Serie Düsseldorfer Geschichten: Eine beinahe normale Straße

Serie Düsseldorfer Geschichten: Eine beinahe normale Straße

Im Düsseldorfer Osten betreut die Caritas seit 30 Jahren eine Sinti-Siedlung. Das funktioniert trotz der Probleme, die es nach wie vor gibt.

Es gibt Erfolgsgeschichten, die auf den ersten Blick gar nicht als solche zu erkennen sind. Weil in diesen Fällen bereits die Normalität ein großer Erfolg ist. Und Normalität ist alles, nur nicht spektakulär. Im Düsseldorfer Osten wird diese Geschichte seit 30 Jahren geschrieben, in einer Sinti-Siedlung. Damit sich daran auch nichts ändert, bleibt die Straße in diesem Text ungenannt.

Einer der Bewohner ist Rigoletto Mettbach. Der 63-Jährige, geboren in Duisburg, lebt mit seiner Frau seit 1983 in einem der Häuser, vorher wohnte er dort fast 25 Jahre in einem Wohnwagen, als dort noch keine Straße verlief, sondern erst ein Feld und dann ein Platz war. Seine Mutter lebt im Haus gegenüber. Nie würde es ihm einfallen, sie im Altenheim unterzubringen. Die Familie steht bei den Sinti über allem.

Mettbach ist ein Mensch, dem es herzlich egal ist, wenn man ihn Zigeuner nennt, er tut es ja selbst. Hauptsache, man verwendet das Wort nicht abfällig. Auch das Zigeunerschnitzel muss man seinetwegen nicht umbenennen. Eher schon hat er was gegen die Begriffspaarung "Sinti und Roma", weil Sinti und Roma in seinen Augen nicht viel miteinander zu tun haben. Mettbach ist gerade von einem großen Familientreffen auf einem Campingplatz in der Nähe von Gronau zurückgekehrt, er selbst hat neun Kinder, Zusammenkünfte der Verwandtschaft können bei den Sinti schon mal größere Ausmaße annehmen. Diesmal waren sie mit knapp 30 Wohnwagen dort.

Mettbach ist Berufsmusiker. Er hat schon als Jugendlicher sein eigenes Jazz-Quintett gegründet und wandelt bis heute auf den Spuren von Django Reinhardt, dem wichtigsten Sinti-Musiker der Geschichte und Erneuerer des Jazz. Von ihm hat er sich auch den dünnen Schnurrbart abgeschaut. Im "Rigo Winterstein Swingtett" spielt er Gitarre, die Touren führten sie bis nach Japan, wo 2000 bis 3000 Zuschauer zu den Konzerten kamen.

Mettbach wohnt gerne in der Siedlung, er hat nicht vor, noch mal wegzuziehen. Seinen Wohnwagen behält er trotzdem, weil er mobil bleiben möchte. Nur eine Sache stört ihn gewaltig: dass die Post nicht mehr ausliefert. Vor fünf Jahren habe ein Hund mal eine Briefträgerin gebissen, erzählt er, danach sei die Post nicht mehr gekommen. Seitdem müssen sie ihre Briefe in einem Postfach abholen, doch für die Älteren ist der Weg zu weit. Deshalb fordern Mettbach und die übrigen Bewohner, dass die Post auch wieder ihre Straße anfährt.

Es ist allerdings nicht so, dass es auf dieser Straße keine anderen Probleme gibt als die Tatsache, dass die Post nicht liefert. Wer zum ersten Mal die Siedlung betritt, der merkt bald, dass dies keine der besseren Gegenden Düsseldorfs ist. Die knapp 100 Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft wohnen in schlichten ein- bis zweigeschossigen Häusern, häufiger steht ein Wohnwagen daneben, manchmal ist der Garten vollgestellt mit Gerümpel, nicht alle Häuser wirken gepflegt. Verwahrlost aber kommt die Siedlung nicht herüber. Die Straße führt zu einem Wendehammer, dort betreibt die Caritas eine Kindertagesstätte mit Hort und angeschlossenem Beratungszentrum für Jugendliche und Erwachsene. Nicht nur für Bewohner der Siedlung, sondern auch für Sinti aus dem Umland. Es ist das Zentrum der Siedlung. Acht Mitarbeiter der Caritas sind dort im Einsatz.

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Christiane Rath ist Leiterin des Fachgebiets Jugendhilfe der Caritas und als solche auch zuständig für die Siedlung. Wenn sie von der Entwicklung der Straße spricht, dann erzählt sie keine gutgemeinten Märchen, sondern bleibt bei der Realität. Und die heißt: Die Menschen, die hier wohnen, sind sozial benachteiligt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 50 Prozent, wer arbeitet, der ist meist Schrotthändler oder putzt, Jobs also, die wenig einbringen. Im Jahresbericht 2012 der Caritas heißt es: "Der Hilfebedarf bei den meisten Personen der Zielgruppen ist weiterhin sehr hoch." Mettbach macht dafür auch das Jobcenter verantwortlich. Die jungen Leute wollten arbeiten, aber man würde ihnen keine Arbeit anbieten.

