Kita-Start in Düsseldorf : Hätte ich mal auf erfahrene Eltern gehört

Dieser Tage beginnt für viele Kinder die Eingewöhnung in die Kita – auch für das unserer Autorin in Düsseldorf. Warum die Sache mit Beruf und Familie komplizierter ist, als sie klingt.

Vorher sieht es immer so einfach aus: Kind kommt. Elternzeit. Kitaplatz. Zurück an die Arbeit.

So ungefähr habe ich mir früher die ersten anderthalb Jahre mit Nachwuchs vorgestellt. Klar, Kitaplätze für unter Dreijährige gibt es nicht genug in Düsseldorf, aber wo ein Wille ist… und irgendwie werden wir schon… und außerdem gibt es ja noch…

Nun ja. Das Kind kam. Und mit ihm die Elternzeit. Erste Überraschung: Man bekommt gar nicht vierzehn Monate Elterngeld, sondern im Prinzip nur zwölf, weil die beiden Monate Mutterschutz direkt nach der Geburt aufs Elterngeld angerechnet werden.

Ich will nicht undankbar klingen, oder gierig. Wir haben in Deutschland eine der großzügigsten Regelungen weltweit, und ich finde das fantastisch. Wahrscheinlich hätte ich mich besser informieren sollen. Zu meiner Verteidigung: In Broschüren und auf Websites zum Thema ist wirklich meistens von vierzehn Monaten Elterngeld die Rede.

Jedenfalls hatten in all meinen Kalkulationen diese beiden Monate bezahlte Kinderbetreuungszeit eine wichtige Rolle gespielt, weil das Kind, um das es geht, im Wonnemonat Mai geboren ist. Das Kitajahr beginnt aber erst im August.

In einer Stadt wie Düsseldorf ist es durchaus ratsam, nicht einfach mal auf zwei Monatsgehälter zu verzichten, wenn man die Miete noch bezahlen können will. Zum Glück gibt es etwas, das Elterngeld Plus heißt: Wenn man während der Elternzeit ein bisschen arbeitet, werden aus einem Monat Elterngeld wie durch Zauberhand zwei. Toll, dachte ich, mache ich. Simsalabim, wir haben das rettende Kitajahr erreicht.

In meiner prä-elterlichen Naivität hatte ich gedacht, die paar Stunden Arbeit könne ich doch erledigen, wenn das Kind schläft, oder ruhig in seinem Zimmer spielt. Wenn Sie jetzt die Augen verdrehen und sich fragen, wie ich mit diesem Maß an Blauäugigkeit bislang im Straßenverkehr überlebt und das Abitur geschafft habe, müssen Sie sich hinten anstellen: Ich bin noch immer nicht damit fertig, mein Spiegelbild deshalb runterzuputzen.

Kurz gesagt: Anfangs war die Kombination Arbeit und Kind noch ganz okay, weil das Kind tatsächlich sehr viel schlief und im Wachzustand eine überschaubare Zahl simpler Bedürfnisse anmeldete, die sich meist relativ schnell befriedigen ließen. Wie alle Mütter und Väter aber wissen, werden Kinder mit dem Alter wacher, lauter und in ihren Wünschen komplexer – so auch meins. (Sehr wahrscheinlich hätte ich misstrauisch werden sollen, wenn Mütter und Väter meines Umfelds ob meiner selbstbewusst vorgetragenen Pläne für das erste Jahr mit Nachwuchs – siehe oben – die Augenbrauen hoben, aber ich habe es offenbar vorgezogen, das zu ignorieren.)

Aus dem eingangs vorgestellten Vierstufenplan war mittlerweile geworden: Kind kommt. Elternzeit. Elternzeit mit bisschen Arbeiten.

Wider Erwarten einfach war die Sache mit dem Kitaplatz: Wir bekamen gegen alle Regeln der Statistik zwei angeboten und konnten uns einen aussuchen. Und das in Düsseldorf. Manchmal liege ich nachts wach und denke an die 900 Kinder unter drei, für die es dieses Jahr keinen Betreuungsplatz gibt. Wie viele ihrer Mütter und Väter liegen jetzt ebenfalls wach und weinen leise in ihr Kissen, weil sie absolut nicht wissen, wie sie ihr Leben jetzt wuppen sollen? Oder findet am Ende jeder Topf irgendwie einen Deckel und jedes Kind irgendwie eine Betreuung?

Ich werde es vermutlich nicht herausfinden müssen. Eigentlich sollte ich also der glücklichste Mensch auf der Welt sein, oder?

Naja – es geht. Je näher die Eingewöhnungszeit rückt, desto mehr bröselt meine Zuversicht.

Einerseits aus praktischen Gründen. Das Kitajahr beginnt tatsächlich „im August“, liebe Freunde. Nicht: am 1. August. Am 1. August hat die Kita noch zu. Wenn die Kita dann aufmacht, beginnt die Eingewöhnungszeit. Aber natürlich nicht nur für mein Kind. Logisch. Sondern für viele. Und zwar nicht gleichzeitig, was sich jeder ausrechnen kann, der fünf Minuten darüber nachdenkt. Sondern nacheinander, damit nicht sechs Unter-Dreijährige heulend durch die Kita krabbeln und nach einem ihrer Erzeuger suchen.

