Interview mit Christoph Lange: „Flughafen ist im Würgegriff der Billigflieger“

Interview mit Christoph Lange : „Flughafen ist im Würgegriff der Billigflieger“

Der Vorsitzende des Vereins "Bürger gegen Fluglärm" spricht im Interview über mehr Starts und Landungen am Flughafen Düsseldorf, die enttäuschten Zuzügler und die Nachtflüge.

Herr Lange, Sie kämpfen seit mehr als zehn Jahren energisch und lautstark gegen den Lärm des Düsseldorfer Flughafens. Hier in Ihrem Wohnzimmer ist es mucksmäuschenstill. Wogegen kämpfen Sie?

Die RP-Redakteure Thorsten Breitkopf (Düsseldorf) und Martin Röse (Meerbusch) sprachen mit Christoph Lange (v.l.) in dessen Osterather Wohnzimmer. Foto: Hans-Juergen Bauer

Lange Was ist schlimm daran, wenn man auch für das Wohlbefinden und die Gesundheit anderer kämpft? Ich wohne hier in Osterath, und hier ist es nicht so laut wie in Lohausen, Büderich oder Ratingen, da gebe ich Ihnen Recht. Aber wenn wir dieses Interview morgens um sechs Uhr geführt hätten, wenn auf dem Flughafen die Jets rausgehen, dann würden Sie besser verstehen, worum es mir geht.

Nach unserer Einschätzung ist das Lärmproblem vor allem eines der angrenzenden Gemeinden wie Meerbusch und Ratingen. In Düsseldorf ist dagegen fast nur Lohausen betroffen...

Lange Falsch. Inzwischen bekomme ich immer mehr Anrufe aus dem Düsseldorfer Süden. Gerade bei Ostwind sind die startenden Jets auch in Benrath oder Urdenbach zu hören. Auch aus Bilk oder Oberkassel kommen immer mehr Klagen. Unser Verein Bürger gegen Fluglärm hat 5000 Mitglieder, wir sind auch in Essen oder Kaarst stark vertreten, weil der Flughafen dort große und immer größer werdende Probleme verursacht.

Der Flughafen ist eine Jobmaschine. Dort arbeiten zehntausende Menschen aus der Region. Wenn Sie mit ihren Forderungen dessen Wachstum bremsen, sind diese Arbeitsplätze in Gefahr . . .

Lange Das sind die gleichen falschen Argumente, die unter anderen die IHK seit Jahren herausbrüllt. Das Wachstum des Flughafens ist am Ende. Dieser stadtnahe Flughafen lebt schon seit Jahren, was seine Kapazität angeht, ordentlich über seinen Durst. Mehr ist bei diesem Airport einfach nicht drin. Und diese ewige Diskussion mit Wachstum und Jobs, das ist billige Erpressung. Durch Nachtflüge oder mehr Starts und Landungen werden keine weiteren Arbeitsplätze geschaffen, im Gegenteil, die Billigflieger erzwingen Personalabbau und Dumping-Löhne bei allen. Leider wachsen seit 2000 nur die Low-Cost-Airlines, inzwischen sind es circa 50 Prozent.

Aber die Nachfrage nach Starts und Landungen wächst . . .

Lange Flughafenchef Blume sagt seit Jahren, die Nachfrage nach Slots übertreffe in bestimmten Zeiten die Möglichkeiten. Tatsächlich aber sind zu anderen Uhrzeiten gar nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Eine geschickte Planung würde es ermöglichen, mehr Flüge unterzubringen, ohne die Kapazitätsgrenze auszuweiten. Die Warteliste des Flughafenkoordinators zeigt, dass bis auf ganz wenige Flüge alle Wünsche befriedigt werden können, die Slot-Anmeldungen überzeichnen seit Jahren den tatsächlichen Bedarf.

Doch die Direktflüge stärken Düsseldorf als Wirtschaftsstandort...

Lange Ich kann heute schon mit einmal Umsteigen von Düsseldorf jede Ecke der Welt erreichen. Mehr braucht kein Mensch.

Aber grundlos steigt ja die Anzahl der Direktflüge nicht. Es scheint sich für den Airport wirtschaftlich zu lohnen. Auch die nächtlichen Starts und Landungen werden wirtschaftlich begründet.

