Garten ist 100 Jahre alt: Frühling im japanischen Garten

Garten ist 100 Jahre alt: Frühling im japanischen Garten

In Düsseldorf entstand vor über 100 Jahren der erste Japanische Garten Deutschlands. Der Japanologe Christian Tagsold kratzt an einem alten Mythos und plädiert für eine entspannte Sicht auf die Gärten von heute. Mit der Realität in Japan haben sie nichts zu tun, sagt er.

Ein Traum in Rosa: Der Blick in einen blühenden Japanischen Kirschbaum beflügelt die Lust im Lenz, das wissen wir nicht erst seit Doris Dörries Film "Hanami." Der Frühling von fernöstlicher Prägung lässt sich auch in Düsseldorf erleben — am Buddhistischen Tempel in Niederkassel und im Japanischen Garten im Nordpark.

In einer Ausstellung wurde 1904 in Düsseldorf ein Japanisches Teehaus präsentiert. Foto: Stadtarchiv

Dort verheißt eine Erläuterungstafel Besuchern nicht nur Ruhe und reizvolle Ausblicke, sondern das Erlebnis "der einheitlichen Mentalität und Tradition des Japanischen Volkes." Ist eben so richtig schön exotisch, dieser Garten, und typisch japanisch. Tatsächlich? Christian Tagsold, Japanologe an der Heinrich-Heine-Uni, kratzt am Mythos, der dort gepflegt wird: "Der Garten ist wunderschön, aber sein Besuch sollte nicht mit solcher Bedeutung aufgeladen werden."

Die findet der Wissenschaftler einfach nicht mehr zeitgemäß. Düsseldorf war mal wieder Pionier unter den Städten: 1904 entstand etwa an der Stelle des heutigen Ehrenhof-Ensemble der erste Japanische Garten in Deutschland. Mit rheinischem Fingerspitzengefühl sollte der Kaisergarten in Tokio nachgebaut werden, als Vorlage reichte eine Fotografie. Das Ergebnis ließ die Stadtmenschen staunen, so schrieb ein Zeitgenosse: "Wir sitzen im Teehäuschen bei einer von echten Japanerinnen kredenzten Tasse Tee und können uns in Ruhe dem Studium dieser kleinen, in sich abgeschlossenen Welt hingeben."

Mit dem Grün aber wuchs nach Einschätzung des Wissenschaftlers noch etwas anderes: ein Japanbild, das sich in den Köpfen der Menschen verfestigte. Ein Bild, das auch angebliche Gegensätze, sogar Gräben zwischen den Kulturen betonte. Hier der Europäer, der sich als Mittelpunkt, ja Beherrscher der Welt sieht. Dort der Asiat, ausnahmslos Ästhet, der sich als Teil der Natur empfindet — wie es bis heute auf der Erläuterungstafel im Nordpark zu nachzulesen ist.

"Das sind doch alles Klischees", kritisiert Christian Tagsold, der neben Japanologie auch Soziologie und Geschichte studiert hat. Er wünscht sich einen neuen Ton für diese Tafeln — "denn den Japaner gibt es ebenso wenig wie den Deutschen, der sonntags in die Kirche geht und das Oktoberfest liebt."

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Die Tafeln sollten vielmehr die Geschichte des jeweiligen Gartens erklären, aber ihn nicht als Beispiel für das Japanische an sich bezeichnen. Tagsold: "Denn das gibt es nicht."

Nichts habe die europäische Vorstellung von Japan über 100 Jahre so konstant geprägt wie diese Gärten. Nachdem in Europa die exotischen Oasen groß in Mode gekommen waren, habe man auch im Ursprungsland viele Parks wieder neu entdeckt und entsprechend hergerichtet.

Christian Tagsold spricht von einer Wechselwirkung: "Erst durch die Wertschätzung im Westen wurden die Gärten in Japan zu einem nationalen Symbol." Rund 70 dieser Gärten besuchte er in ganz Europa und kennt durch mehrere Japanaufenthalte auch deren Vorbilder. Nun hat er darüber seine Habilitationsschrift verfasst. Mit kritischen Tönen: "Überall bin ich auf eine merkwürdige Verklärung gestoßen."

Und so appelliert er an alle, die bei ihrem Frühlingsspaziergang im Niederkasseler Tempelgarten oder im Nordpark zwischen akkurat gestutzten Schwarzkiefern und lila blühenden Azaleen, zwischen Granitpyramide und Bogenbrücke eine Prise Exotik erleben wollen: "Genießen Sie die Schönheit, aber glauben Sie nicht, Sie würden ein Stück Japan erleben."

Ehrfurcht sei fehl am Platz: "Man muss nicht schweigend und meditierend dort spazieren gehen." Das beste Beispiel für einen lockeren Umgang seien an Wochenenden Jugendliche, die durch Kleidung und Frisuren japanische Comics nachempfinden. Aber wer mag, darf hier auch ganz still sein und ein wenig träumen — unter dem "Baum, der die Strahlen der untergehenden Sonne filtert." Klingt doch viel poetischer als: Ahorn.

(RP/anch)
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