Offenbar habe ich die entscheidenden fünf Nachdenkminuten für etwas anderes aufgebraucht, wahrscheinlich für ein kompliziertes Rätsel á lá: Du hast zwei Hände, einen Kindersitz, eine Wickeltasche, einen Blumentopf, einen Notenständer und ein Kleinkind und das Auto steht zwei Querstraßen weiter. Wie kommst du pünktlich zum Geburtstag von Tante Uschi?

Egal: Wir haben jetzt sportliche drei Wochen für die Eingewöhnung, danach muss Mama wirklich wieder arbeiten. Und beim Zeus, wir werden es schaffen, wir müssen es schaffen, aber lustig wird es vermutlich nicht.

Wer mit dem Prozess der Kita-Eingewöhnung nicht vertraut ist: Heutzutage liefert man die Kinder dort nicht mehr ab und geht, sondern man beginnt mit einem gemeinsamen Besuch von einer Stunde am ersten Tag und steigert sich dann über drei bis sechs Wochen zu dem Punkt, an dem das Kind zwar vielleicht in Tränen ausbricht, wenn man geht, sich aber von der Erzieherin trösten und ablenken lässt. Mount Kita-rest ist bezwungen, wenn das Kind freiwillig in der Einrichtung Mittagsschlaf macht.

Nun wohl: Kind kommt. Elternzeit. Elternzeit mit bisschen Arbeiten. Kitaplatz. Eingewöhnungszeit. Und jetzt?

Jetzt frage ich mich, ob und wann ich wieder Vollzeit arbeiten kann und werde, denn wie mir erfahrene Eltern versichern, ist ein achtstündiger Kita-Aufenthalt für ein sehr kleines Kind in etwa so wie für unsereins ein achtstündiger Aufenthalt in einem vollen Ferienflieger mit einem betrunkenen Junggesellinnenabschied – und machen Sie das mal fünf Tage die Woche.

Mit anderen Worten: Wenn man erfahrenen Eltern glauben darf – und bitte, ich habe aus meinen Fehlern gelernt, also glaube ich mittlerweile fast alles, was die sagen – dann sollte das Kind zunächst so wenig Stunden in der Kita verbringen wie nur irgend möglich.

Mir widerstrebt dieser Gedanke, denn eigentlich finde ich Kita toll. Ich hatte selbst eine tolle Kindergartenzeit. Ich sehe, wie mein Kind aufblüht, wenn es mit anderen Kinder zusammen ist. Und ich glaube sehr an Arbeitsteilung und Professionalisierung, weshalb ich es für eine ausgezeichnete Idee halte, dass Profis sich um Kinder kümmern. Sprich: Erzieherinnen und Erzieher, die übrigens sehr, sehr viel mehr Geld verdienen sollten.

Leider klingt auch logisch, dass man so ein Kind lieber nicht überfordern soll, wenn man keine dauerhaften Schäden hervorrufen möchte, und das möchten wir natürlich nicht. Also hat zu Hause eine kleine Matheolympiade begonnen mit Textaufgaben wie:

„Das Kind E. soll so kurz wie möglich in der Kita sein. Wenn Vater Gleitzeit, aber auch oft Termine am Morgen hat, und Mutter schwer aus dem Bett kommt, dafür aber unregelmäßige Arbeitszeiten hat: Wer bringt E. morgens um welche Uhrzeit, und wer holt es wann wieder ab?“ Oder: „Die Großmutter kann E. an einem Tag der Woche aus der Kita abholen und die Eltern sich ca. vier Babysitterstunden pro Woche leisten. Um wie viele Stunden pro Woche müssen die Eltern ihre Arbeitszeit reduzieren, um sich weiterhin einen Babysitter leisten zu können, aber E. nicht zu traumatisieren? Kann die Mutter weiterhin einmal die Woche abends zum Sport gehen, oder sollte sie sich einfach damit abfinden, fettleibig und dauerhaft verspannt zu werden?“ (Zugelassene Hilfsmittel: Taschenrechner, Wein, Schokolade; Lösungswege bitte gerne per Mail an mich. Danke.)

Mein Gott, ich klinge wie all die Eltern, denen ich vor ein paar Jahren noch pseudoempathisch zugenickt habe, wenn sie mir ihr Leid klagten. In Wahrheit dachte ich natürlich: „Kind kommt. Elternzeit. Kitaplatz. Zurück an die Arbeit. Was ist daran denn bloß so schwer?“

Einerseits sind’s die Umstände, andererseits die Ansprüche, würde ich heute antworten. Es ist kompliziert, und man will es unbedingt richtig machen, weil – ohne jede Übertreibung – ein Menschenleben davon abhängt. Und auch nicht irgendeins!

Wenn’s noch vor Ihnen liegt: Planen Sie sorgfältig und stellen Sie sich darauf ein, dass Ihre Pläne wie Seifenblasen zerplatzen. Kaufen Sie Wein oder Schokolade!

Wenn Sie’s schon hinter sich haben: Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen. Ich hätte auf Sie hören sollen.