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Interview: Jens-Jürgen Böckel: "Falscher Tierschutz hat fatale Folgen"

Interview: Jens-Jürgen Böckel : "Falscher Tierschutz hat fatale Folgen"

Der Düsseldorfer ist Vizepräsident des CIC - eines Verbandes, der die Jagd als Kulturgut und Teil eines nachhaltigen Naturschutzes sieht.

Vor dem Fenster seines Hauses zwischen Kaiserswerth und Wittlaer sieht Jens-Jürgen Böckel (71) täglich, wie sich die Tierwelt durch den indirekten Einfluss des Menschen stark verändert. Früher gab es auf den Wiesen am Rhein Kiebitze, Fasanen und Hasen. Heute sieht man die fast gar nicht mehr. Einer der Gründe ist der Schutz von so genannten Prädatoren - Raubwild also, das sich von diesen Arten ernährt und aufgrund einer wachsenden Population dort für ein teilweises Aussterben unter anderem von Hase und Rebhuhn gesorgt haben. Auch die Zahl der Singvögel geht zurück: Krähen und Elstern (übrigens eng verwandte Rabenvögel) plündern die Nester, rauben Eier oder Küken - und keiner darf oder will sie stoppen. Für Böckel, seit Jahrzehnten überzeugter Naturschützer und Jäger, ein typisches Beispiel für falschen Tierschutz.

Kann denn Tierschutz falsch sein?
Böckel Ja, das kann er. Wenn ich eine Art radikal schütze und dabei nicht bedenke, was sie anrichtet, wenn sie sich zu stark vermehrt, die Folgen also nicht im Blick habe. Wir erleben das ja gerade.

Ein Beispiel?

Böckel Durch den an sich vernünftigen, aber zu strengen Schutz von Greifvögeln, insbesondere des Habichts, ist der Bestand an Niederwild extrem zurückgegangen. Fasanen und Hasen leiden natürlich auch unter den Folgen der modernen, auf Effizienz getrimmten Landwirtschaft, aber vor allem werden sie Beute von zu vielen Greifvögeln, Füchsen, Mardern und auch Katzen. Und diese Jäger selbst wiederum finden nicht genug zu fressen und verhungern. Da geht der Tierschutz in die falsche Richtung, manche Arten sind regelrecht überschützt - und werden dadurch geschädigt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es in Teilen der Alpen inzwischen zu viele Steinadler gibt, aber deren Bestand durch Jagd zu deckeln, scheint undenkbar, ist ein absolutes Tabu. Obwohl einige der Tiere hungern und in ihrer Not sogar erwachsene Gämsen angreifen, die normalerweise nicht zu ihrem Beuteschema gehören.

Und die Singvögel?

Böckel Es muss doch jedem auffallen, dass bestimmte Arten von Singvögel gar nicht oder nur noch selten zu sehen sind. Dafür immer mehr Krähen und Elstern. Da ist das Gleichgewicht gestört.

Aber Füchse sind zu bestimmten Zeiten frei, sie dürfen dann also geschossen werden. Warum passiert das nicht?

Böckel Stimmt, aber offenbar sind sich manche Jäger inzwischen zu fein, oder es ist ihnen zu lästig,, dem Fuchs nachzustellen. Da muss man dann auch schon mal nachts ansitzen, oder sehr früh morgens. Für mich ist auch das Teil einer beklagenswerten Verstädterung der Jagd. Was so ein Fuchs anrichtet, haben wir vor nicht allzu langer Zeit hier bei uns in der Nähe erlebt: Eine Kanadagans hatte auf einer Insel auf einem Tümpel in den Rheinwiesen, der nach einem Hochwasser geblieben war, gebrütet. Kurz nachdem die sieben Küken geschlüpft waren, sank der Wasserspiegel - und eines Nachts lauten Klagens waren morgens von den Küken nur noch ein paar Federchen übrig.

Ein Vorurteil gegen Jäger lautet, man sei beute-neidisch und deshalb gegen den Schutz solcher Arten.

