Interview zum Frauentag: "Frauen fordern nicht genug - das muss sich ändern"

Interview zum Frauentag : "Frauen fordern nicht genug - das muss sich ändern"

Am 8. März ist Frauentag - und eine ehemalige Frauenministerin besucht den Vodafone-Campus: Renate Schmidt, SPD-Ministerin von 2002 bis 2005. Wir haben sie und Bettina Karsch, Personalgeschäftsführerin von Vodafone, zu Frauen im Beruf interviewt.

Der polnische EU-Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke hat jüngst gesagt, Frauen müssten weniger verdienen als Männer, weil sie schwächer, kleiner und weniger intelligent seien. Wie viele Männer, glauben Sie, denken heimlich genauso?

Renate Schmidt Ich glaube, dass nicht bei allen Männern die veröffentlichte Meinung die echte ist. Wenn ich mir allerdings den alltäglichen Sexismus im Internet anschaue und die Aufregung, als erstmals eine Frau bei der Fußball-EM moderiert hat, wird klar: Bei manchen Männern ist so ein Frauenbild noch fest verankert.

Bettina Karsch Das ist aber auch eine Generationsfrage. Unsere Söhne sind schon ganz anders. Wir werden erleben, dass da eine ganz andere Generation heranwächst.

Bedeutet das, dass wir früh am Frauenbild der Männer arbeiten müssen?

Schmidt Vor allem müssen wir den Blick auf das Selbstbild vieler Frauen lenken. Selbstzweifel sind bei Frauen viel verbreiteter als bei Männern. Sie müssten öfter sagen: Ich kann etwas, mir gebührt der entsprechende Platz. Laut einer OECD-Studie tragen Mütter in Deutschland nur 23 Prozent zu den Haushaltseinkommen bei. Das liegt nicht nur an der bösen Umwelt, sondern an zu großer Bescheidenheit.

Karsch Das kann ich bestätigen. Wenn ich als Personaldirektorin schaue, wer sich am meisten über Bewertungen und Gehälter beschwert, sind das meistens die Herren. Dazu kommt: Wenn eine Frau die Unterstützung zuhause nicht hat, ist es sehr schwer, Beruf und Familie zu vereinbaren. Selbst wenn man als Arbeitgeber versucht, alles möglich zu machen, heißt es dann: Ich komme nicht aus der Elternzeit zurück, es lohnt sich nicht.

Was sagen Sie diesen Frauen?

Karsch Viele der besten Entscheidungen im Leben haben nichts mit Geld zu tun, oder sie zahlen sich später aus. Kinder sind eine Leihgabe des Lebens, sie bleiben nicht für immer in unserem Haus. Wenn sie weg sind, hat die Frau wieder viel mehr Zeit. Daran muss man denken.

Schmidt Laut einer Studie des Leibniz-Instituts leisten die Menschen in Deutschland jährlich 89 Milliarden unbezahlte Stunden Arbeit und 69 Milliarden bezahlte. Von der unbezahlten Arbeit entfällt der Löwinnenanteil (ca. zwei Drittel) auf die Frauen. Dadurch haben sie weniger Zeit für die bezahlte Arbeit. Weil sie von den Männern nicht fordern, dass sie den gleichen Anteil am Haushalt und der Betreuung der Kinder leisten. Das muss sich ändern.

Unterstützt Vodafone Familien darin, Job und Kinder zu vereinbaren?

Karsch Oh ja - sehr! Das ist bei uns ein Prinzip. Als ich aus Spanien zu Vodafone Deutschland kam, war ich trotzdem betrübt, als ich gesehen habe: Teilzeit machen zum großen Teil die Damen. Wir locken sie jetzt zurück.

Schmidt Das Wichtigste ist Zeit. Kein Elternteil stellt sich vor, sein Kind bei der Krippe abzugeben und dann mit 18 Jahren mit vorher vereinbarten Qualitätsmerkmalen aus der Ganztagsschule abzuholen. Eltern wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen. Die Unternehmen müssen diese Zeit zur Verfügung stellen.

Welche Instrumente können helfen?

Karsch An acht Standorten haben wir Kindergärten, auch in Düsseldorf. Hier am Standort ist Home Office sehr ausgeprägt: Bis zu 50 Prozent der Arbeitszeit muss man nicht im Büro verbringen, und 70 Prozent der Mitarbeiter nutzen das.

