Düsseldorf: Freitag: Düsseldorf, City, 13.30 Uhr

Düsseldorf : Freitag: Düsseldorf, City, 13.30 Uhr

Normalerweise schieben sich an einem Freitag um die Mittagszeit Menschenmassen durch die Landeshauptstadt. Doch während des Spiels der deutschen Fußball-Nationalmannschaft herrscht vielerorts nur gähnende Leere. Unterwegs auf der Königsallee.

Es ist erst der zweite Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika. Wer allerdings an diesem Mittag in der Düsseldorfer Innenstadt unterwegs ist, kann den Eindruck gewinnen, das Team von Joachim Löw stehe schon kurz vor dem Einzug ins Endspiel.

Aufwärmphase

Es ist kurz vor 13 Uhr. Die Fahrt in die Düsseldorfer Innenstadt kann man durchaus als ambitioniert bezeichnen. Ein junger Herr hinterm Lenkrad eines mit diversen Deutschland-Utensilien verzierten Corsas hupt sich seinen Weg auf der linken Seite frei, über rechts schießt ein Audi aus der Tiefe der Fahrbahn und vertraut offenbar auch ohne Einsatz des Blinkers auf die Umsicht der anderen Autofahrer. Verkehrsregeln müssen beim Versuch, es noch rechtzeitig zum Anpfiff vor ein TV-Gerät zu schaffen, eben hinten anstehen. Glücklicherweise kommt es zu keinen gravierenden Unfällen.

Anpfiff

Königsallee. 13.30 Uhr. Im Ladenlokal der Modekette "Esprit" kann man sich als Kunde über viele Freiräume freuen. "Gegenspieler" sind nur vereinzelt in Sicht. "Normalerweise", sagt Verkäuferin Melahat Erzurmuloglu, "ist an einem Freitag schon mehr los. Es ist aber doch zurzeit WM, und da ticken die Uhren anders. Viele Frauen nutzen diese Zeit allerdings ganz bewusst aus, sie wollen mal ganz in Ruhe shoppen."

Erzurmuloglu selbst hält sich ganz diskret über das Spiel auf dem Laufenden. "Wir tragen hier alle Funkgeräte, meine Chefin informiert uns, sobald ein Tor fällt." Bei anderen Läden fragt man sich, ob es nicht mehr Sinn gemacht hätte, das Geschäft für die 90 Minuten dieser Partie zu schließen.

Das "Milano" im Einkaufscenter "Sevens" hat sich auf edle Krawatten spezialisiert. "Naja, es sind ja auch noch ein paar Touristen in der Stadt, die sich nicht für das Spiel der Deutschen interessieren", bekundet Verkäuferin Daniela Ivanova. Immerhin hat sie einen guten Blick aufs Geschehen. Mitten im Center wird auf einem riesigen Bildschirm die Partie übertragen.

Draußen marschiert gerade eine Truppe zum Junggesellenabschied in Richtung Altstadt vorbei. "Der Zug", lallt der Bräutigam, "hatte Verspätung. Wir brauchen jetzt schnell Bier und einen Fernseher — das Ganze in genau dieser Reihenfolge." Um zwischenzeitlich kein Tor zu verpassen, ist der Trauzeuge damit beauftragt, Neuigkeiten über sein Handy zu recherchieren. Um kurz nach 14 Uhr vibriert das Gerät besorgniserregend. Erst der Platzverweis für Klose, dann das Gegentor — die Stimmung der Gruppe aus dem Saarland ist schon ziemlich früh im Keller.

Vor einem Juweliergeschäft steht Salem Al-Amire mit seiner Familie. Um ihre Hälse hängen Trillerpfeifen mit schwarz-rot-goldenen Bändern. "Wir haben eben in einer Parfümerie ein wenig eingekauft und dieses Geschenk bekommen", erzählt der Mann aus Kuwait.

"Ich bin großer Fan der deutschen Mannschaft. Leider habe ich bei meiner Urlaubsplanung einen Fehler gemacht. Ich würde jetzt lieber vor dem Fernseher sitzen und das Spiel gucken. Vielleicht schauen wir den zweiten Durchgang ja in einem Café — wenn meine Frau Mitleid mit mir hat. Es gibt da bei uns dummerweise unterschiedliche Interessen, und ich kann mich nicht immer durchsetzen."

Düsseldorfs Straßen sind wie leer gefegt. Auf der Heinrich-Heine-Allee könnte vermutlich selbst eine komplette Schildkröten-Familie ganz gemütlich den Übergang wagen, ohne sich in allzu große Lebensgefahr zu begeben. Ein Radfahrer kurvt um die Absperrung der Baustelle, sonst ist niemand unterwegs. Man wünscht sich noch viel mehr Spiele der Deutschen.

Abpfiff

Schon kurz vor dem Schlusspfiff beginnt das ganz normale Leben wieder am Rhein — zumindest für den deutschen Teil der Fußballfans. Aber alles ist deutlich abgekühlter als noch eineinhalb Stunden zuvor. Die Polizei hat sich ziemlich viele Gedanken darüber gemacht, wie die Feierlichkeiten der deutschen Anhänger eingedämmt werden können.

Autokorsos sollten den Verkehr in der Stadt nicht wie nach dem ersten Spiel gegen Australien lahm legen. Davon kann jetzt keine Rede sein. 0:1 verloren — hupen tun jetzt andere. Ein paar serbische Fans kurven durch die Stadt und schwenken euphorisch ihre Fähnchen.

(RP)
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