedem Besucher sofort Schmunzel-Attacken provozieren.

Für die Künstlerin aber hat sich ein Kreis geschlossen: "Alte Fotos und Plastiktüten, beides gibt es massenhaft. Durch meine Arbeiten entsteht etwas Neues daraus." Sie konserviert Dinge und haucht altem Material, das sonst auf dem Müll landen würde, neues Leben ein. Wahrscheinlich sind ihre Fabelwesen deshalb so vergnügt.

(RP)
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