FDJ in Düsseldorf: „Bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!“

Düsseldorfer Geschichte(n) : „Freie Deutsche Jugend, bau auf!“

Die kommunistische Organisation FDJ gab es in den Nachkriegsjahren auch in Düsseldorf. Zwei ehemalige Mitglieder erinnern sich an ihre Jugend zwischen Singabenden und Demonstrationen gegen die westdeutsche „Scheindemokratie“.

Die Kindheit und Jugend von Hanna Eggerath und Ruth Buschmann war von vielen Entbehrungen geprägt. Aufgewachsen in der Nachkriegszeit waren Lebensmittel, Kleidung und viele andere Dinge des täglichen Bedarfs Mangelware. Doch einmal pro Woche – wenn sie zu ihrer Jugendgruppe gingen – ließen die beiden Mädchen diese Sorgen hinter sich. Dort trafen sie sich  mit Gleichaltrigen, um gemeinsam zu singen, Ausflüge zu machen und von einer besseren Welt zu träumen. Zumindest so, wie sie sich diese vorstellten. Denn die beiden Mädchen waren Mitglieder in der Düsseldorfer Gruppe der Freien Deutschen Jugend (FDJ). „Wir haben gedacht, wir könnten die Welt verändern“, erinnert sich Ruth Buschmann.

Das Kürzel „FDJ“ wird in erster Linie mit der DDR verbunden. Der Jugendverband galt als Kaderschmiede der SED und sollte den Nachwuchs auf Linie mit der sozialistischen Staatsideologie bringen. Doch anfangs war die FDJ eine gesamtdeutsche Organisation. Ortsgruppen gab es anfangs auch in der Bundesrepublik. Darin spiegelt sich auch die beginnende Teilung zwischen West und Ost im Nachkriegsdeutschland wider: „Beide Separatstaaten wetteiferten mit konträren Inhalten um den Anspruch, der Repräsentant des wahren und demokratischen Deutschlands zu sein“, erklärt der Politikwissenschaftler Wilhelm Bleek. Ein Instrument der DDR war die FDJ.

Doch auch in Düsseldorf existierte ein reges FDJ-Leben. Während Hanna Eggerath zur FDJ-Gruppe in der Altstadt gehörte, war Ruth Buschmann im arbeitergeprägten Stadtteil Lierenfeld aktiv. Letztere Gruppe traf sich regelmäßig im Keller der St. Michael Grundschule. Zur FDJ kamen die beiden Mädchen wie viele andere Mitglieder durch ihre Elternhäuser, die jeweils der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) nahe standen, beziehungsweise dort Mitglieder waren. Wenn sie heute an diese Zeit zurückdenken, dann nicht ausschließlich an Politik, sondern auch an die vielen gemeinsamen Aktivitäten der Gruppe. Ein Punkt, in dem sich die FDJ kaum von anderen Jugendorganisationen unterschied. Einmal pro Woche wurde gemeinsam gelesen, Filme angeschaut, Ausflüge unternommen und Lieder gesungen. „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf“, hieß eines davon. Den Text beherrschen die beiden Damen noch heute.

Doch hinter diesem Freizeitprogramm steckte eine klare politische Agenda: Auch in Westdeutschland sollte durch die Organisation eine kommunistische Jugend heranwachsen. Die Freizeitangebote machten die FDJ attraktiv, doch am Ende ging es um Politik: So diskutierten die Jugendlichen über ihre Vorstellung von Frieden und die westdeutsche „Scheindemokratie“ oder gingen für ihr Anliegen auf die Straße. Dabei nahmen sie an mehreren Demonstrationen teil oder sammelten beispielsweise im Jahr 1950 Unterschriften gegen die geplante Wiederbewaffnung Westdeutschlands.

