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Kommentar: Eine Abwahl erster Klasse

Kommentar : Eine Abwahl erster Klasse

Sensation in Düsseldorf. Der vor vier Wochen kaum bekannte frühere Energiemanager Thomas Geisel (SPD) stürzt OB Dirk Elbers vom Thron. Der CDU-Amtsinhaber enttäuschte zu viele Bürger. An Joachim Erwin kam er nie heran.

Es ist eine Abwahl erster Klasse: Nach 15 Jahren regiert im Rathaus der Landeshauptstadt wieder ein Sozialdemokrat. Herausforderer Thomas Geisel gewinnt klar gegen CDU-Amtsinhaber Dirk Elbers. An der Entwicklung Düsseldorfs kann dies kaum gelegen haben.

Die Stadt wächst, ohne ihre liebens- und lebenswerte Identität zu verlieren. Die Wirtschaft brummt. Mit Messe, Flughafen, internationalen Konzernen und soliden Mittelständlern gilt Düsseldorf als Magnet für Arbeitnehmer. Kitas und Schulen sind gut ausgestattet. Eine renommierte Universität, eine Kulturszene mit Weltrang, eine lebendige Bürgerschaft. Städtebauliche Dynamik. Und doch wählten die Düsseldorfer den nur sechs Jahre amtierenden Oberbürgermeister ab, der mit seiner Partei und in Fortsetzung der Arbeit seines Vorgängers Joachim Erwin durchaus auch zu dieser Situation beigetragen haben.

Warum also diese herbe Niederlage? Weil Dirk Elbers es nie geschafft hat, diese kraftvolle und sympathische Großstadt genau so zu repräsentieren. Im Gegenteil: Er hat sie unter Wert verkauft. Sein bisweilen herrisches Auftreten und seine Beratungsresistenz irritierten vor allem im bürgerlichen Lager. Seine Verdienste etwa um den Kö-Bogen bleiben zwar. Es wirkte aber doch meist, als verwalte er das Erbe Joachim Erwins nur.

Sein Herausforderer Thomas Geisel konnte dagegen mit einem quirligen Wahlkampf punkten. Respekt dafür. Nicht alles anders, aber vieles besser will er machen.

Neue Schulden sollten allerdings nicht Thomas Geisels erste Amtshandlung sein. Denn es geht bei soliden Finanzen um eine grundsätzliche politische Richtschnur. Sind die notwendigen Investitionen in Schulen, Kitas und Infrastruktur das Ergebnis einer nachhaltigen Finanzpolitik und dadurch gewachsener Gestaltungsspielräume. Oder sind sie Voraussetzung dafür? Gibt es gute Schulden? Die parteiübergreifenden Erfahrungen in Stadt, Land und Bund belegen, dass neue Schulden nicht per se "rentierlich" sind, sondern leider oft genug auch als Instrument für parteipolitisch motivierte Wohltaten missbraucht wurden und eben nicht als Zukunftsinvestition. Der neue SPD-OB mag beim Thema bezahlbarer Wohnraum und dem Fokus auf Stadtteile sinnvolle Akzente setzen. Wenn er als Erstes die Schuldenuhr abreißt, verliert Düsseldorf einen Standortfaktor.

Thomas Geisel hat sich im Wahlkampf als Kandidat aller Düsseldorfer gegeben. Er wird es als Oberbürgermeister aus machtpolitischen Erwägungen sein müssen. Im Rat braucht er eine Mehrheit. Eine schwarz-rote Koalition ist eine Option. Die ersten Angebote aus der CDU, die sich am Wahlabend offenbar so schnell wie möglich von Elbers lösen wollte, liefen beim Wahlgewinner ein. Oder Geisel muss gegen eine schwarz-grüne Mehrheit im Rat anregieren.

Für den neuen Rathaus-Chef dürfte der Kompromiss zur Konstante werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Dirk Elbers verlässt das Rathaus durch die Küche

(brö)