Düsseldorf: Entsetzen über gefesselte Kinder

Düsseldorf: Entsetzen über gefesselte Kinder

Autistische Kinder sollen in einem Haus der Educon GmbH misshandelt worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen eine Psychologin und 16 Therapeuten und Erzieher. Sie will prüfen, welche Gewalt gegen die jungen Patienten angewendet wurde, und konkretisiert die Vorwürfe.

Sie wurden über Stunden fixiert und eingesperrt, Essen wurde ihnen vorenthalten. Autistische Kinder, die körperlichen Kontakt nur schwer ertragen, sind stundenlang umklammert und damit in Panik versetzt worden: Diese Vorgänge sollen auf rund 200 Videos zu sehen sein, die die Staatsanwaltschaft seit Herbst vergangenen Jahres prüft.

Seitdem ermittelt sie gegen eine Psychologin und 16 weitere Therapeuten und Erzieher, die in den Jahren 2007 bis Sommer 2009 als Angestellte der Educon GmbH für die Betreuung einer stationären Wohngruppe in Hilden zuständig waren. Die Tatvorwürfe lauten auf Misshandlung, Freiheitsberaubung und Nötigung. Educon ist eine Tochter der Graf-Recke-Stiftung mit Sitz in Düsseldorf. Sie betreibt unter anderem Heime und Schulen.

"Wir wissen von den Vorwürfen seit August 2009", sagt Christophe Göller, Sprecher des Landschaftsverbands Rheinland. Diesem gehört das Landesjugendamt an, das die Heimaufsicht über das Haus in Hilden ausübt. Göller sagt: "Wir haben damals sofort reagiert." Die 17 Mitarbeiter seien seitdem nicht mehr bei der Educon beschäftigt.

Veraltete Therapie

Sie sollen bei den sieben- bis 15-jährigen Kindern eine Form der Festhaltetherapie praktiziert haben, bei der Menschen gegen ihren Willen fixiert und festgehalten werden. "Diese veraltete Methode sollte heute keine Anwendung mehr finden", sagt Göller. In früheren Jahrzehnten sollten mit dem Festhalten gewaltsam Bindungsschwierigkeiten der Patienten aufgelöst werden.

Nach Auskunft des Verbands Deutscher Psychologen wurde in Hilden offiziell die so genannte Körperbezogene Interaktionstherapie nach Jansen angewendet. Sie ist eine Modifikation der Festhaltetherapie. Der Konzept-Entwickler distanziere sich jedoch deutlich von den Praktiken, die in Hilden angewendet wurden, sagt Christa Schaffmann, Sprecherin des Verbands.

Der Verband fordert auch: "Für die auf den Videos dokumentierten Praktiken, die deutliche Misshandlungen zeigen, müssen nicht nur die Therapeuten, sondern es muss auch die zuständige Leitungsebene Verantwortung übernehmen."

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Das ist nach Angaben der Graf-Recke-Stiftung auch passiert: Nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Sommer 2008 habe man die Mitarbeiter samt Bereichsleitung zunächst suspendiert und später entlassen, so Geschäftsführer Jürgen Peters. Die Wohngruppe werde mit anderem Personal geführt.

"Die zügige Aufklärung aller Vorwürfe ist uns ein besonderes Anliegen." Derzeit wird erwogen, Fachleute zur Bewertung der fraglichen Videos hinzuzuziehen. Ein Insider gegenüber unserer Redaktion: "Die Vorgänge haben mit irgendeiner Form von Therapie nichts mehr zu tun."

Hotline für Betroffene

Stadtsuperintendent Ulrich Lilie, der auch im Kuratorium der Stiftung sitzt, bestätigt, dass man alles für eine Aufklärung tue. "Wir haben auch eine Hotline für Betroffene eingerichtet." Außerdem kümmere sich eine Arbeitsgruppe um die Aufarbeitung des Geschehens. Staatsanwalt Johannes Mocken bestätigt: "Die Stiftung hat von Anfang an korrekt reagiert und uns umfassend informiert."

Gegen Verantwortliche bei Educon oder in der Stiftung werde derzeit nicht ermittelt. Ein Bevollmächtigter einer der betroffenen Familien erwägt nach eigenen Angaben aber auch rechtliche Schritte gegen die Spitze der Educon. "Ich habe lange Zeit gedacht, dass es sich bei dem Kind, um das ich mich kümmere, um einen Einzelfall handelt", sagt er.

Wie viele Kinder insgesamt betroffen sind, steht laut Mocken nicht fest. Fünf bis acht Kinder kann die Wohngruppe in Hilden normalerweise aufnehmen.

(RP)