Fernsehserie Charite - Düsseldorfer Klinik in der Nazizeit

Düsseldorfs Ärzte im Dritten Reich : Von Kinder-Rettern und Kriegsverbrechern

Über fünf Millionen TV-Zuschauer verfolgen derzeit die ARD-Serie „Charité“. Lässt sich die Medizinische Akademie in Düsseldorf mit der berühmten Berliner Klinik in der NS-Zeit vergleichen? Auch am Rhein wurden Ärzte schikaniert, denunziert und vertrieben.

Medizin unterm Hakenkreuz – die TV-Serie „Charité“ öffnet am nächsten Dienstag noch einmal ein Fenster in die braun gefärbte Vergangenheit der damals größten Klinik Europas. Zeigt, wie es war, wenn sich Anhänger und Gegner des Nazi-Regimes am Krankenbett begegneten oder am OP-Tisch gegenüberstanden, wenn der eine Arzt schikaniert, denunziert, vertrieben wurde. Und ein anderer geräuschlos seinen Platz einnahm. Das alles hat sich auch in Düsseldorf abgespielt. Die Medizinische Akademie in den 1930er Jahren, Vorgängerin der Universität, lässt sich mit der berühmten Charité kaum vergleichen – die Dramatik der Ereignisse schon.

Nein, eine Speerspitze der Nationalsozialisten war die Düsseldorfer Akademie nicht, da sind sich alle Quellen einig. Dazu war sie, erst 1907 gegründet, wohl auch zu unbedeutend, stand im Schatten der ehrwürdigen Universitätsstädte wie Heidelberg, Tübingen, Göttingen. Und eben Berlin. „Die Charité entwickelte sich zweifellos in der Weimarer Republik zu einem wichtigen Zentrum, hat sich aber wohl auch für größer gehalten, als sie tatsächlich war“, meint Heiner Fangerau, Professor für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uni. „Nobelpreisträger gab es schließlich auch anderswo.“

Das Ärzte-Team der Düsseldorfer Kinderklinik im Jahr 1930: in der Mitte „Retter der Kinder“ Chefarzt Arthur Schlossmann und sein Stellvertreter und Schwiegersohn Albert Eckstein (vierter von rechts). Foto: Fachapparat / Bibliothek im Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Exzellente Ärzte sowieso, und die praktizierten auch an der Düsseldorfer Akademie wie der Augenarzt Albert Mooren und der legendäre Kinderarzt Arthur Schlossmann. Sein Nachfolger wurde 1932 sein Schwiegersohn Albert Eckstein, der jüdische Wurzeln hatte und sehr bald zu spüren bekam, wie schnell es dem NS-Regime gelang, über seine Organisationsstrukturen (wie dem Nationalistischen Hochschulbund) massiven Druck auszuüben. „Das Klima verschlechterte sich dramatisch und mit rasantem Tempo“, so Fangerau.

Durch Briefe und Berichte der Augenzeugen, aber auch durch offizielle Dokumente ließe sich die Radikalität ablesen, mit der das „Gesetz zur Wiederherstellung des Beamtentums“, 1933 in Kraft getreten, umgesetzt wurde. Was bedeutete, dass jüdische Ärzte drangsaliert und schließlich entlassen wurden. Das bekam auch Albert Eckstein zu spüren, ein Kinderarzt mit internationaler Reputation, als der NS-Studentenbund dafür sorgte, dass seine Vorlesungen entweder boykottiert oder massiv gestört wurden. Auch etliche seiner Kollegen wurden angepöbelt, Menschen, die sie gut kannten, wechselten plötzlich die Straßenseite – nach der Devise: wegsehen, weghören.

Deutschlands erste Professorin in Kinderheilkunde: Selma Meyer. Foto: RP/Dominik Schneider

Noch im selben Jahr wurden „zur Vermeidung von Unzuträglichkeiten“ fast alle der 17 jüdischen Mediziner der Akademie, darunter acht Professoren, entlassen – über 20 Prozent der Ärzteschaft. Doch die Agitation der Nazis richtete sich auch gegen bereits verstorbene Größen. So sollte 1933, ein Jahr nach dem Tod von Arthur Schlossmann, ein Denkmal an den „Retter der Kinder“ erinnern. Die Einweihungsfeierlichkeiten waren seit Langem geplant, Sockel und Inschrift fertig, da wurde die Enthüllung plötzlich verschoben „wegen ungünstiger Umstände“. Auf Unterstützung seiner Kollegen konnte Albert Eckstein, der die Festrede halten sollte, kaum hoffen. Die meisten Dozenten und Professoren waren Mitglied in NS-Organisationen und hatten verkündet, an Feierlichkeiten der Akademie bei Anwesenheit der jüdischen Ärzte nicht mehr teilzunehmen.

