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Düsseldorf: Frankreich lädt Musiktheater ein

Düsseldorf : Frankreich lädt Musiktheater ein

Mitglieder des Theaters Kontrapunkt haben mit Partnern aus Belgien ein Stück europäischer Aussöhnungsgeschichte geschrieben. Jetzt wurden sie zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs ins französische Pozières eingeladen.

Die Geschichte beginnt irgendwann im Ersten Weltkrieg. Rudolf Gillitzer ist deutscher Soldat. Ivanhoe Walker kämpft mit einer australischen Division für die Alliierten. Sie haben einander wohl nie kennengelernt. Aber sie haben Gemeinsamkeiten. Sie spielen gerne Geige. Und sie sehen ihre Heimat nie wieder. In der berüchtigten Schlacht an der Somme fallen beide im selben Monat des Jahres 1916. Und werden in Frankreich begraben.

Die Geschichte beginnt auch irgendwann in den 1960er Jahren, in einer Grundschule in Victoria, Australien. Ben und Adam treffen aufeinander, werden beste Freunde. 40 Jahre lang sind sie das, als sie entdecken, dass sie mehr als das eigene Leben verbindet. Jeder von ihnen hat einen Großonkel, der im Ersten Weltkrieg in Frankreich fiel. Sie beschließen, auf Spurensuche zu gehen, die Schlachtfelder von einst zu besuchen. Und Adam erfährt schockiert, dass der Bruder seines Großvaters eben kein Australier war. Sondern ein Feind. Ben besitzt ein Kriegstagebuch von Onkel Ivan, auch viele Briefe. Von Adams Onkel Rudolf gibt es nichts. Die Freunde aus Australien gehen in Frankreich auf Spurensuche.

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Die Geschichte beginnt vor anderthalb Jahren in Düsseldorf. Das Musiktheater Kontrapunkt, erfahren in europäischen Gemeinschaftsprojekten, möchte sich zum 100. Jahrestag des Weltkriegsbeginns mit dem Thema befassen. Im Internet suchen die Leiter einen Partner und bekommen Post aus Belgien. Das Théâtre Maât hat nicht bloß Interesse. Sondern auch eine Geschichte. Die irgendwann im Sommerquartier der Theatertruppe begann. Das ist in Nordfrankreich, und in den Ferien hatten sie dort einen Australier kennengelernt, der mit seiner französischen Ehefrau ganz in der Nähe lebt - Ben. Der Großneffe von Ivanhoe Walker erzählt ihnen von der Reise nach Frankreich. Mit seinem Jugendfreund Adam ist er bereit, ein Theaterprojekt dazu zu unterstützen.

"Ein unglaublicher Stoff", erkannte auch Anette Bieker vom Kontrapunkt sofort. Sie begab sich selbst mit ihren Kollegen auf Spurensuche, recherchierte in Archiven in Rudolf Gillitzers Stuttgarter Heimat, las Feldpostbriefe und Zeitzeugenberichte. Im französischen Pozières besuchten die Theaterleute die Soldatenfriedhöfe, auf denen rund um das kleine Dorf hunderttausende Opfer des Kriegs begraben sind. Am 11. November 1918, zehn Minuten nach elf Uhr, war der Krieg dort zu Ende gegangen. Seit 96 Jahren kommen die Menschen aus Pozières und die Angehörigen vieler der Toten zu dieser Zeit zum Gedenken zusammen und singen gemeinsam die Marseillaise. Voriges Jahr waren auch die Düsseldorfer Theatermacher dabei. Und berichteten später von ihrem geplanten Stück.

Der Bürgermeister begriff die Dimension dieses Projekts, das dem Gedanken der Völkerverständigung in so vielen Facetten entspricht. Und er lud die Akteure der "Ballade von Rudolf und Ivan" zum nächsten gemeinsamen Gedenken ein. Nach 96 Jahren werden am Dienstag die Menschen in Pozières erstmals nicht nur den französischen und die Erinnerungsorte der übrigen Alliierten besuchen. Sondern gemeinsam mit der deutsch-belgischen Theatergemeinschaft auch den deutschen Soldatenfriedhof.

Der Violinist des Theaters spielt dabei ein ganz besonders Instrument: Die kürzlich entdeckte und restaurierte Geige, die Ivanhoe Walker einst in Australien zurückließ, um in den Krieg zu ziehen.

Die Geschichte, die so viele Anfänge hat, geht so schnell nicht zu Ende. Rudolfs Nichte, die seit ihrem dritten Lebensjahr in Australien lebt und sich ihrer deutschen Herkunft oft geschämt hat, ist ihr durch das Theaterprojekt näher gekommen. Gerade ist sie zum ersten Mal in Deutschland zu Besuch. Das ist ein bisschen wie ein neuer Anfang.

(RP)