Beobachtungen aus der Stadt: Düsseldorf – Tag und Nacht

Beobachtungen in Düsseldorf : Die Stadt bei Tag und Nacht

Unsere Autorin hat das Leben in der Landeshauptstadt protokolliert. Entstanden ist ein Wimmelbild Düsseldorfs.

9.55 Uhr, Flughafen Terminal, Ankunftshalle Ein Quartett von Mülleimern grüßt die Neuankömmlinge, die längste Röhre: blau. Jetzt greift eine Hand in die niedrigste Röhre, gelb; das knickende Rascheln der Plastikabfälle mischt sich in das Koffer-Geratter. Damen und Herren in Daunenjacken sämtlicher Couleur schieben, meist nur mit Hilfe weniger Finger, Leichtmetallkoffer neben sich her, fahrende Aluminiumkästen – zumeist gekennzeichnet mit einem sich von der Kofferfarbe abhebenden Gurt. Köpfe drehen sich in alle Richtungen des grauen Hallenhimmels, Mobiltelefone wandern an Ohren, Zeigefinger deuten in die Horizontale, Stadtlandung. 10.18 Uhr. 

10.32 Uhr, Marktplatz Ein Mann mit grüner Mütze und brauner Lederjacke schleicht um den Goldkäfig, ein Zaunquadrat mit 56 Metallstäben pro Schenkel. Die Eingesperrten thronen in Mintgrün auf einem Marmor-Podest: ein Reiter und sein Ross. Der eine mit Krone und Briefrolle in der Hand, der andere mit aufgestellten Ohren und leicht zur Seite geneigtem Kopf. Ein pinkes Zwillingsregenschirmpaar erklimmt die Stufen zum Rathaus; an ihm vorbei eilt ein Herr im schwarzen Anzug, jetzt fahren zwei Taxis gleichzeitig vor. Die Anzahl der Vierräder ist größer als die Anzahl der Vierbeiner, zehn zu eins. 10.51 Uhr. 

10.55 Uhr, Bäckerstraße Ein Mann sticht mit einer Schaufel in den Hügel, das alles auf weißem Hintergrund, eingegrenzt durch ein rotes Dreieck. Das Schild lehnt schief am Baugerüst, dem Haus wurde ein Kleid angezogen, feinmaschig unten; je höher, desto grobmaschiger, zum Himmel hin gleicht es einem Fischernetz. Verbarrikadierte Fenster, hier schaut niemand heraus, hier wird nur passiert, wie gerade der Jogger in Blau-Weiß. Ein Bebrillter mit glatt nach hinten gekämmtem Haar positioniert sich wartend vor dem feinmaschigen Netzkleid des Hauses. Jetzt fährt ein Windstoß durch den Stoff, auch das hochgewachsene Unkraut am Saumes-Ende des Bauhauskleides zittert, der Brillenträger schaut auf seine Uhr, Nordwind. 11.09 Uhr. 

11.58 Uhr, Konrad-Adenauer-Platz „Mehr Frische in der City“, rattert als Imperativ von links nach rechts vorbei. In der Ferne blinkt im 40-Sekunden-Rhythmus: Pommes. Currywurst. Krakauer. Guten Appetit. Zahlen von fünf bis acht regulieren die Zeitspannen der Aufenthalte von Menschen; an bestimmten Orten muss länger gewartet werden, als anderswo. Ein Sonnenstrahl trifft auf einen Herrn im langen schwarzen Mantel; jetzt steigt ein Taubenschwarm gen Himmel auf. Der einzig vom Januar-Licht Betroffene zieht eine Sonnenbrille aus der Innentasche. Die Fassung: dunkelrot. „Nächste Haltestelle: Frische“ heißt es in einer leichten Variation von rechts nach links, die Mehrheit der in der Bahn Stehenden steigt aus. 12.22 Uhr. 

15:55 Uhr, Kaiserswerther Straße Ein Drittel der Büroquadrate ist noch erleuchtet, das Licht kommt einheitlich aus Halogenstrahlern, grell und kalt scheint es auf die Köpfe der Fleißigen. In einem Zimmer stehen überdurchschnittlich viele Personen: vier. Die einzige Frau im Raum trägt ein hellrosa Kostüm, noch hängt ein goldroter Stern in der Ecke; vielleicht ein Neujahrsempfang. Trist ragt das Geäst der blätterlosen Pappel in den grauen Himmel hinein, plötzlich aufklappende Regenschirme deuten auf Niederschlag hin. Mütter fahren Kinder auf überdurchschnittlich großen Fahrrädern heim, schmerzlich verzerrte Gesichter lehnen im 30-Grad-Winkel über Lenkern, Gegenwind. 16.15 Uhr. 

