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Bretterbude mit Geschenken: Flingern tauscht in der Givebox

Bretterbude mit Geschenken : Flingern tauscht in der Givebox

In der Givebox in Flingern verschenken Menschen Dinge, die sie nicht mehr brauchen – vom Teddy bis zum Toaster. Einige verschwinden noch am selben Tag, andere will niemand haben. Ein Protokoll des Geschenke-Kreislaufs.

In der Givebox in Flingern verschenken Menschen Dinge, die sie nicht mehr brauchen — vom Teddy bis zum Toaster. Einige verschwinden noch am selben Tag, andere will niemand haben. Ein Protokoll des Geschenke-Kreislaufs.

Jeden zweiten Abend versucht Ronja ihr Glück. Dann zieht die zierliche Frau mit einem großen Rucksack los zum Hermannplatz nach Flingern, lässt den Lichtkegel der Taschenlampe über die Regale der Holzkiste huschen und hofft. Vielleicht hat jemand ein Buch hineingestellt. Einen Teddy. Oder die lang ersehnte Barbie. Bald ist Weihnachten. Für Ronja, die nicht viel Geld, aber zwei kleine Töchter mit langen Wunschzetteln hat, ist die Givebox ein Quadratmeter Glück.

Kaum größer als eine Telefonzelle ist die Bretterbude mit dem Wellblechdach, die seit Oktober neben dem Spielplatz steht. Dort lädt jeder ab, was er nicht mehr braucht: Kaffeetassen, Kassetten, Kinderklamotten. Was nach zwei Wochen nicht den Besitzer gewechselt hat, fliegt raus. Viele, die suchen, sind nur neugierig. Andere wollen etwas Bestimmtes finden. Und manchmal klappt das auch. Ronja fingert ein Memory-Spiel aus dem Regal, hält es ins Laternenlicht und strahlt. Von der Pappschachtel lächelt Barbie.

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Schenken macht glücklich — auch wenn die alten Besitzer wohl erstaunt wären, wie viel Freude sie anderen mit ihrem alten Krempel machen. Und weil sich Geber und Nehmer selten treffen, gibt es das Gästebuch. Das zerfledderte grüne Schulheft liegt auf dem Schubkästchen unter der Pinnwand, an der per Steckbrief eine entlaufene Katze und eine bezahlbare 3-Zimmer-Wohnung gesucht werden. In Krakelschrift bedankt sich jemand für die Kassette "Der kleine Prinz". "Vielen Dank für die Kaffeemaschine", grüßt 'Elli'. Auf einer Seite ist ein Flaschengeist aufgeklebt. "Bewahre dir die Freude an den kleinen Dingen des Lebens", orakelt er.

Die kleinen Dinge. Sofort fällt mir der Weihnachtsmann aus Keramik ein, der seit Jahren in einem Schuhkarton im Schrank liegt. Zu schade zum Wegwerfen, zu überflüssig, um ihn zu behalten. Höchste Zeit, ihn endlich loszuwerden. Doch das ist leicht gesagt: Die Box quillt über.

Kurz vor Weihnachten machen die Düsseldorfer in ihren Schränken wohl Platz für neue Geschenke: Gerade hat wieder jemand eine Ladung Altlasten abgeliefert. Ein Ananasschäler teilt sich das Regal mit einem Stapel Computerzeitschriften. Am Kleiderbügel baumelt ein hellblaues Männerhemd in XL.

Und überall stauen sich die Bücher. Zwischen Titeln wie "Motten im Herz", "Schuhtick" und "Quellen heiterer Tierweisheiten" verstecken sich literarische Schätze. Das weiß auch die alte Dame, die ihren Handwagen vor der Box parkt und durch ihre riesige Brille die Neuware mustert. "Das hier", sie klopft auf das Holz, "ist meine Bibliothek." Nicht alles ist Schrott, nur weil es jemandem nicht mehr gefällt.

Am nächsten Tag ist der kleine Weihnachtsmann verschwunden. Die Tauschkiste sieht aus, als habe sie jemand einmal kräftig geschüttelt. Ein Kindertoilettensitz liegt auf dem Boden, Spielkarten sind verstreut, ein paar Bücher hinter das Regal gefallen. Aber der Aufräumtrupp ist schon da. Bastian Wietzke aus Mainz, der eigentlich nur bei einer Freundin zu Besuch ist, packt an. In der Box wechseln Dinge nicht nur unsichtbar den Besitzer. Immer achtet auch jemand auf Ordnung. Bastian öffnet einen Karton: Nagelneue grüne Lederschuhe liegen darin. "Es macht einen schon nachdenklich, wenn man sieht, was sonst alles im Müll gelandet wäre", sagt er. Der Weihnachtsmann zum Beispiel. Stattdessen freut sich jetzt jemand darüber. Über eine kleine, billige Keramikfigur.

Doch es geht nicht darum, wie viel etwas wert ist. Sonst würde sich wohl kaum jemand im Gästebuch mit den Worten bedanken: "Danke für die Glasschüssel. Ich werde sie in Ehren halten." Wer die Tauschkiste eine Stunde beobachtet, sieht gut gekleidete Frauen, die mit einer Hand auf dem iPhone herumtippen, mit der anderen einen Kerzenständer aus dem Regal zerren. Kinder, die tütenweise Spielsachen abgeben. Und andere, die Minuten später freudestrahlend davonschleppen.

Kreislauf statt Endstation: Das funktioniert. Es ist wohl das gute Gewissen, etwas Funktionierendes nicht weggeworfen zu haben. Das Gefühl, zu teilen, ohne etwas zu verlieren. Die Faszination an Dingen, die eine Geschichte haben. Und wenn es nur eine Glasschüssel ist.

(jco)