Foto-Rückblick: Die Geschichte des Düsseldorfer Opernhauses

Rückblick mit vielen Fotos : Warum Düsseldorf für sein Opernhaus vernichtende Kritik einstecken musste

Zur Eröffnung des Düsseldorfer Opernhauses im Jahr 1956 hagelte es Verrisse. Die Architekten verteidigten ihren Entwurf.

Selbst Oberbürgermeister Josef Gockeln wirkt nicht überzeugt von dem Gebäude, das er eröffnen muss. Das neue Opernhaus sei kein Hechtsprung und kein architektonisches Wagnis, sagt Gockeln in seiner Ansprache vor 1400 Gästen, darunter vier Bundesminister und die gesamte Landesregierung. Aber immerhin sei es ein Ort „solider Repräsentation“. Begeisterung klingt anders.

Es ist der 22. April 1956, und eigentlich hat Düsseldorf allen Grund zu feiern: Elf Jahre nach Kriegsende hat die Stadt ihrer Oper einen Neubau geschaffen, oder, je nach Ansicht, zumindest eine große Sanierung des Hauses an der Alleestraße (heute: Heinrich-Heine-Allee) bewerkstelligt. Das Bühnenhaus ist saniert und erweitert, das Zuschauerhaus ein Neubau. Zu feiern gibt es zugleich den Start der Opernehe mit Duisburg. Zur Eröffnung spielen die Symphoniker Beethovens „Fidelio“.

Echte Euphorie will aber nicht aufkommen. Das zeigen die Presseberichte von damals, die das Stadtarchiv aufbewahrt hat. Zwar sind sich die Kritiker einig, dass die Akustik gelungen ist. Die Politik empört sich jedoch seit Monaten über die aus dem Ruder gelaufenen Baukosten. Und die Architektur? Die sorgt für ein vernichtendes Echo aus der gesamten Bundesrepublik.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ beklagt einen „fast reaktionär anmutenden Gegenentwurf“ zu dem modernen Neubau, den sich Köln gerade gönnt. Die Lokalzeitung „Der Mittag“ bemängelt eine „zaghaft unentschiedene Mischung von Alt und Neu“. Eine überregionale Tageszeitung findet die Architektur „eher ein wenig bedrückend“ und wittert eine „betont restaurative Baugesinnung“. Und die RP schreibt enttäuscht: „Dass das Haus für heute (und im Stile von gestern) gebaut worden ist, werden alle die bedauern, die um die Verpflichtung der Städte wissen, für die Zukunft zu bauen.“

Das sind nicht die Reaktionen, auf die die Politiker gehofft haben. Sie haben sich mehr versprochen, auch wenn sie die „kleine Lösung“ gewählt haben. Dass die Oper die neue Heimat gebraucht hat, ist unstrittig. Der Zuschauerraum des 1875 eröffneten Theaters an selber Stelle, als „Semperoper von Düsseldorf“ in Erinnerung geblieben, ist 1943 durch Luftangriffe zerstört worden. Der „Eiserne Vorhang“ hat verhindert, dass die Flammen auf das Bühnenhaus übergriffen. Noch während des Krieges gelingt zwar ein provisorischer Wiederaufbau, in dem nach Kriegsende der Betrieb dauerhaft wieder aufgenommen werden kann – und das Gebäude dient am 2. Oktober 1946 sogar dem Landtag von NRW für seine konstituierende Sitzung. Klar ist aber: Lange hält das marode Gemäuer nicht mehr durch.

Also stehen Anfang der 1950er Jahre dieselben Fragen im Raum, die auch derzeit wieder besprochen werden: Wohin mit der Oper? Und wie teuer soll es werden? Damals entscheidet man sich für eine vermeintlich einfache Lösung. Der schöne und verkehrsgünstige Standort am Hofgarten bleibt erhalten, auch, weil Düsseldorf noch Platz für ein Schauspielhaus und eine (schließlich nicht errichtete) Konzerthalle sucht. Und statt eines kompletten Neubaus wird eine Mischung beschlossen: Das Bühnenhaus bleibt erhalten, davor wird ein neuer Zuschauerraum gesetzt, der 1400 statt bisher 800 Sitzplätze bietet.

Das Vorhaben erweist sich als erheblich teurer als gedacht – auch dieses Phänomen hat die Zeiten überdauert. Es stellt sich heraus, dass das Bühnenhaus wegen gestiegener Anforderungen an den Brandschutz nun doch saniert werden muss, dazu muss die Technik modernisiert werden. Der Stadtrat zeigt sich erbost über die Erhöhung der Kosten um 2,6 Millionen D-Mark. Die Verantwortlichen stehen wegen der „Opernhausaffäre“ unter Druck. Am Ende kostet die Sanierung statt fünf fast zehn Millionen D-Mark. Einen Neubau, so meinen Kritiker, hätte es für zwölf Millionen gegeben.