Lange Genau das bezweifele ich. Wenn Herr Blume zahlreiche Mitarbeiter in der Abfertigung und anderen Bereichen bis spät in die Nacht arbeiten lässt, nur weil ein Flieger noch von Mallorca kommt, dann legt er am Ende Geld drauf. Das ist doch unwirtschaftlich. Und die Nachtschutzzone, die ihn Millionen kostet, die könnte entfallen, die Menschen wollen Ruhe und nicht hinter geschlossenen Fenstern leben und schlafen.

Aber welche Motive sollte Düsseldorfs Flughafenchef Christoph Blume sonst haben?

Lange Ganz einfach, Herr Blume befindet sich im Würgegriff der Billigflieger. Die haben ein ganz knapp kalkuliertes Gebührenmodell, und die sagen, entweder der Düsseldorfer Airport erfüllt unsere Bedingungen, oder wir gehen woanders hin. Das macht Easyjet so und Air Berlin, und bald könnte auch Ryanair kommen und den Airport erpressen.

Der Flughafen will eine neue Betriebsgenehmigung, und damit 60 statt 45 Flüge pro Stunde in den Spitzenzeiten. Warum sind Sie dagegen, es könnte zu einer Entspannung und Reduzierung der Spätflüge führen...

Lange Es wird ganz sicher nicht zu einer Entspannung der Spätflüge führen. Denn diese Spätflüge sind nicht Folge zu knapper Kapazitäten in Düsseldorf, sondern der Umlaufplanungen der Airlines. Niemand wird sich beschweren, wenn ein Flieger wegen eines medizinischen Notfalls erst um fünf nach elf landet. Das ist dann eine Ausnahme, die diesen Namen verdient. Aber die Verspätungen und damit die Nachtflüge sind von den Fluggesellschaften einkalkuliert. Was spricht dagegen, wenn diese angeblich "ausnahmsweisen" Verspätungen von der Luftaufsicht genehmigt werden müssen? Nichts, außer man hat von vornherein vor zu mogeln.

Kann es sein, dass viele Ihrer Mitglieder erst hierhin gezogen sind, als der Flughafen schon lange da war. Hätten Viele, die sich heute beschweren, nicht wissen müssen, worauf sie sich einlassen?

Lange Viele haben sich auf die Versprechungen des Flughafens verlassen, dass der Airport, wie im Angerland-Vergleich vereinbart, nicht weiter wächst. Und dieses Versprechen wurde dann gebrochen. Ein Beispiel ist die Nutzung der als Not-reserve beantragten und genehmigten Ersatzbahn.

Was kritisieren Sie denn am Vorgehen des Flughafens?

Lange Der Airport ist ein schlechter Nachbar. Herr Blume muss endlich von seinem hohen Ross runter kommen und mit den Anwohnern und Anrainer-Städten reden. Außerdem muss es endlich mal eine Kooperation des Düsseldorfer Flughafens mit dem in Köln/Bonn geben. Das gibt es nirgendwo auf der Welt, dass zwei Airports in nur 35 Kilometern Entfernung nicht zusammenarbeiten.

Was ist Ihr konstruktiver Vorschlag?

Lange Wenn konsequent alle Nachtflüge eingestellt werden, dann können wir über moderate Erhöhungen am Tage reden Wir sollten uns an einen Tisch setzen, Flughafen, Anrainergemeinden und Bürger, und sollten einen neuen Vergleich aushandeln, der den heutigen Anforderungen gerecht wird und für beide Seiten klare Bedingungen schafft. Sonst wird es wieder eine jahrelange Klagewelle von Bürgern und Gemeinden gegen die Betriebsgenehmigung geben. Aber dem Flughafen sind ja die angeblich nicht gewollten Verspätungsflüge so wichtig, dass er lieber das Risiko eingeht, dass eines Tages das Kartenhaus zusammenbricht. Und der Wunsch nach 60 Flügen pro Stunde konterkariert den Koalitionsvertrag, die Abwägungen der Behörde und verstößt nun ganz sicher gegen den Angerlandvergleich. Das machen wir nicht mit.

Kritiker werfen Ihnen vor, sie seien polemisch.

Lange Ohne Polemik wird man weder von den Medien noch von der Politik gehört.

Letzte Frage. Von wo fliegen Sie in den Urlaub?

Lange Auch ich fliege von Düsseldorf aus. Aber nicht nachts.

Thorsten Breitkopf und Martin Röse führten das Gespräch

(ape)
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