Düsseldorf: Fliegende Torten, El Greco und Graffiti

Düsseldorf : Fliegende Torten, El Greco und Graffiti

47 Kunstorte öffnen ihre Türen, wenn am Samstag die ganze Stadt in Sachen Kultur durch die Straßen streift. Ein Magnet wird dabei Düsseldorfs Jahresereignis, die Ausstellung "El Greco und die Moderne".

Zudem lockt Skurriles: In einer ehemaligen unterirdischen Toilette werden sich Besucher zwischen Fotos wiederfinden. Wer geht wohin? Ein Wegweiser.

Ehrfürchtig stehen Museumsbesucher vor den Gemälden eines weltberühmten Meisters, die erstmals auf deutschem Boden gezeigt werden. Wenige Kilometer weiter, im Süden, fliegen Sahnetorten gegen Kunstprofessoren, womit der Kunstverein das stille Staunen in den edlen Galerien verulkt. Im Norden indes leuchten Kinderaugen: Seltene Tiere zeigen ihre nächtliche Welt und locken die Gäste in die Tropenhalle zur Regenwaldexpedition.

Eine Stadt — zahllose Eindrücke. Das erwartet die kunstverrückten Nachtschwärmer, wenn sie sich am Samstag, 28. April, zur Nacht der Museen aufmachen; 25 000 Menschen werden erwartet. Zu Fuß flanierend oder mit dem Shuttlebus werden sie sich ihren Weg bahnen zwischen 47 Kunstorten. Die Rheinische Post empfiehlt Anlaufpunkte für verschiedene Geschmäcker.

Für Kenner: Das Zentrum der Nacht liegt am Grabbeplatz. Ein besonderer Magnet ist das Museum Kunstpalast (32) mit dem künstlerischen Großereignis des Jahres: Erst wenige Stunden werden seit der Eröffnung der Ausstellung "El Greco und die Moderne" vergangen sein, wenn die nächtlichen Besucher die 40 Hauptwerke des Wahl-Spaniers bestaunen. Für spanisches Flair sorgt die Compañia flamenca La Cati y José Manuel mit einer Flamenco-Schow. Im Thorn-Prikker-Foyer im Sammlungsflügel sorgt El-Greco-Bildpate und Einslive-DJ Mike Litt für Partystimmung.

Ebenfalls im Ehrenhof bietet sich im NRW-Forum (33) die Chance, in Sachen Fotokunst auf den neuesten Stand zu gelangen: "State of the Art — Photography" heißt die Schau, die nur noch bis zum 6. Mai läuft. Teile der Ausstellung thematisieren die Bedeutung von Smartphones und sozialen Netzwerken für Fotografie. Ab 21 Uhr ist die neue Technik auch an der Fassade des Forums Programm: 100 Blogger senden Twitter-Kommentare zur Veranstaltung. Auch Besucher mit Smartphones sind zum Gespräch in der virtuellen Welt eingeladen, zu sehen sind die Beiträge auf zwei großen Leinwänden.

Für große Forscher: Einen besonderen Blick in 100 Jahre Düsseldorfer Geschichte offenbart das Stadtarchiv (41). Im Jubiläumsjahr ist in der 1912 gegründeten Einrichtung das Thema der Museums-Nacht programmiert. Aufgegriffen wird es bei Führungen im Halbstundentakt. Skurriler Höhepunkt sind die immer stündlich vorgetragenen merkwürdigen Meldungen aus der Stadtgeschichte.

Spannend wird es auch für Besucher der Ausstellung "Cop-Art, Polizei mit anderen Augen" im Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen (29): Wie arbeiten Polizisten? Welchen Anforderungen sind sie ausgesetzt? Phantombilder zeichnen, Fingerspuren sichern, Täterkleidung identifizieren: Kunst spielt eine Rolle an einer Stelle, wo man sie nicht vermuten würde. Musikalisch werden die Kriminalbeamten und Wissenschaftler vom Duo "Fink und Hullermann" mit Gesang, Saxophon- und Klaviermusik bei ihrer Arbeit begleitet.

Im Verborgenen finden nahe der Königsallee Ausstellungen statt: Die Künstler, darunter viele Newcomer, nutzen dabei als Ausstellungsort einen unterirdische Toilettentrakt. Erschaffer der Werke, die bereits im Reinraum (36) zu sehen waren, hat Haik Dawidjan-Stoltz mit seiner Analog-Kamera porträtiert. In Form ihrer Abbilder kommen die Künstler zurück an diesen gekachelten und heute hygienischen Standards genügenden Ort. Rückkehrer aus dieser Unterwelt werden oben mit drei über den Abend verteilten Open-Air-Auftritten der schwedischen Elektropunkband "Quit Your Dayjob" empfangen.

Für kleine Entdecker: Was junge Besucher des Aquazoos (1) bei ihren Ausflügen in dieses leereiche Naturmuseum am Tage nicht erfahren, lernen sie bei dieser einmaligen Gelegenheit. Dabei steht das Wasser als Quelle des Lebens im Zentrum des Abends. Ein seltener Blick ist in das Leben der Edelkrebse in Nordrhein-Westfalens Bächen zu erhaschen. Feucht ist es des Nachts auch im Regenwald: In der Tropenhalle geht es auf Entdeckertour (19-24 Uhr im Viertelstundentakt). Höhepunkt: Der kleine Otter Nemo.