Leuchtendes Vorbild der FDJ-Mitglieder war die DDR, die sie auch mehrmals besuchten. Darüber hinaus bestand ein enger Austausch mit der Ost-FDJ sowie der SED. Ganz besonders ist den beiden Damen das große Deutschlandtreffen in Ost-Berlin in Erinnerung, das von der DDR organisiert und zu Propagandazwecken genutzt wurde. Viele tausend Jugendliche aus beiden Teilen Deutschlands nahmen an dem Treffen teil. „Ganz Berlin war voller Blauhemden, das war toll“, erinnert sich Hanna Eggerath. Blauhemden trugen die FDJ-Mitglieder als Uniform. Der Besuch in der DDR änderte nichts an ihrer positiven Haltung, auch wenn sich die beiden Teile Deutschland zu diesem Zeitpunkt schon unterschiedlich entwickelten. „Wir sind mit Scheuklappen durch das Land gereist“, erzählt Hanna Eggerath, „für uns war es das gelobte Land.“

Hanna Eggerath (2.v.r.) im Mai 1950 beim Deutschlandtreffen der FDJ in Berlin. Foto: Privat

Der Bundesrepublik standen die beiden entsprechend ablehnend gegenüber. Nicht nur wegen des Systemunterschieds zwischen dem sozialistischen Osten und dem kapitalistischen Westen. Vor allem die aus ihrer Sicht mangelnde Entnazifizierung trug zu ihrer negativen Haltung bei. Ruth Buschmanns Vater wurde während des Nationalsozialismus verhört und gefoltert. Der Vater von Hanna Eggerath war für einige Monate in einem Konzentrationslager inhaftiert. Dass viele der damaligen Polizisten und Richter auch nach Kriegsende im Amt blieben, war für die Mädchen und ihre Familien ein Unding.

Gleichzeitig merkten die beiden jungen Damen auch sehr schnell, dass ihre politische Aktivität in der Bundesrepublik nicht erwünscht ist. „Die FDJ-West galt in der besonderen Konfrontation des Kalten Krieges in Deutschland als Hilfstruppe des ideologischen Gegners“, erzählt der Politikwissenschaftler Bleek. So berichtet Hanna Eggerath, wie sie wegen ihrer Reise zum Deutschlandtreffen der FDJ zunächst an ihrer Wiedereinreise nach Westdeutschland gehindert wurde, später wurde sie zudem noch der Schule verwiesen, weil sie für die Teilnahme an dem Treffen am letzten Schultag vor den Ferien im Unterricht fehlte. Als die Mädchen 1950 mit ihren FDJ-Genossen gegen das drohende Verbot demonstrierten, kam es ihren Berichten nach zu Übergriffen durch die Polizisten. „Die Polizei hat mit Knüppeln auf uns geschlagen“, erzählt Ruth Buschmann. Einschüchtern ließen sie sich davon nicht. „Wir hatten keine Angst“, sagt Ruth Buschmann.

Das Verbot konnten sie trotzdem nicht verhindern. Im Juni 1951 wurde die FDJ als verfassungsfeindliche Organisation in Westdeutschland verboten. „Die FDJ-West wie insgesamt die KPD machte aus ihrer Ablehnung des Grundgesetzes als der Verfassung eines kapitalistischen Staates kein Hehl“, berichtet Wilhelm Bleek. Die Mitglieder empfanden die Entscheidung dagegen als eine große Ungerechtigkeit. Aufhalten ließ sich die FDJ davon zunächst nicht. Zwar verlor die Organisation nach dem Verbot rund die Hälfte ihrer Mitglieder; die andere Hälfte war gleichzeitig jedoch bereit, umso entschlossener im Untergrund weiterzumachen. Treffen der Mitglieder fanden von nun an im privaten Rahmen statt – immer die Sorge im Hinterkopf, dass sie von der Polizei erwischt werden könnten. „Für uns junge Mädchen war diese Zeit ein großes Abenteuer“, erinnert sich Hanna Eggerath.

Regelmäßig traten die Mitglieder jedoch aus dem Untergrund hervor, um zu zeigen, dass die Gruppe trotz Verbots weiterbesteht. So malten sie in einer Nacht mit weißer Farbe „Die FDJ lebt!“ an die Mauern der Mannesmannwerke in Lierenfeld. „Wir haben der Farbe Heringsbrühe beigemischt, sodass unsere Botschaft trotz Übermalung immer wieder zum Vorschein kam“, erzählt Hanna Eggerath.