Der Rezensent der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“ fällt ebenfalls ein vernichtendes ästhetisches Urteil und beklagt etwa die „niederschmetternde Himbeerwasserwirkung“ der Farben im Zuschauerraum. Er erinnert in seinem Artikel aber auch daran, dass die treibende Kraft hinter dem Entwurf eine politisch umstrittene Figur ist: Der Leiter des Düsseldorfer Hochbauamts, Julius Schulte-Frohlinde, gehört zu der Clique um Stadtplaner Friedrich Tamms, die schon eine Karriere in der NS-Zeit hinter sich hat. Schulte-Frohlinde hat unter anderem NS-Schulungsburgen entworfen und Volksfeste arrangiert, seine Berufung nach Düsseldorf hat 1952 erheblichen Protest unter progressiv eingestellten Architekten hervorgerufen, darunter der spätere Architekt des Schauspielhauses, Bernhard Pfau. Die Kabarettisten im Kom(m)ödchen spotten, im Stadtbauamt komme man nur glatt nach oben, wenn man an der Reichskanzlei mitgebaut habe.

Schulte-Frohlinde verzichtet auf eine Ausschreibung. Der Amtsleiter übernimmt die Architektur einfach selbst, wie auch beim Neubauflügel des Rathauses (heutiger Name: Alte Kämmerei). Er holt sich aber zwei Kollegen ins Boot. Einer ist der Stuttgarter Architekt Paul Bonatz, der als Traditionalist gilt und vor allem als Experte für Brücken in Erinnerung geblieben ist. Der andere ist der Düsseldorfer Ernst Huhn, ein Spezialist für die aus dem Boden sprießenden Kinobauten.

Huhn hat auch den 1950 erfolgten Wiederaufbau des Apollo-Theaters an der Königsallee geplant. Er soll seine Idee gewesen sein, das klassische Farbschema aus Rot, Hellgrau und Gold um die ungewöhnliche Himbeerfarbe zu ergänzen. Mit den Rundbögen und Ziersäulen des alten Baus an selber Stelle wollen die Architekten nichts zu tun haben: Die marode Fassade des Theaters wird 1954 gesprengt (und erweist sich zur llgemeinen Erheiterung der Düsseldorfer als so stabil, dass der Sprengmeister gleich mehrfach anrücken muss.)

Die Architekten sind gekränkt von der scharfen Kritik. In der Zeitschrift „Der Baumeister“ verteidigt Paul Bonatz den Entwurf. Die nüchterne, streng symmetrische Fassade erwähnt er dabei nicht einmal. Der Stolz der Architekten ist das Innere: der Zuschauerraum mit den drei Balkonen und der Hufeisenform, die allen Besuchern einen guten Blick ermöglichen soll, die Akustik und die hochwertige Ausstattung mit Stuck, Goldrosetten und den mythologischen Szenen, mit denen der Künstler Robert Pudlich die Wände des Hauptfoyers verziert hat.

Eine besondere Freude für die Erbauer sind die drei großen Lüster aus böhmischem Glas, die das Foyer erleuchten. Der Architekt preist das Haus nicht nur als gelungenen Theaterbau, sondern als würdigen Rahmen für die Versammlung der Stadtgesellschaft, für die eine Oper schließlich auch dienen soll. „Die Festlichkeit, insbesondere des hohen Hauptfoyers im ersten Rang, wird von den Besuchern dankbar empfunden“, schreibt Bonatz.

Bei einer Diskussionsveranstaltung, die kurz nach der Eröffnung stattfindet, gibt sich Bauherr Julius Schulte-Frohlinde trotzig. „Über rein ästhetische, geschmackliche Fragen können wir nicht streiten“, hielt er den Kritikern entgegen. „Wir haben das so gebaut, weil es uns gefiel.“

Wie auch immer: Die Düsseldorfer haben ihr Opernhaus schließlich akzeptiert. Das Publikum hat sich gefreut, was es in den vergangenen mehr als 60 Jahren auf der Bühne zu sehen gab. Im Laufe der Jahre wurden immense Summen in die Sanierung des Baus gesteckt, und auch jetzt ist wieder viel zu tun: Nach ersten Schätzungen wären rund 90 Millionen Euro nötig, um das Haus für weitere 25 Jahre bespielen zu können. Das Dach ist marode, die Bühnenmaschinerie überaltert. Der Stadtrat und die Bürgerschaft stehen vor einer Grundsatzentscheidung. Über die Architektur kann man immer noch streiten, aber das Gebäude ist inzwischen selbst Zeuge einer anderen Zeit. Es steht daher seit 1998 unter Denkmalschutz.

Der langjährige Opern-Dramaturg Wilfried Schmerbach kennt das Haus wie kaum ein anderer. Seit vielen Jahren führt er Besuchergruppen durch die Oper. Bei der Frage nach einem Neubau gibt er sich diplomatisch. Er schätze die Stimmung, die das Haus vor allem abends ausstrahlt. „Wenn die Lüster im Foyer erleuchtet sind, ist das sehr festlich.“ Schmerbach kennt als Abenddienst aber auch die immer größer werdenden Nöte mit der Technik. In jedem Fall müsse bald etwas geschehen. „Mir ist am wichtigsten, dass die Oper gut spielen kann.“

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