Geflüchtete in Düsseldorf Täglich 30 Neuankömmlinge aus der Ukraine

Düsseldorf · Die ukrainische Community in Düsseldorf zieht viele Geflüchtete an. Jeden Tag kommen ungefähr 30 Neuankömmlinge an. Wie es ihnen ergeht, sagt Sven Weiss vom Amt für Migration.

 Sven Weiss, hier vor dem Infopoint für Geflüchtete am Hauptbahnhof, leitet im  Amt für Migration und Integration  den städtischen Führungsstab Ukraine.

Sven Weiss, hier vor dem Infopoint für Geflüchtete am Hauptbahnhof, leitet im  Amt für Migration und Integration  den städtischen Führungsstab Ukraine.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Der Fluchtstrom aus der Ukraine reißt nicht ab: Jeden Tag kommen weiterhin durchschnittlich 30 Menschen in Düsseldorf an und melden sich am Infopoint. Das berichtet Sven Weiss, Leiter des städtischen Führungsstabs Ukraine. Das ist aber deutlich weniger als kurz nach Ausbruch des Kriegs. „Ich kann mich noch sehr genau an den 11. März erinnern“, sagt Weiss.

An diesem Tag eröffnete der Infopoint am Hauptbahnhof – rund 1000 Menschen kamen allein am ersten Tag, in den folgenden Wochen waren es 800 bis 900 Beratungen täglich. Insgesamt hat die Stadt seitdem rund 9000 Geflüchtete aus der Ukraine registriert. Auch bei der Unterbringung von Geflüchteten – etwa 3800 Ukrainer und rund 3500 Menschen anderer Nationen – liegt Düsseldorf über der Quote, die die Stadt erfüllen müsste.

Dass es vergleichsweise viele Ukrainerinnen und Ukrainer nach Düsseldorf zieht, ist aus Sicht von Sven Weiss nur logisch. Nach Großstädten wie Berlin, München und Hamburg war Düsseldorf schon 2020 unter den Top zehn Städten mit den größten ukrainischen Communitys in Deutschland – schon vor dem Krieg lebten 3700 ukrainische Staatsangehörige hier.

Für viele Familien, die im vergangenen halben Jahr aus ihrer Heimat geflüchtet sind und Familie und Freunde hier haben, war Düsseldorf darum ein Anlaufpunkt. Verteilungen an andere Kommunen gebe es darum nur in seltenen Fällen, sagt Weiss. Etwa wenn eine Person gar keinen Bezug nach Düsseldorf hat und mobil ist. „Nur wenn es jemandem wirklich zuzumuten ist“, sagt Weiss.

Auch wenn mittlerweile weniger Menschen kommen, sind die Frequenz und der Beratungsbedarf weiterhin hoch. Etwa 450 Menschen lassen sich zusätzlich zu den Neuankömmlingen jeden Tag am Infopoint beraten. Dabei geht es etwa um Tickets für den Nahverkehr, Vermittlung von Schul- und Kita-Plätzen, Berufsberatung oder Wohnungssuche, sagt Weiss.

Denn weiterhin bringt die Stadt fast 3800 Menschen in unterschiedlichen Unterkünften unter, hauptsächlich in Hotels. Auch sie sollen nach und nach in mittel- und langfristige Alternativen wechseln. Etwa 500 Ukrainerinnen und Ukrainer wurden bereits in Mietwohnungen vermittelt, hinzu kommen einige Geflüchtete, die in kleinen Selbstversorger-Apartments leben, die die Stadt angemietet hat. Die Zahl der Unterbringungen bleibt aufgrund der Vermittlungen, Wegzüge in andere Kommunen und Rückkehrer in die Ukraine trotz der stetigen Zuzüge stabil, sagt Weiss.