Kinderärztin Erna Eckstein-Schlossmann in den 1920er Jahren. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

1935 wurde Eckstein gezwungen, seine Klinik zu verlassen, woraufhin in allen NS-nahen Zeitungen ein Bild des Kinderarztes erschien mit der Unterschrift: „Die Medizinische Akademie Düsseldorf ist judenfrei!“ Die Schwestern der Klinik aber ließen es sich nicht nehmen, ihren Chef mit einem Geschenk als Zeichen ihrer Wertschätzung zu verabschieden. Das sollte ein Nachspiel haben. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter verlangte die „Namen der geistigen Urheber und der hauptbeteiligten Schwestern“. Nachdem die Klinikleitung versichert hatte, dass es den Schwestern „ferngelegen habe, sich im Gegensatz zur Judenpolitik der Reichsregierung zu setzen“, wurde Oberschwester Aenne B. zunächst vom Dienst suspendiert, danach „auf eigenen Wunsch“ auf die „Krüppelstation“ versetzt. Kurz darauf begann an der Klinik eine intensive Schulung der Schwesternschaft mit Vorträgen wie „Volk, Blut, Rasse.“ Es war auch geplant, einen Lehrstuhl für Rassenhygiene einzurichten, was aber offenbar an Geldmangel scheiterte.

Für die meisten Ärzte der Akademie war die neue Doktrin selbstverständlich geworden, wozu auch Zwangssterilisationen gehörten. Aber selten war Täterschaft so eindeutig und später nachweisbar wie bei ihr: Die Dermatologin Herta Oberheuser hatte sich 1940 auf eine Stellenanzeige gemeldet, gesucht wurde eine Ärztin für das „Frauen-Umschulungslager“ des KZ Ravensbrück. Ein Ort, an dem bestialische Versuche an der Tagesordnung waren, zum Beispiel mit Sulfonamiden, auf die man bei der Behandlung Verwundeter große Hoffnungen setzte. Herta Oberheusers Hauptaufgabe war es, jungen Polinnen, die sie als „Kaninchen“ bezeichnete, die Beine aufzuschlitzen und die Wunden mit Bakterien, Glasscherben und Holzstücken zu infizieren. Die meisten ihrer Opfer starben qualvoll an den Experimenten, andere hat Herta Oberheuser zu Tode gespritzt.

Nach Kriegsende war sie die einzige Frau, die im Ärzteprozess in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurde. Sie wies jede Schuld von sich und erklärte die Versuche mit dem Ziel, Hunderttausende verwundete Soldaten zu retten. Eine der wenigen Überlebenden erinnerte sich an ihre besondere Grausamkeit. Oberheuser wurde schließlich zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt, aber schon nach fünf Jahren wegen guter Führung entlassen. Auf Empfehlung des Bundesarbeitsministeriums wurde sie als „Spätheimkehrerin“ anerkannt und eröffnete in Norddeutschland eine Privatpraxis.

Ärztin und verurteilte Kriegsverbrecherin: Herta Oberheuser. Foto: Stadtarchiv

Was ist aus den jüdischen Ärzten geworden? Albert Eckstein und seine Frau Erna (Tochter von Schlossmann, ebenfalls Kinderärztin und eine Pionierin in der Säuglingsfürsorge) emigrierten in die Türkei, wo er in Ankara Klinikdirektor und Gründungsdekan der medizinischen Fakultät wurde. Selma Meyer, Deutschlands erste Professorin für Kinderheilkunde, die vor ihrer Düsseldorfer Zeit auch an der Charité gearbeitet hatte, wurde 1938 die Approbation entzogen, sie wurde gezwungen, in ein „Judenhaus“ umzuziehen. Ein Jahr später gelang ihr mit einem der letzten Transporte die Flucht zunächst nach England, später nach New York. Ohne Geld, ohne Kontakte, „ein Neuanfang bei null“, so Heiner Fangerau. Trotzdem gelang es ihr, sich ein neues Leben aufzubauen, sie legte mit 58 Jahren das amerikanische Staatsexamen ab und eröffnete in New York eine Kinderarztpraxis, in der sie bis zu ihrem Tod 1977 arbeitete.

Der renommierte Pharmakologe Philipp Ellinger emigrierte mit seiner Familie nach London. Sein Nachfolger sollte Otto Krayer werden, der zu den wenigen gehörte, die Haltung bewiesen und den Lehrstuhl in einem berühmt gewordenen Brief mit der Begründung ablehnte, dass die „Ausschaltung der jüdischen Ärzte und Wissenschaftler“ Unrecht sei. Es wurde dann schnell ein anderer gefunden, der diese moralischen Bedenken nicht teilte, und Krayer wurde ebenfalls entlassen. Erich Boden, Leiter der Poliklinik, überlebte Nazi-Terror und Krieg versteckt in einer Schrebergartenlaube in Büderich. Er war der einzige, der nach Kriegsende in seine alte Klinik zurückgekehrt ist und zu dem Ärzte-Trio gehörte, das von der Britischen Militärregierung mit der Wiedereröffnung der Akademie betraut wurde.

Auch das Ehepaar Eckstein kehrte noch einmal kurz nach Düsseldorf zurück, als das Denkmal für Arthur Schlossmann 1948 doch noch enthüllt wurde. Dabei sahen sie etliche wieder, die in der NS-Zeit groß geworden waren, nach Kriegsende – wenn überhaupt – als „Mitläufer“ eingestuft wurden und anschließend nahtlos ihre Karrieren fortsetzen konnten. Erna Eckstein lebte nach dem Tod ihres Mannes 1950 noch eine Weile in Deutschland, kümmerte sich um Besatzungskinder, schrieb ein Buch zur Kinderheilkunde. Später zog sie zu einem ihrer Söhne nach Cambridge. Zu ihrem 100. Geburtstag sagte sie in einem Interview: „Eigentlich bin ich nirgendwo zu Hause.“

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