Böckel Wer uns das unterstellt, kennt die Sachlage nicht. Dass wir mit unserer Ansicht, Schutz müsse ausgewogen sein, im Recht sind, sehen wir doch an den Folgen bei Vögeln, Hasen, Rebhühnern. Wenn die Jagd auf Raubwild in NRW, wie derzeit geplant, noch weiter eingeschränkt wird, hat das weitere schlimme Folgen.

Derzeit wird wegen dieser Erneuerung des Landesjagdgesetzes exakt in diesem Zusammenhang viel über den Abschuss von wildernden Katzen diskutiert.

Böckel Das ist ein heikles Thema, wie wir wissen. Aber es bleibt nun mal Tatsache, dass fast alle Hauskatzen draußen Jäger sind und vor allem Vögel wie die bodenbrütende Feldlerchen, auch Junghasen und Kaninchen erbeuten und sogar Nester auf Bäumen heimsuchen. Der Schaden, den sie anrichten, ist riesig.

Den meisten Menschen ist das aber nicht klarzumachen.

Böckel Ja, das stimmt, selbst seriösen Studien dazu wird nicht geglaubt. Viele der in der Stadt lebenden Menschen haben einen sehr einseitigen Blick auf die Natur. Sie haben das Thema Tod weit weggeschoben, sie wollen zum Beispiel eine Schlachtung nicht mit ansehen, obwohl die nötig ist, wenn man Fleisch essen will.

Bei Hilden leben seit geraumer Zeit Wildschweine im Stadtwald, wann werden wir, wie in Berlin und in anderen Städten, die ersten in Düsseldorf haben?

Böckel Die Tiere finden durch die Mais- und Rapsfelder in der Umgebung ein perfektes Nahrungsangebot und haben sich deshalb ja auch explosionsartig vermehrt. Dass es bald in Kalkumer Wald oder auch in selbst in den Feldern hier am Rhein Wildschweine geben wird, ist trotz der vielen Verkehrswege nur noch eine Frage der Zeit.

Nach dem Sturm Ela vom Pfingstmontag hat die Stadt inzwischen die Trümmer der vernichteten Bäume beseitigt, es läuft ein großes Wiederaufforstungsprogramm. Wie sehen Sie das als naturnaher Mensch?

Böckel Zwiespältig. Manches von dem, was ich zu diesem Thema gehört, gelesen oder gesehen habe, ist für mich nur schwer nachvollziehbar. Dass Bäume durch Sturm umfallen, ist nicht ungewöhnlich. Ich finde es auch nicht so schlimm, dass man nun gezwungen ist, in den Parks neue Bäume zu pflanzen. Das Miteinander von alten und jungen Bäumen ist der normale Lauf der Dinge.

Das Motto des CIC, dessen Vizepräsident Sie sind, lautet "Für die Erhaltung der Wildtiere durch nachhaltige Nutzung". Ist das nicht ein Widerspruch?

Böckel Die Erhaltung der Artenvielfalt wie unter anderem in der CBD (Konvention für Bio-Diversität der UN) wird gleichzeitig erreicht durch Schutz und nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen. So sehr wir für den völligen Schutz bestimmter Gebiete wie Nationalparks eintreten und den Schutz von Tierarten, so sehr betonen wir auch, dass der beste Schutz andererseits darin besteht, Wildtiere nachhaltig zu nutzen. Erst wenn die oft sehr arme Bevölkerung vor Ort einen wirtschaftlichen Vorteil aus dem Erhalt der Tierbestände ziehen kann, wirkt sie bei deren Schutz mit. Obwohl dies bei Löwen und Elefanten Gefahren für die Menschen mit sich bringt.

Könnten Sie das konkreter erklären?

Böckel Der CIC unterstützt beispielsweise in Tansania sehr konkret mit Ausrüstung den Kampf gegen Elfenbein- oder Nashorn-Wilderer. Damit helfen wir den dort lebenden Menschen, durch das Angebot einer kontrollierten Jagd ein Einkommen zu finden. Wenn jemand unbedingt einen alten Elefantenbullen schießen will und dafür viel Geld bezahlt, dann soll er das tun. Er gibt den Menschen Arbeit und Einkommen und sichert so den Bestand der Elefanten.