In den vergangenen Monaten haben sich die Bedürfnisse und Probleme der Geflüchteten verändert, sagen auch Mariia Rohalska und Anna Cosic, die beim Verein „Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf“ Beratungen anbieten. Anfangs ging es viel um akute Hilfen: Lebensmittelgutscheine, Handy-Karten, Kleidung. Mittlerweile kümmern sich die Ehrenamtlichen häufiger um Fragen zu Wohnungen, Arbeitsverträgen, Kindergeld.

Wie gut die Ukrainer ankommen, wie sehr sie sich auf die neue Situation einlassen können, sei sehr individuell, so die Ehrenamtlerinnen. Frauen, deren Partner in der Heimat geblieben sind, falle dies deutlich schwerer, sagt Cosic. Auch Familien, die aus Kiew und Umgebung kommen, planen oftmals mit einer Rückkehr. „Für Menschen aus Mariupol, Ludansk, Charkiw hingegen gibt es kein Zurück mehr“, sagt Rohalska.

Die meisten Geflüchteten suchen Wege, um ihre Berufe auch in Deutschland ausüben zu können, berichten die Ehrenamtlerinnen. Ihrer Schätzung zufolge haben 80 Prozent einen Hochschulabschluss, haben Medizin, Ingenieurwissenschaften oder Wirtschaft studiert. Die Qualifikationen anerkennen zu lassen, ist aber ein langer Weg. Wie viele Geflüchtete in Düsseldorf mittlerweile einen Job ausüben, ist nicht bekannt – sie erhalten mit dem Aufenthaltstitel automatisch eine Arbeitserlaubnis und können einen Vertrag abschließen, ohne das beim Jobcenter zu melden.

Klar ist aber: Mehr als 7800 Ukrainerinnen und Ukrainer bekommen die Grundsicherung, weitere 700 Personen erhalten eine Sozialhilfe für über 65-Jährige. Sven Weiss vom Führungsstab Ukraine kenne aber „etliche Beispiele“ von Geflüchteten, die Jobs angenommen haben, sagt er – in der Gastronomie, in der Pflege oder in IT-Berufen.

Mariia Rohalska, die Psychologin und Psychotherapeutin ist, hat auch die emotionalen Veränderungen bei den Geflüchteten beobachtet, die nun schon mehrere Monate in Düsseldorf leben. „Viele waren anfangs aufgeregt und verloren. Jetzt ist etwas Ruhe eingekehrt.“ Zugleich bemerke sie aber mehr Depressionen und Teenager mit Selbstverletzungen.

Vor allem Jugendliche hätten es schwer, sich an die Situation zu gewöhnen, sehnen sich nach Freunden oder der ersten Liebe. Zudem warten viele Kinder noch immer auf einen Schulplatz, so die Ehrenamtlerinnen, vor allem an den weiterführenden Schulen. Einige kehrten sogar in umkämpfte Gebiete zurück, um ihren Abschluss machen zu können.

Die Stadt hat bislang 1500 Kinder an Schulen vermitteln, sagt Sven Weiss, hauptsächlich seien diese im Grundschulalter. Es gebe zwar weiterhin eine Warteliste, auf der stünden aber nur etwa 50 Personen und von der Meldung bis zum vermittelten Schulplatz vergingen in der Regeln nur drei Wochen.

Die Grundschule Sonnenstraße etwa hat 16 Kinder aus der Ukraine aufgenommen, die über die Klassen in den vier Jahrgangsstufen verteilt sind, berichtet Schulleiter Kornelius Knettel. Dass Kinder ohne Deutschkenntnisse in die Klassen kommen, sei das Kollegium bereits gewohnt. Problematischer sei die Größe der Klassen. Die müssten in Kleingruppen aufgeteilt werden, um überhaupt arbeiten zu können, dafür fehle aber das qualifizierte Personal, sagt Knettel. Studierende und Quereinsteiger stünden darum immer häufiger im Klassenraum. Die geflüchteten Kinder kämen trotz aller Herausforderungen gut zurecht, sagt Knettel. Die meisten hätten Anschluss gefunden, lernten schnell Deutsch – und fänden in der Schule eine willkommene Ablenkung.