Hanna Eggerath (l.) mit ihrer Mutter nach Entlassung aus dem Gefängnis an der Ulmer Höh’, wo sie vier Wochen in Untersuchungshaft saß. Foto: Privat

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kam es nach dem Verbot immer wieder zu Verhaftungen einzelner Mitglieder. 1954 wurde schließlich auch die Wohnung von Hanna Eggeraths Eltern durchsucht, wo illegale FDJ-Zeitungen gefunden wurden, sodass das damals 19-jährige Mädchen festgenommen und im Gefängnis an der Ulmer Höh inhaftiert wurde. Nach vier Wochen kam sie ungebrochen in ihrem Willen wieder frei. In der darauffolgenden Verhandlung wegen „Tätigkeiten gegen die verfassungsmäßige Ordnung“ wurde sie zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. So blieb ihr zwar das Gefängnis erspart, jedoch verbaute ihr die Verurteilung ihre berufliche Zukunft.  Für ihren Berufswunsch der Chemieingenieurin benötigte sie ein Praktikum, das sie trotz vieler Bewerbungen nicht absolvieren konnte und deshalb nur eine Ausbildung zur Chemielaborantin blieb.

Die Aktivitäten der Düsseldorfer FDJ wurden im Verlauf der Jahre immer weniger, bis sich die Organisation im Verlauf der 1960er Jahre schließlich auflöste. Zeitgeschichtlich sei die Organisation laut Wilhelm Bleek ohnehin nur eine Randerscheinung gewesen. Ihren Idealen blieben Hanna Eggerath und Ruth Buschmann dennoch treu. Beide traten der linksextremistischen Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) bei, die nach dem Verbot der KPD in Westdeutschland gegründet wurde. Die DDR blieb trotz Volksaufstand und Mauerbau auch weiterhin der Sehnsuchtsort der beiden Damen, den sie auch mehre Male besuchten. Als ehemalige West-FDJ-Mitglieder galten sie dort als Märtyrerinnen. Die immer größer werdenden Unterschiede in puncto Lebensstandard blieben ihnen dabei nicht verbogen. Schuld trug in ihren Augen jedoch nicht das repressive System samt Misswirtschaft, sondern die Unfähigkeit der dortigen Bevölkerung die Vorteile des Sozialismus richtig zu nutzen. Kritik an der Politik des Landes oder Berichte über Aufstände waren für die beiden Propaganda und Hetze. Dass die beiden Damen im Westen blieben, lag vor allem an ihrer Verbundenheit zu ihrer Heimat im Rheinland. Viele ihrer ehemaligen FDJ-Genossen seien dagegen nach dem Verbot in die DDR ausgewandert. Gleichzeitig gab es aber auch Ex-Mitglieder, die sich vom Kommunismus abwandten und sich fortan innerhalb des Verfassungsrahmens, beispielsweise in der SPD, engagierten.

Nachdem ihre FDJ-Zeit über die Jahre ein wenig in Vergessenheit geriet, lebten die Erinnerungen der beiden Damen vor einem Jahr noch einmal auf. Als vor eineinhalb Jahren bei Renovierungsarbeiten an der St. Michael Schule in Lierenfeld alte Wandzeichnungen der Organisation gefunden worden waren, besuchten die beiden auf Einladung der Schulrektorin Gisela Minz den ehemaligen Gruppenraum im Keller der Grundschule. „Als ich die Zeichnungen gesehen habe, kamen sofort die alten Erinnerungen wieder hoch“, erzählt Ruth Buschmann.Mittlerweile bewerten die beiden Rentnerinnen ihre FDJ-Zeit jedoch aus unterschiedlicher Perspektive.

Hanna Eggerath und Ruth Buschmann (v.l.) mit Bildern der Zeichnungen aus dem alten Gruppenraum. Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Ruth Buschmann ist nach wie vor überzeugte Kommunistin. Auch wenn manches falsch gelaufen sei, bewertet sie die DDR noch heute als einen guten Staat und hält auch den Mauerbau für eine nachvollziehbare und notwendige Entscheidung. Hanna Eggerath hat dagegen irgendwann begonnen, das System zu hinterfragen und den Kommunismus kritisch zu hinterfragen. Auslöser war ein Zeitzeugenbericht über den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953, den sie las. „Die Idee war gut, doch die Politik ist aus dem Ruder gelaufen“, sagt sie heute. Auch ihr Engagement in der FDJ sieht sie heute in einem anderen Licht. So habe sie in der Gruppe vor allem Mut gelernt. Doch ihre politische Perspektive ist heute eine andere; wenngleich sie sich noch immer politisch links verortet. Die FDJ bleibt ihr trotzdem nicht als verfassungsfeindliche Organisation, sondern vor allem als Abenteuer ihrer Jugend in Erinnerung: „Es war eine aufregende Zeit.“

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