Jasmin Hartmann: "Es gibt aktuell vier Raubkunst-Anfragen"

Jasmin Hartmann : "Es gibt aktuell vier Raubkunst-Anfragen"

Die städtische Provenienzexpertin über die Absage der Stern-Ausstellung, das Franz-Marc-Bild und ihren Auftrag.

Frau Hartmann, Sie untersuchen seit rund einem Jahr die städtischen Sammlungen nach Raubkunst. Wie viele Kunstwerke, die ihren Besitzern in der NS-Zeit unrechtmäßig entzogen wurden, gibt es in Düsseldorf?

Jasmin Hartmann Um wie viele Objekte es sich handelt, die vor 1945 entstanden und nach 1933 Eingang in die Sammlungen gefunden haben, kann ich noch nicht sagen. Sie verteilen sich auf zwölf Kunst- und Kulturinstitutionen mit teilweise mehreren Sammlungen. Und große Teile der Bestände sind noch nicht digital erfasst. Ich arbeite derzeit daran, eine Infrastruktur für die Provenienzforschung zu schaffen.

Wie viele laufende Nachfragen von Erben möglicher Raubkunst gibt es?

Hartmann Aktuell gibt es vier Kunstwerke, in denen um Auskunft gebeten wurde, weil die Erben vermuten, dass es sich um NS-Raubkunst handelt: Das sind die "Füchse" von Franz Marc sowie "Das Bildnis der Kinder des Künstlers" von Wilhelm von Schadow. Zudem gibt es zwei Fälle, bei denen die Recherchen noch am Anfang stehen.

Welche sind das? Zuletzt wurde über ein Gemälde von Heinrich Heime aus dem Kunstpalast geredet.

Hartmann Die Forschung ist in einem so frühen Stadium, dass ich darüber noch nicht sprechen kann.

Das Thema Raubkunst kam in Düsseldorf durch die überraschende Absage der Stern-Ausstellung im Stadtmuseum in den Fokus. War die Absage die richtige Entscheidung?

Hartmann Es ist gut, dass dadurch das ursprüngliche Konzept nun erweitert wird und eine ergänzte Ausstellung und eine Tagung stattfinden können. Dass wir uns mit dem Kunsthändler Max Stern, seiner Galerietätigkeit und seinem Verfolgungsschicksal beschäftigen, ist für mich als Forscherin wichtig.

Zu Ihren Aufgaben gehört nun, die Tagung zu Max Stern vorzubereiten. Was erhoffen Sie sich?

Hartmann Ich sehe die Tagung als Chance, erstmals internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Thema Max Stern und zum Düsseldorfer Kunsthandel zusammenzubringen, natürlich auch die Expertise aus Kanada. Unser Ziel ist das gleiche: Wir wollen historische Kontexte rekonstruieren und NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter identifizieren. Ich bin Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin. Meine Aufgabe ist es, die Fakten zusammen zu tragen.

Das Gemälde "Füchse" ist das einzige von Franz Marc im Kunstpalast. Wenn die Stadt es abgeben müsste, wäre das ein großer Verlust - auch finanziell. Fühlen Sie sich willkommen in den Museen?

Hartmann Ich kann mir nicht vorstellen, dass 2018 jemand noch so denkt. Deutschland hat sich 1998 verpflichtet, die Suche nach Raubkunst zu unterstützen. Die Stadt Düsseldorf ist eine der ersten Städte in Deutschland, die für die Provenienzforschung eine eigene Stelle eingerichtet haben. In den Düsseldorfer Museen erlebe ich große Aufgeschlossenheit: Die Mitarbeiter sind froh, dass ich sie als Ansprechpartnerin in diesem sensiblen und oftmals komplexen Bereich unterstütze.

Im Kunstmarkt spürt man aber durchaus Vorbehalte. Man hat den Eindruck, dass es oft wenig Interesse an Transparenz darüber gibt, welchen Weg ein Werk genommen hat.