Schmidt Es braucht die richtige Infrastruktur, bei größeren Unternehmen auch Krippenplätze. Wichtig ist auch, während der Elternzeit den Kontakt zu halten. Nicht sagen: Du bist jetzt drei Jahre draußen, in dieser Zeit wollen wir von dir nichts hören.

Geht denn sowas am Standort Düsseldorf?

Karsch Das ist sogar sehr wichtig. Seit kurzem dürfen unsere Mitarbeiter ihren Laptop und ihr Handy während der Elternzeit behalten. Wenn man sich mal einschalten will, soll das auch möglich sein. Und wir haben die Mitarbeiter in Elternzeit zur Weihnachtsfeier eingeladen. Viele sind gekommen, sogar mit Kinderwagen. Alle fanden das toll. So verlieren sie den Anschluss nicht und kommen hoffentlich zurück.

Viele gut ausgebildete Frauen stecken trotzdem letztlich zurück...

Karsch In Deutschland ist das auch eine Frage der Mentalität. In der weltweiten Vodafone-Rangliste der Diversität liegen wir weit hinten - das kann eigentlich nicht sein. Für mich ist das Wichtigste: Wenn eine Frau nach der Elternzeit zurück will, muss sie Beispiele haben, an denen sie sieht, dass es funktionieren kann.

Schmidt Aber es ist in Deutschland das beliebteste Modell: Mann arbeitet Vollzeit, Frau arbeitet Teilzeit, wenn sie Mutter ist. In Skandinavien ist das anders. Das hat mit Tradition zu tun, aber auch mit politischen Rahmenbedingungen.

Sie meinen das Ehegatten-Splitting...

Schmidt Das Steuerrecht ist feindlich gegenüber einer eigenständigen Erwerbstätigkeit der Frauen. Es ist bei uns lukrativ, einen Hauptverdiener zu haben und eine Zuverdienerin. Und damit ist das Ganze für alle Zeit gegessen.

Welche Rollen spielen bei Frauen und Männern Netzwerke?

Karsch Das müssen Frauen von den Männern lernen - Kontakte aufzubauen, uns zu empfehlen. Wenn wir Chancen dazu haben wie in dieser Woche bei unseren WoMen Network Days hier am Campus, müssen wirklich alle mitmachen. Es gibt in Düsseldorf außerdem auch regelmäßig gemeinsame Abendessen zum Netzwerken.

Schmidt Frauen müssen mehr miteinander reden. Es ist wichtig, dass jede Frau in einer Entscheider-Position andere qualifizierte Frauen kennt, die sie empfehlen kann.

Frau Schmidt, sie haben schon in den 80ern für Gleichstellung gekämpft. Ist es heute leichter?

Schmidt Als ich 1980 mit Politik angefangen habe, waren wir im Bundestag fünf Prozent weibliche Abgeordnete. Ich wurde ausgelacht, als ich das erste Mal sagte, dass wir einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz brauchen. Wenn ich das erzähle, sagt meine Tochter: Hör auf mit deiner Trümmerzeit. Also, so sehr ich oft auch schimpfe: Es hat sich schon vieles getan.

Heißt das auch: Die Mühen lohnen sich?

Karsch Absolut, auch wenn es Anstrengung kostet, und man kann noch mehr erreichen. Das sieht man an der Einführung der Frauenquote für Aufsichtsräte - die wirkt. Vodafone hat kürzlich zwei neue Aufsichtsräte gesucht. Und siehe da, wir haben zwei Frauen gefunden. Es gibt sie!

Fürchten sich die Männer bei Vodafone Düsseldorf eigentlich, weil ihre Personalchefin so sehr für Frauen eintritt?

Karsch Nein. Aber ich sage immer: Kommt auf mich zu, wenn ihr in einem Prozess das Gefühl habt, ihr habt einen Job nicht bekommen, weil ihr das falsche Geschlecht habt. Es gibt immer eine Erklärung, und der Endkandidat muss immer der Richtige sein, anders könnten wir es uns als Unternehmen nicht leisten. Ich gehe auch auf Männer zu und sage: Fragt nach und macht mit.

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