Wer sich genauer mit der Geschichte der Siedlung befasst, der wird allerdings rasch erkennen, welche Fortschritte sie gemacht hat. Man muss diese Geschichte mindestens ab 1933 erzählen. Sinti und Roma gehörten im Dritten Reich zu einer geächteten Minderheit, bis zu 500 000 starben durch die Verfolgung der Nazis.

Auch am Höherweg in Lierenfeld gab es ein Internierungslager für Sinti. Viele wurden deportiert und ermordet. Als der Krieg endete, ließen sich die Überlebenden dort nieder, wo heute die Siedlung steht. Es sind Menschen, deren Familien bereits seit Jahrhunderten auf deutschem Gebiet leben. Zwar entstanden dort im Laufe der Zeit Baracken und Hütten, aber besonders komfortabel waren diese nicht. Da sie aufgrund der NS-Verfolgung Misstrauen gegenüber dem deutschen Staat entwickelt hatten, nahmen sie kaum Hilfe in Anspruch, weil sie dann auch Informationen über sich hätten preisgeben müssen. Mettbach berichtet, dass die Stadt Düsseldorf jahrelang nicht sonderlich begeistert war, dass die Sinti dort siedelten, und sie deshalb loswerden wollte. Die Stadt habe dort in den 60ern Steine gelagert, um die Fläche zu verkleinern, es habe keine Toiletten gegeben, das Wasser hätten sie sich von Hydranten geholt.

Besser wurde es erst Ende der 70er, so berichtet Mettbach, als ein freiberuflicher Sozialarbeiter auf den Platz aufmerksam wurde und sich dafür einsetzte, dass Toiletten gebaut und ein Wasseranschluss gelegt wurden. Anfang der 80er schufen dann Caritas, Katholische Kirche und die Stadt Düsseldorf die Sinti-Siedlung, wie sie heute besteht. Einfamilienhäuser wurden gebaut und vermietet, eine Straße entstand. In dem größten Haus richtete die Caritas die Kindertagesstätte und das Beratungszentrum ein. Ziele des Projekts: das Bildungsniveau anheben, den Bewohnern dabei helfen, Sicherheit im Alltag zu entwickeln, vom Einkaufen bis zum Behördengang, — und letztlich — in die Gesellschaft integrieren, ohne die eigene Kultur aufzugeben. Doch erst mal mussten die Mitarbeiter der Caritas das Vertrauen gewinnen. "Das brauchte einen langen Atem", sagt Frau Rath. Es gelang.

Probleme gibt es noch viele, doch es sind andere. Früher musste die Caritas die Bewohner überzeugen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Heute gibt es kaum noch Schulverweigerer. Die Eltern haben begriffen: Das ist wichtig für mein Kind, und sicher ist es dort auch. Die Kinder werden nicht wie früher gleich zur Förderschule geschickt, sie gehen auch zur Hauptschule, zur Real- und Gesamtschule. Dabei geholfen hat die Tatsache, dass die Sinti-Kinder früher Deutsch lernen. Ihre erste Sprache ist Romanes, doch spätestens, wenn sie mit zwei Jahren in den Kindergarten gehen, lernen sie Deutsch. "Sie dürfen aber auch in der Kita Romanes sprechen", sagt die Leiterin des Kindergartens, Christa Roskothen. Wichtig sei, dass sie erst mal eine Sprache richtig lernen. Dass mittlerweile auch alle Erwachsenen Deutsch sprechen, ist ein weiterer stiller Erfolg. Analphabeten sind nur noch einige der Älteren. Dass die Kinder bereits mit zwei Jahren in die Kita gehen, kommt vielen Eltern entgegen. Im Jahresbericht der Caritas 2012 heißt es, in vielen Sinti-Familien herrsche Unsicherheit bei der Kindererziehung. Deshalb ist die Tagesstätte eine gute Anlaufstelle.

Doch auch wenn das Sicherheitsbedürfnis der Sinti bleibt, so schotten sie sich nicht von der Umgebung ab. Schließlich gehen ihre Kinder in dieselben Schulen wie andere Düsseldorfer, sie gehen in dieselben Supermärkte, Mettbachs Enkel spielen im Fußballverein. Viele verlassen die Siedlung auch, weil es nur eine begrenzte Zahl von Häusern dort gibt. Und so ist die Siedlung beinahe eine ganz normale geworden, mit all ihren Problemen, die auch dem Rest des Viertels nicht fremd sind. Einen Unterschied aber sieht Christiane Rath noch. "Sie feiern vielleicht etwas lauter als andere."

(RP)
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