Einen abendlichen Besuch lohnt auch das Filmmuseum (9). Hier werden Schattenfiguren lebendig und nehmen große und kleine Kinofreunde mit in eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht: "Die Abenteuer des Prinzen Achmed", eine Animation von Lotte Reiniger, mit der sie schon 1926 Filmgeschichte schrieb. Vorführungen laufen stündlich zwischen 19.30 und 2 Uhr.

Für Rheinländer: Frohnaturen verleben einen lustigen Abend im Haus der Architekten (17), wo Cordula Stratmann aus ihrem Roman "Sie da oben, er da unten" vorliest. Neben dem trockenen Humor der gebürtigen Düsseldorferin lockt zu dieser Station auch ein Programmpunkt für Architektur-Interessierte: Die Fotoausstellung "Schulen in Deutschland" von Petra Steiner zeigt, welcher Baustil in Bildungseinrichtungen derzeit vorherrscht.

Einen Winkel ihrer Stadt entdecken Düsseldorfer mit dem "Alten Haus an der Bilker Straße" (5), benannt nach dem Roman des Heimatdichters Heinrich Biesenbach. Um 1800 gebaut, ist es heute Aufbewahrungsort der zweitgrößten Sammlung Düsseldorfer Ansichten aus der Zeit von 1585 bis 1950. Handwerklich interessierte Gäste des Hauses kommen an diesem Abend in den Genuss, einem Vergolder und einem Gemälderestaurator bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Literatur- und Schauspielfreunde wenden sich zwei Lesungen aus Antony Penrose zu, die das Literaturbüro NRW an diesem Ort organisiert: Moritz Führmann, Ensemblemitglied des Düsseldorfer Schauspielhauses, liest "Der Junge, der Picasso biss" (Beginn um 19 und um 20 Uhr).

Für Nonkonformisten: Der Kulturverein Metzgerei Schnitzel (7) ist Bilks erste Adresse für aufsehenerregende Events: So grillten sich die Kunstschaffenden aus der "Brause" im Jahr 2010 mit einer 101 Meter langen vegetarischen Wurst ins Guinness-Buch der Rekorde. In der Nacht der Museen wird die ehemalige Tankstelle in der Bilker Allee 233 zur Ausstellungsfläche für einen befreundeten russischen Kulturverein. "Pushkinskaja 10" aus St. Petersburg stellt sich hier vor als eine Zufluchtsstätte für verfolgte Künstler Russlands. Dazu zeigt die Ausstellung "Besetzt" Fotos des Häuserkampfes, der den Beginn des heute florierenden Kunstzentrums 1989 markierte. Die international bekannte Einrichtung wird musikalisch von Klangkünstler Dmitrij Schubin an E-Piano und anderen elektronischen Instrumenten repräsentiert.

Street art ist nicht mehr nur Graffiti. Immer ausgefeiltere Drucktechniken halten dort Einzug, wo Hauswände und Pflastersteine zu urbanen Galerien werden. Die Ausstellung "Prints & Editions" in der Galerie Pretty Portal (8) befasst sich mit diesen Techniken. Neben Arbeiten verschiedener Künstler können sich Kenner der Richtung auf einen neuen Siebdruck des Urban Art Künstlers L.E.T. freuen.

Ein weiterer Verein, damenundherren (6), will in dieser Nacht der Museen einen klaren Gegenpol zu den vielen bestaunten Sehenswürdigkeiten setzen. Publikumsbelustigung steht im Mittelpunkt, genauer gesagt die Wurfbude "Künstler". Sahnetortenstücke zu drei Euro fliegen Akademieprofessoren hier um die Ohren. Als "Kunst- und Kulturkirmes" betrachten die tortenwerfenden Alternativen diese Nacht. Und nicht nur Banausen könnten Gefallen finden an diesem Spiel.

Für Ruhesuchende: Auch die St. Lambertus-Basilika (3) kann als Museum gelten: Im Pfarraltar befindet sich der Schrein mit den Reliquien des Hl. Apollinaris, seit 1394 Patron der Stadt. Ein sakrales Erlebnis jenseits der Betriebsamkeit des Grabbeplatzes bietet an diesem Ort ein Abend mit Orgelmusik von Kantor Marcel Andreas Ober. An der großen Rieger-Orgel stellt er Werke aus sieben Jahrhunderten vor. Mit Angela Fiege an der Trompete und Gesang von Elisa Rabanus.

Musikalisch erlebbar ist in dieser Nacht auch die Peterkirche (34): Mystische Gesänge der Hildegard von Bingen in Kombination mit Tanz und mitreißende Gospelmusik mit den Chören "Spirit of Joy" und "Sweet chariot" stellen die Vielfalt sakraler Klänge heraus. Schwindelfreie besteigen den 80 Meter hohen Turm der neogotischen Hallenkirche.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Nacht der Museen 2012

(RP/jco)
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