1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf

Eine Irrfahrt mit Folgen in Düsseldorf

Menschen in Düsseldorf : Eine Irrfahrt mit Folgen

Erna Adam stieg in den falschen Bus und wusste plötzlich nicht mehr, wo sie war. Die Familie Ehlers half in der Not.

Musternd lässt Erna Adam ihren Blick über die  Häuserfassaden Am Pflanzkamp wandern. Ein paar Schritte geht sie die Straße des Elleraner Wohngebiets entlang, ehe sie doch wieder umkehrt, den Blumenstrauß dabei fest unter den Arm geklemmt. „Hier war es definitiv nicht. Ich hoffe, sie haben ein wenig Zeit mitgebracht“, sagt Adam entschuldigend und biegt in die nächste Gasse ein. Sie sucht ein ganz bestimmtes Haus, für deren Bewohner die schönen Amaryllis-Blüten in ihrer Hand gedacht sind. Ein Haus, in dem ihr in einer Notsituation viel Hilfsbereitschaft zuteil wurde – und den Ausgangspunkt für eine wunderbare Freundschaft stellte.

Alles begann mit einem Malheur. Es war ein Samstagnachmittag, den Adam für den Besuch einer Freundin im Benrather Krankenhaus nutzen wollte. Eine Strecke, die von ihrer seniorengerechten Wohnanlage aus mit dem ÖPNV etwa eine halbe Stunde dauert. Zumal sie von der Vennhauser Allee aus mit der Buslinie 730 optimal angebunden ist. Doch genau an diesem Bussteig passierte dann das Missgeschick. Adam, schon ganz in Gedanken bei ihrer Freundin, stieg stattdessen in die Linie 731 Richtung Am Pflanzkamp. Erst am Endhalt bemerkte sie das Unglück. Um Rat suchend wendete sie sich an den Busfahrer. „Der war allerdings sehr mürrisch und unfreundlich und wies nur vage in die Richtung, wo die Buslinien nach Benrath halten. Dabei war es ja schon fast dunkel“, beschreibt Adam die Situation. Noch immer schüttelt sie wütend den Kopf. Rücksichtsloses Verhalten erlebe sie öfters im Nahverkehr. „Das passt ins Bild. Wir Alten sind im ÖPNV so etwas wie die unsichtbare Generation.“

Die patente Seniorin zog auf eigene Faust los. Auf der Suche nach der Haltestelle irrte sie durch die Straßen der Nachbarschaft, ehe sie die aussichtslose Situation einsah. „Ich wollte daraufhin ein Taxi bestellen, hatte allerdings die falsche Nummer im Handy gespeichert.“ Ihr Irrweg führte sie an einem kleinen, festlich geschmückten Reihenhaus vorbei. „Ich bin kein ängstlicher Mensch. Und das Haus sah so schön geschmückt und einladend aus“, schwärmt Adam. Sie beschloss, zu klingeln.

Eigentlich wollte sie ja nur um ein Taxi bitten. „Ich hatte schon mein Portemonnaie in der Hand, um die Leute für den Anruf zu bezahlen“, sagt sie. Doch das wollten die Hausbesitzer nicht akzeptieren. Stattdessen  luden sie Adam ins Esszimmer ein, boten ihr Tee und Stollen an. „Ich habe da bestimmt eine Stunde gesessen, so nett waren die Leute. Die wollten mich gar nicht mehr gehen lassen.“

Zutiefst beeindruckt von dieser zufälligen Begegnung gehen Adam die Ereignisse nicht mehr aus dem Kopf. Der Wunsch, sich bei der Familie für ihre Gastfreundschaft zu bedanken, wächst. Eine Freundin animiert sie, die Geschichte der Presse zu erzählen. „Um mal ein Gegenbeispiel zu den ganzen schlechten Nachrichten zu setzen“, erklärt sie. Tage später läuft Adam wieder suchend durch die Straßen Am Pflanzkamp. Die genaue Adresse oder den Namen der Leute hat sie sich nicht gemerkt – nur das festlich geschmückte Haus hat sie noch klar vor Augen. Tatsächlich findet sie es wieder. Und die Gastfreundschaft der Bewohner ist genauso, wie Adam sie beschrieben hatte. Ohne einen Tee und ein Stück vorzüglichen Stollen kommt scheinbar kein Gast bei der Familie Ehlers raus. „Mein Vater war Bäcker. Stollen haben wir immer den Leuten geschenkt, die wir gerne mochten“, sagt Sabine Ehlers.  Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen in Notlagen zu zeigen, empfinde sie allein schon aus christlichen Beweggründen für selbstverständlich. „Das habe ich in dem Moment eher als Geschenk empfunden. Als ob uns Gott den Besuch geschickt hätte“, sagt sie.

Eine weitere angenehme Stunde geht in Familie Ehlers’ gemütlichem Wohnzimmer vorbei. Sie freunden sich mit  Adam  an, tauschen die Kontaktdaten aus. Zum Abschied bieten sie der Seniorin noch an, sie nach Hause zu fahren. Denn wo sich die richtige Haltestelle nun eigentlich genau befindet – das weiß Erna Adam bis heute noch nicht.