Kunst im Welcome-Point Fotografien - ein Flüchtling zeigt seinen „Radius“
Die Foto-Ausstellung des Syrers Majd Assassa ist im Welcome Point an der Münsterstraße zu sehen.
Eigentlich haben die Fotos wenig miteinander zu tun. Sie zeigen ein Paar, dass an einem Fluss spaziert, eine Häuserzeile, ein Skateboard von unten. Doch sie vermitteln alle dieselbe Stimmung: Ruhe, Abgeklärtheit, ein wenig Distanz, aber auch ein Auge für die kleinen Dinge des Alltags. „Radius“ heißt diese Serie von Fotografien.
Aufgenommen wurde sie von Majd Assassa. Der 21-Jährige hat langes Haar, einen Bart, trägt eine runde Brille und weite Pullover. Er erweckt den Eindruck eines jungen, hippen Künstlers – und er ist Flüchtling. Fast drei Jahre ist es her, dass Majd Assassa seine Heimat in der syrischen Hauptstadt Damaskus verließ. Er studierte dort Kunst, bevor er vor Krieg und Unterdrückung floh. „In Syrien ist man nicht sicher. Man kann verhaftet werden, nur weil man den gleichen Nachnamen wie ein gesuchter Verbrecher hat“, sagt Assassa heute.
Seine Familie habe Ärger mit den lokalen Behörden gehabt, da habe er gemerkt, dass er es in diesem Land nicht länger würde aushalten können, und trat seine lange und beschwerliche Reise an. Über die Türkei und Griechenland gelangte er zunächst nach Passau, später nach Köln und schließlich nach Düsseldorf, wo er in einer von der Diakonie geführten Unterkunft wohnte.
Der intelligente und engagierte junge Mann begann schnell, sich in die Gesellschaft einzufügen. Er lernte von freiwilligen Helfern Deutsch und arbeitete danach ehrenamtlich als Übersetzer für die Diakonie, außerdem kellnerte er und trug Zeitungen aus. Nebenbei nahm er an mehreren kulturellen Workshops teil. Bei einem davon entdeckte er seine Begeisterung für die Fotografie. Auf einem Flohmarkt kaufte er eine kleine, alte Analogkamera und baute ein gebrauchtes Objektiv ein.
„Ich wollte das einfangen, was um mich herum passiert“, sagt Assassa. Die Kamera wurde sein Handwerkszeug und sein ständiger Begleiter. „Immer, wenn mich etwas fasziniert oder interessiert hat, habe ich ein Foto gemacht. Ein wirklicher Plan stand nicht dahinter“, sagt der Fotograf. Das Ergebnis ist seine Serie „Radius“, in der er ungefiltert seine Eindrücke präsentiert. „Die Bilder vermitteln, was um mich herum passiert. Ohne Plan, ohne eine Botschaft, einfach das, was mir im Alltag so begegnet und was mein Auge auf sich zieht.“
Dass die Fotos mit der alten Analogkamera gemacht wurden, gibt den schwarz-weißen Aufnahmen einen eigentümlichen, nostalgischen Charme und eine ruhige Ausstrahlung. Gemeinsam mit den Arbeiten anderer Künstler schmücken die Fotos des jungen Syrers jetzt den Welcome-Point an der Münsterstraße.
Der Welcome-Point wird von der Diakonie betrieben. Hier finden Workshops und Begegnungen statt, Flüchtlinge kommen in Kontakt mit anderen Menschen. Aber auch die Fragen der Alteingesessenen werden beantwortet, Vorurteile sollen so abgebaut und Freundschaften geschlossen werden. Die Geflüchteten sollen aktiv in das Leben im Stadtteil integriert werden. „Das ist eine gute Sache, die mir auch sehr geholfen hat“, sagt Majd Assassa.
Er selbst ist voll angekommen in Düsseldorf. Sein Deutsch ist sehr gut, und mit seinem Outfit passt er in jeden Hipster-Club. Er hat inzwischen eine eigene Wohnung, an die er per Zufall auf einer Partykam. „Es kam ein angetrunkener Typ auf mich zu und sagte: Hey, brauchst du eine Wohnung? Ich weiß wo eine frei wird“, erinnert Assassa sich. „Es war total skurril, ich kannte den Menschen nicht. Aber so bin ich an meine Wohnung gekommen.“
Inzwischen fühlt er sich in Düsseldorf zu Hause. „Manchmal träume ich, hier aufgewachsen zu sein“, sagt er, auch wenn er zugibt, sein altes Leben und vor allem seine Familie und die Freunde zu vermissen, die er in Syrien zurückgelassen hat. Neben Damaskus mit seinen fast drei Millionen Einwohnern erscheint Majd Assassa Düsseldorf klein und familiär, er mag die Menschen und das Leben am Rhein.
Er will hier Fuß fassen: Im Moment belegt Assassa einen Kurs für die Bescheinigung des zweit höchsten Sprachniveaus C1, außerdem hat er hat einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert und will eine Ausbildung zum Rettungssanitäter beim Deutschen Roten Kreuz beginnen. „Ich möchte Menschen helfen, so wie die Menschen in Deutschland mir geholfen haben“, sagt er. Die Fotografie mit seiner alten Kamera will er aber als Hobby beibehalten.