Düsseldorf: Eine WG für Menschen mit Demenz

Düsseldorf : Eine WG für Menschen mit Demenz

Eine Wohngemeinschaft mit acht Demenz-Kranken? Kann das gut gehen? Ja, und zwar sehr gut. Ein Besuch in der WG "Kirschblüte".

Leni Kullmann packt gerne selber an und so muss man sie auch nicht lange bitten, den Salat für das Mittagessen zuzubereiten. Lächelnd steht die 85-Jährige an ihrem Schneidebrett und schnippelt die Gurken, während sich ihre WG-Mitbewohnerin Martha Walsh nebenan um die Nudeln kümmert. Andere decken den Tisch und warten geduldig auf das Mittagessen.

In der "Kirschblüte" erinnert nichts an ein Pflegeheim, dabei würden alle acht Bewohner in einem Pflegeheim wohnen, wenn es die "Kirschblüte" nicht gäbe. Denn sie haben Demenz, brauchen mal mehr, mal weniger Hilfe, um ihren Alltag zu schaffen. Und jemanden, der da ist, wenn der Ernstfall eintritt. Doch gemeinsam — und dank der Unterstützung des WG-Betreibers, der Arbeiterwohlfahrt — können sie sehr selbstbestimmt leben. Leni Kullmann und ihre Mitbewohner entscheiden selbst, wann sie aufstehen, was sie essen und wann sie essen. Wenn sie spazieren gehen wollen, dann tun sie das. Und wenn sie in der Wohnung irgendwas ändern wollen, dann sprechen sie darüber und entscheiden gemeinsam: eben alles so wie in einer richtigen Wohngemeinschaft.

"Als mein Mann im letzten Jahr starb, wusste ich, dass ich in meiner Wohnung nicht alleine leben könnte", sagt Kullmann. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn kamen sie zwar so oft sie konnten besuchen. "Doch abends war ich immer allein und hatte die Sorge, dass wenn was passieren würde, niemand da wäre."

In der WG der Awo hat Kullmann nun ihr eigenes Zimmer, rund 30 Quadratmeter groß, mit Möbeln aus ihrem ehemaligen Zuhause. An den Wänden hängen Bilder von ihrem verstorbenen Mann, von ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und Enkel. Im gemeinschaftlichen Wohnbereich ist alles gemütlich eingerichtet; jeder hat etwas für die Einrichtung beigesteuert, ob Sessel, Fernseher oder Tisch. Auch die Waschmaschinen im Keller haben die Bewohner mitgebracht, und jeder aus der WG darf sie benutzen.

"Wir kommen alle gut miteinander aus", sagt Kullmann. Natürlich gebe es manchmal Unstimmigkeiten, "aber meistens sind das nur banale Dinge", sagt die 85-Jährige. Und wenn sie mal unter sich sein will, dann könne sie ja auch einfach in ihr Zimmer gehen und die Tür hinter sich zuschließen.

Damit Leni Kullmann und die anderen sieben Bewohner so selbstbestimmt leben können, hat die Awo sich einiges einfallen lassen. Die "Kirschblüte" ist bislang die erste und einzige Demenz-WG des Wohlfahrtsverbands. Doch man sei "mit dem Konzept auf dem richtigen Weg", sagt Geschäftsführer Jürgen Jansen. Die WG-Bewohner seien viel aktiver als solche, die in einem Pflegeheim wohnen, meint er. Doch damit das Leben so scheinbar mühelos läuft, hat die Awo auch ein System aufgebaut.

So ist immer ein "Alltagsbegleiter" vor Ort. Er kümmert sich um die Bewohner, kocht zum Beispiel mit ihnen, bespricht mit ihnen die Einkaufsliste und plant gemeinsame Aktivitäten. Er übernachtet übrigens auch in der WG, damit für den Ernstfall immer jemand da ist. Auch der Pflegedienst ist rund um die Uhr vor Ort. Und zur Sicherheit tragen die Bewohner eine Art Hausnotrufgerät am Handgelenk.

Kullmann würde ihren WG-Platz für nichts in der Welt hergeben. Würde sie es, gäbe es schnell Ersatz: Auf der Warteliste der Awo stehen bereits 100 Bewerber.

(RP)