Das heißt, Sie entziehen der Wilderei den Boden?

Böckel Das ist das Ziel. Wir vom CIC machen den Menschen in diesen Ländern klar, dass es vernünftiger ist, die Jagd an gut zahlende Touristen zu verkaufen, als vom Aussterben bedrohte Tiere nur des Fleisches wegen abzuschießen. Unser Ziel ist es, sowohl Wilderei als auch Übernutzung zu vermeiden.

Und das funktioniert?

Böckel Ja, wir haben damit Erfolg. Durch die Arbeit unter anderem des CIC konnten außerdem einige Gattungen gerettet werden - wie das mongolische Wildpferd und die Saiga-Antilope. Es geht uns um die Respektierung des natürlichen Gleichgewichts zwischen allen Lebensformen in ihren Ökosystemen.

Aber dennoch bleibt am Ende die Tatsache, dass Sie als Jäger Tiere töten.

Böckel Das ist korrekt - aber es geht nicht um diesen Moment des Tötens. Wer Jagd kennt, der weiß, dass er oft Tage oder auch Wochen keinen Schuss abgibt. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Für mich und viele andere Jäger ist das Naturerlebnis der wichtigste Grund für die Jagd. Und dazu gehört natürlich auch das spannende Nachstellen, Überlisten und letztlich Töten von Tieren. Dies jedoch tue ich immer voller Achtung vor der Kreatur und manchmal sogar mit Mitleid, wenn ich z.B. einen ganz jungen Rehbock schieße, nur weil der Bestand an Rehen sonst zu hoch würde.

Das Recht des Menschen, die Natur zu nutzen, steht für Sie also außer Frage?

Böckel Ja. Wir tun es, indem wir den Wald auch wirtschaftlich nutzen, also dort - wie auf einem Feld - auch ernten. Und wir tun das durch das Jagen: Wir "ernten" das Wildbret, ein exzellentes, unbelastetes Lebensmittel, das unter sehr artgerechten Umständen entstanden ist und das wir nachhaltig nutzen, indem wir darauf achten, dass das Gleichgewicht der Tierarten bleibt.

Für einige Tierschützer sind Jäger Tiermörder, das Image der Jagd in der Öffentlichkeit ist teilweise schlecht - was kann der CIC dagegen tun?

Böckel Es ist eines unserer Ziele, über das, was wir tun, zu informieren und den Menschen klar zu machen, dass eine nachhaltige Jagd, wie wir sie fördern, Teil des Naturschutzes ist. Jagd und Tierliebe ist kein Widerspruch. Unsere Zusammenarbeit mit einigen Naturschutzverbänden ist vor allem auf regionaler Ebene oft sehr gut, weil wir voneinander wissen, was uns wirklich bewegt - und das ist nun einmal die Erhaltung der Wildarten und deren Lebensräume.

Es gab ja auch bisher Öffentlichkeitsarbeit von Jagdverbänden - hat die nicht funktioniert?

Böckel Da sind Fehler gemacht worden, manches ist sicher verbesserungsfähig. Und das wollen wir ja anstoßen, fördern oder auch selbst auf den Weg bringen. Wir müssen die Jagd transparenter machen, den Menschen erklären, was da wirklich passiert. Und wir müssen ihnen klar machen, wie stark die Einflüsse der Land- und Fortwirtschaft auf die Natur sind. Der Maisanbau ist da ein gutes Beispiel: Gefördert wird der Mais als alternative Energiequelle, aber dass er eine der wesentlichen Ursachen für die wachsende Wildschweinplage mit enormen Schäden für die Landwirtschaft ist, wissen die meisten nicht.

Haben die Jäger ein Nachwuchsproblem?

Böckel Nein, im Gegenteil. Immer mehr junge Menschen interessieren sich für die Jagd und machen den Jagdschein. Darunter sehr viele Frauen. Und beim CIC gibt es eine sehr rege Jugendabteilung aus Mitgliedern bis 35 Jahren, die mit eigenen Aktionen und Angeboten Akzente setzt.

HANS ONKELBACH FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)