Hartmann Diskretion gehört zum Kapital des Kunsthandels, die Provenienz aber auch. Ich denke, aktuell kann es sich kein Akteur des Kunstmarktes mehr leisten, die Herkunft eines Objektes nicht zu prüfen. Es geht ja auch um eine Sicherheit für die Käufer, die keine Überraschungen erleben wollen. Provenienzforschung, also die Rekonstruktion vorheriger Besitzer und Eigentümer eines Kunstwerks, ist aber zeitintensiv. Im Kunsthandel gehören zumindest Schnell-Checks inzwischen zum Standard. Grundlagenforschung hilft der Aufklärung enorm weiter und muss systematisch ausgebaut werden.

Sie nannten das Jahr 1998. Es ist eine Zäsur, weil Deutschland damals die Washingtoner Erklärung zum Umgang mit Raubkunst unterschrieben hat. Dadurch zog das Thema größere Kreise. Warum überhaupt so spät?

hartmann Die Washingtoner Konferenz hatte unter anderem den Umgang mit Immobilien, Bankschließfächern und auslaufenden Versicherungspolicen von jüdischen Opfern des Holocausts zum Thema. In Deutschland war das Thema nach Abschluss der Wiedergutmachungsverfahren nicht mehr präsent. Für mich als Forscherin ist es natürlich traurig, dass Raubkunst erst so spät in den Fokus geriet. Viele Fragen hätten sich wohl früher leichter beantworten lassen.

Das Wort Raubkunst klingt nach Raubüberfall. Aber zum Beispiel die Werke der Galerie Stern wurden eigenhändig von Stern versteigert. Kann man überhaupt belegen, dass es sich um Raubkunst handelt?

Hartmann Unsere Orientierungshilfe ist dabei die Handreichung zur Washingtoner Erklärung. Sie schließt Zwangsverkäufe mit ein. Es bedarf unter anderem der Prüfung, ob der Preis angemessen war, ob der Verkäufer über das Geld verfügen konnte und ob der Verkauf auch ohne die Herrschaft des Nationalsozialismus stattgefunden hätte. Im Einzelfall fällt der Nachweis oft schwer. Jeder Fall ist anders.

Was ist denn mit den "Füchsen"?

Hartmann Wir befinden uns derzeit im Gespräch mit den Erben und haben angeboten, den Fall der Beratenden Kommission vorzulegen.

Die Stadt will sparen. Ausgerechnet zur Raubkunst ist aber eine Stelle geschaffen worden. Braucht man sie?

Hartmann Die Stadt Düsseldorf hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Anfragen zu einzelnen Werken. Die Forschung und Recherche zu den aktuellen Gesuchen haben oberste Priorität. Mit der Schaffung dieser Stelle findet erstmals systematische Provenienzforschung statt, zumindest ist es der Beginn. Nur die langfristige und nachhaltige Forschung und das Teilen der Ergebnisse erzielen die gewünschten Resultate.

Wie gehen Sie vor?

Hartmann Ich suche zum Beispiel nach Informationen zu einem Kunsthändler, der in den Handel mit Raubkunst involviert war. Verschiedene Provenienzforschungsprojekte und Einzelrecherchen vieler Wissenschaftler liefern jeweils Puzzleteile zu dem Händler, dessen Leben und Wirken ich allein nicht hätte rekonstruieren können. Erst durch das Zusammensetzen des Puzzles lassen sich auch Provenienzen von Kunstwerken lösen.

Was sind bekannte Namen in Düsseldorf, nach denen Sie suchen?

Hartmann Ein Beispiel ist der Kunsthändler Hans Bammann, der seine Galerie an der Blumenstraße hatte und über den wir nur rudimentär etwas wissen. Er hat in der NS-Zeit Werke aus Paris bezogen, aber auch aus Österreich, und damit gehandelt. Das Städtische Kunstmuseum Düsseldorf hat damals bei ihm gekauft. Aber auch andere Museen in Deutschland. Ob sich unter den Erwerbungen von Bammann Raubkunst befindet, müssen die Recherchen zeigen.

Sie klingen, als sei die Recherche letztlich nie abgeschlossen.

Hartmann Nein, das ist sie auch nicht. Neue Dokumente liefern neue Erkenntnisse. Die Forschung ist immer ein Work in Progress.

ARNE LIEB FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)
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