Velomobil oder wie man mit dem Liegerad zur Arbeit nach Breyell fährt

Serie Radfahren in der Region : Das Velomobil ist die Krönung

Ingenieur Detlef Günther (58) ist aufs Rad umgestiegen. Er fährt gerne mit dem Liegerad zur Arbeit nach Breyell.

Wenn Detlef Günther mit seinem Gefährt durch Düsseldorf gleitet und fürs Einkaufen stoppt, wird er von Neugierigen umringt. Fotos werden gemacht. Er muss Fragen zu seinem schnittigen Fahrgerät beantworten. Wo ist es her, was kostet es, wie ist der Fahrkomfort und ach, es hat wirklich vier Räder? Einmalig ist Günthers Liegerad auf jeden Fall, denn niemand sonst hat das Quattrovelo in der blau-schwarzen Lackierung. „Wer ein Aufmerksamkeitsdefizit hat, kann es mit dem Velomobil auf jeden Fall ausgleichen“, sagt der 58-Jährige.

Günther ist Ingenieur, ein ruhiger Typ, kein Prahlhans. Leute wie er lieben das Basteln, das Knifflige, technische Raffinessen. Der Hauptgrund dafür, mehr Fahrrad zu fahren, war bei dem Düsseldorfer ein Augenleiden. „Ich wollte nicht mehr Auto fahren“, sagt er. Das war 2012. Zunächst legte er sich ein S-Pedelec zu. Mit dem e-Bike machte er ausgiebige Touren, fuhr auch von Derendorf aus zur Arbeit nach Nettetal. In Breyell ist er bei der Firma Efa Experts for Automation beschäftigt. Die Belastung für den Körper war aber zu groß. Günther verspannte sich und hatte Schmerzen: Nacken, Handgelenke, Po – alles tat weh.

Schnittig geformt: das Velomobil von hinten. Foto: Anne Orthen (ort)

In Willich kaufte er sich ein Trike, eine Liegerad mit drei Rädern, das offen ist. Die Preislisten dieser Modelle beginnen bei 5000 Euro, das Geld investierte er gerne, denn damit kam der 58-Jährige besser klar. Eines Tages sah er an einer Kreuzung ein Velomobil: ein Liegerad mit Karosserie, so etwas wie eine moderne, schnittige Seifenkiste. Günther suchte sich bei der niederländischen Firma Velomobiel zunächst das Modell Mango aus, ein Modell zwar mit Vollverkleidung, aber noch ein Dreirad. „Das war mir zu langsam, es hatte noch die alte Technik und nicht die perfekte Form.“

Detlef Günther in seinem Velomobil. Das schwarzblaue Quattrovelo gibt es nur ein einziges Mal. Foto: Anne Orthen (ort)

Nach dem Wechsel auf ein belgisches Modell stieg Günther vor knapp zwei Jahren auf das Top-Modell von Velomobiel mit vier Rädern um. Grundpreis: 8000 Euro, mit ein paar Extras ist es 10.000 Euro teuer. Das Mobil besteht aus Kohlefaser und wiegt gut 30 Kilogramm. Für Günther ist es die perfekte Varian­te, er mag beim Design den Stil der fünfziger Jahre.

Die Einkäufe können bequem im Kofferraum verstaut werden. Foto: Anne Orthen (ort)

Das Quattromobil ist besonders stromlinienförmig, liegt dank der vier Räder zudem sicher auf der Straße. „40 bis 45 km/h sind damit kein Problem“, sagt Detlef Günther. Bergab fährt so ein Mobil auch 70 Kilometer pro Stunde und schneller. Eine Motorunterstützung hat das Gefährt nicht, Günther fährt mit Muskelkraft und nutzt seine 18 Gänge. Das Pinion-Getriebe ist vorn am Tretlager angebaut und wird über einen Drehgriff gesteuert.

Im Sommer fährt der Düsseldorfer mit dem Liegerad regelmäßig die 41 Kilometer zur Arbeit. Er ist Frühaufsteher, verlässt das Bett um 4 Uhr, fährt eine Stunde später los und ist um 7 Uhr in Nettetal. Fahrradwege darf er mit seinem flotten und keineswegs kleinen Rad (2,83 Meter lang, 77 Zentimeter breit) zwar nutzen, aber lieber schwimmt er im Verkehrsfluss auf der Fahrbahn mit. Abends, wenn weniger Autos auf den Straßen sind, zischt er mit 60 Sachen auch mal durch die Kö-Bogen-Tunnel. Auf den Landstraßen entscheidet Günther situationsabhängig, wo er fährt.

Vorne und hinten hat das Velomobil Leuchten, Günther hat den von hinten nahenden Verkehr dank zweier Rückspiegel im Blick. Der Lenker ist eine kleine Querstange, an der auch die Bremshebel befestigt sind. Nur der Kopf guckt aus dem Gefährt, bei Regen kann er den Einstieg mit einem Schaumdeckel schließen. Das zulässige Gesamtgewicht liegt bei 160 Kilogramm, der Kofferraum ist keineswegs klein, die Einkäufe passen dort gut hinein. Bei einem Test hätte man 36 Sixpacks im Velomobil untergebracht, erzählt er.

Zu Hause in Derendorf steht das Mobil in der Tiefgarage, abschließen kann man es nicht. „Ich habe vor Diebstahl keine Angst, eher vor Vandalismus“, sagt Günther. Ab und zu macht er größere Touren, fährt zu den „Burning Roads“-Rundfahrten nach Ochtrup ins Münsterland und absolviert in fünf Tagen 850 Kilometer.

Das Autofahren vermisst der Düsseldorfer überhaupt nicht. Er bereue den Umstieg an keinem Tag. Er sei fitter, fühle sich besser als früher. „Der einzige Fehler, den ich gemacht habe, ist, dass ich den Umstieg nicht zehn Jahre früher vollzogen habe“, sagt er. Das Fahren im Velomobil mache einfach Spaß, und es sei großartig, aus eigener Kraft und fast anstrengungslos relativ schnell vorankommen zu können.