16.39 Uhr, Carlsplatz Stand Nr. D1. Hier geht’s um die Wurst. Im Wind dreht sich ein Stern. Der Mann in Rot trägt gelbe Plastikhandschuhe, während er den Rost schrubbt. Eine Gruppe buntbehängter Jugendlicher biegt um die Ecke, an jeder Hand baumeln Taschen, Zahnspangen blitzen im Licht der Straßenlaterne. Das Gehen auf den hochhackigen schwarzen Schuhen fällt der Blondhaarigen schwer, das ungünstig verteilte Gewicht der Papiertüten in der rechten Hand wirkt sich auf ihren Gang aus. Ein Straucheln. In ihrer linken Hand: die Zigarette. Ein Weißhaariger mit rotem Schal macht eine plötzliche, unerwartete Kehrtwendung, ein Stöhnen entfährt den Nachgängern, es wird umgehend abgebremst, Feierabend­verkehr. 17.02 Uhr. 

17.47 Uhr, Nordstraße Gelb. Grau. Das Farbkonzept der Straßenbahn. Gelb zum Festhalten, geometrisch gerade; Grau zum Anlehnen und drauf stehen, abwaschbar. Gelb auch das Werbeschild des Discount-Bestatters: 595 Euro, Komplettpreis. Rechts daneben, das Gegenteil von Sterben: Club del Mar, Mallorca, All Inclusive, eine Woche 399 Euro. Das Frankreich-Lokal neben der Haltestelle lädt zum Warten ein, beim Vin Rouge lebt es sich leichter, selbst die Kellner haben einen schwebenden Schritt. Insgesamt 37 Lampen erleuchten die Köpfe derer, die das Leben genießen, jetzt werden am Fenstertisch Austern serviert. 18.01 Uhr. 

19.35 Uhr, Worringer Platz Grüne Lampen auf dem Boden weisen den Weg zur Pizza, neben der Pappel liegt eine leere Wodkaflasche. Auf den milchig beleuchteten Mauern gesellen sich Trinkende zu Gruppen zusammen, braune Flaschenhälse werden an laut redende Lippen gehalten; das Schweigen ist nur vorübergehend. Ein Trinkender steht auf, um mit einem ungeöffneten schwarzen Stabregenschirm einen Pappbecher über den Platz zu schlagen, umgehend folgt ein grölender Aufschrei aus der Menge. Nummern auf Tafeln kündigen Zeitpannen von Dauer an, Atemwolken steigen aus den Mündern der Wartenden, jetzt öffnet ein Orangener den Mülleimer. Eine vereinzelt auf der Mauer sitzende Frau versucht, sich mit Handschuhen eine Zigarette zu entzünden, vergeblich, „Oh, Alter!“. 19.55 Uhr. 

21.19 Uhr, Am Hackenbruch Um die Ecke biegt die Linie 721, „Hybridbus für den Klimaschutz“, direkt hinterher, ein Zweiter: Dienstfahrt. Bitte nicht einsteigen. Anzahl der wartenden Personen an der Haltestelle: Null. Von 48 Fenstern sind zwei erleuchtet, der Rest des Lichtes kommt von den Straßenlaternen und der Ampel, die nie rot wird. Das Dauergrün des Verkehrsreglers malt Recyclingpunkte auf die Scheiben der Autos, jetzt singt der Kiosk-Besitzer zum HipHop-Song. Männliche Hüften kreisen neben Chips im Sonderangebot, Cheese and Onion, 2,49 Euro, Grünlicht statt Rotlicht. 21.34 Uhr. 

22.51 Uhr, Erkrather Straße Das auf die Rückseite des Verkehrsschildes geklebte Gespenst schielt, dunkelblau sein Körper, schwarz seine Pupillen. Schwarz auch die Nagellackfarbe der Kellnerin, die jetzt draußen raucht und sich das blondierte kurze Haar, schon fast mechanisch, aus dem Gesicht streift. Glitzernde Glasscherben liegen auf der quadratischen Grünfläche, auf der das Verkehrsschild steht. Das Spiegelbild des „Magic Jackpot“ lockt in vielversprechend-grellen Farben: Kirsche. Pflaume. Zitrone. Sommer. Herbst. Der Süden. Draußen stehen schwarze Stühle, aus Plastik gewebt, auf den Tischen liegen Regentropfen. Ein Aufkleber mit einem Feuerwehrlöscher-Symbol erinnert daran, dass es heiß werden kann. 23.09 Uhr. 

23.25 Uhr, Dorotheenplatz Alles blinkt, hier ein gelber Pfeil, dort das Bremslicht des Stoppenden. Menschen eilen als schwarze Dreiecke über die Straßen; nur Beine, keine Körper, die Gesichter: verschwunden unter übergroßen Kapuzen mit Fellabsätzen. Hände suchen die Nachbarschaft zu anderen Händen, wahlweise werden auch Bierflaschen akzeptiert. Kiosklichter ersetzen das Diskolicht, Open, Open, Open, grün, blau, rot, lockt es zum nächtlichen Kauf. Der überquellende Mülleimer erzählt Geschichten vom Tag, pink leuchten die zwei „Ts“ der Telefonzellen, die Nacht in der Stadt kennt keine Dunkelheit. 23.55 Uhr.

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