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Ex-„Spiegel“-Chefredakteur in Düsseldorf: Wie Journalist Stefan Aust beinahe umgelegt wurde

Ex-„Spiegel“-Chefredakteur in Düsseldorf : Wie Journalist Stefan Aust beinahe umgelegt wurde

Über seine Begegnungen mit RAF-Terroristen und viele andere Abenteuer sprach der frühere „Spiegel“-Chef Stefan Aust in Düsseldorf mit RP-Chefredakteur Moritz Döbler, um sein Buch „Zeitreise“ vorzustellen. Um den Klimawandel ging es auch.

Dieses Journalistenleben ist so prall gefüllt mit Ereignissen und Begegnungen, dass es kaum zwischen zwei Buchdeckel passt. In der ursprünglichen Version hätte es noch etwas extremer sein können, denn als der frühere „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust das Manuskript seines Buches einreichte, hatte es noch 1700 Seiten.

Was tatsächlich nun in der Buchhandlung stehe, sei „der Rest, den die Lektorin übrig gelassen hat“: Das gesteht Aust schmunzelnd zu Beginn des Gespräches über seine Autobiografie „Zeitreise“, das er am Dienstagabend mit dem Chefredakteur der Rheinischen Post, Moritz Döbler, in der Buchhandlung Mayersche Droste führt.

Dieser Rest ist immerhin noch 655 Seiten lang und erzählt unter anderem von einer Kindheit im niedersächsischen Stade, von den ersten journalistischen Erfahrungen bei der Schülerzeitung und bei „konkret“, und schließlich von der Zeit bei „Panorama“, „SpiegelTV“ und beim „Spiegel“, dessen Chefredakteur er fast 14 Jahre lang war, von 1994 bis 2008.

Viele große Namen fallen an diesem Abend in Düsseldorf – von Politikern wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder Otto Schily, die Aust schon frühzeitig kennenlernte, bis hin zu Michail Gorbatschow, Wladimir Putin und George W. Bush, die auf Fotos im Buch zu sehen sind. Viele Geschichten aus seinem Leben und seiner Laufbahn teilt der heutige „Welt“-Herausgeber an diesem Abend – manche davon bisher kaum bekannt, andere hat fast jeder schon einmal gehört.

 Die Moderation des Abends hatte RP-Chefredakteur Moritz Döbler (r.) übernommen.
Die Moderation des Abends hatte RP-Chefredakteur Moritz Döbler (r.) übernommen. Foto: Bretz, Andreas (abr)
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In die erste Kategorie gehört vielleicht die Tatsache, dass Aust eine „lebenslange Abneigung gegen Ratten und Mäuse“ hat, nachdem ihm in seiner Kindheit einmal eine Ratte im Badezimmer begegnet war, die den Weg durch die Kanalisation genommen hatte. Oder dass er in seinem sehr kurzen Studium der Betriebswirtschaftslehre genau viermal an der Uni war; nur ein Termin davon war eine Vorlesung, der letzte ein Sommerfest.

In die andere gehört zweifelsfrei seine berühmte Reise nach Italien, die er 1970 unternahm, um die Kinder der Terroristin Ulrike Meinhof zu befreien, die von Mitgliedern der RAF dorthin gebracht worden waren. Er brachte die Zwillinge zu ihrem Vater, dem Herausgeber der Zeitschrift „konkret“, Klaus Rainer Röhl.

Später, so schilderte es Aust, hätten die Terroristen Andreas Baader und Horst Mahler vorgehabt, ihn zu töten – er habe aber durch einen Hinterausgang flüchten können und die Nacht in einem Hotel verbracht.  Aust berichtet auch, wie er Mahler später bei Interviews mehrfach auf jenen Abend ansprach, nach dessen Absichten in jener Nacht fragte.

Eine freilich schwer vorstellbare Gesprächskonstellation aber, so formuliert es der 75-Jährige: „Wenn jemand einen einmal umlegen wollte und es nicht geschafft hat, dann hat man eine sehr besondere Beziehung.“ Ist er ein Abenteurer? „Das würde ich nicht unbedingt bestreiten.“

Auch die Debatten der Gegenwart sind zwischendurch Thema; der heutige „Welt“-Herausgeber schildert offen seine Zweifel an erneuerbaren Energien, konkret der Windenergie, und spricht auch über seinen kritischen Blick auf die Klima-Debatte insgesamt. Das Erstarken der SPD angesichts des Endes von Merkels Amtszeit erklärt er auch damit, dass die Kanzlerin stets deren Positionen mit abgedeckt habe, anstatt klassische CDU-Positionen zu vertreten. „Aber wenn jemand das anders denken will, dann kann er das auch anders denken“, sagt Aust.

Der Abend war wohlweislich nicht als Lesung angekündigt worden. Viel mehr Spaß macht es dem Autor, die Geschichten aus seinem Leben direkt zu erzählen, aus- und abzuschweifen, hier und da etwas hinzuzufügen und anzumerken. Ab und an blättert er in den Seiten, trägt eine kurze Passage vor, wird dann wieder ungeduldig und geht wieder zum Erzählen über. Ohnehin ist er nach eigenem Bekunden überzeugt davon, dass sich der Mensch an jeden Tag seines Lebens erinnern kann: „Man braucht nur den Schlüssel, um die jeweilige Schublade aufzuziehen.“

Was nur mit Mühe und geduldigem Lektorat  in 655 Seiten passt, passt am Ende auch nicht in einen Abend in einer Buchhandlung. Es sei aber keineswegs die ganze Zeit alles so aufregend gewesen, sagt Aust, „aber ich arbeite ja schon 75 Jahre daran“.