Allwetterbad Flingern: Ein Schwimmbad voll Geschichte - vom Aus bedroht

Allwetterbad Flingern: Ein Schwimmbad voll Geschichte - vom Aus bedroht

Das Allwetterbad in Flingern entstand aus einer politischen Bewegung. Arbeiterstolz und Olympiamedaillen sind mit ihm verbunden wie die Erinnerung mehrerer Generationen an unbeschwerte Sommer. Jetzt droht dem Bad mit dem kuriosen Dach das Aus. Martina Steiner schläft schlecht in diesen Tagen. Die Vorsitzende der "Freien Schwimmer" kann nicht glauben, dass das Allwetterbad keine Zukunft haben soll. Zu teuer sei die Renovierung des maroden Bads, meint die Stadt. Sie plant, das überdachte Sportbecken zu den Herbstferien zu schließen und künftig nur noch das Freibad zu öffnen. Und auch das nur "vorerst". Wie lange es noch betrieben wird, ist unklar, denn das Bad ist an vielen Stellen baufällig.

Das Allwetterbad in Flingern entstand aus einer politischen Bewegung. Arbeiterstolz und Olympiamedaillen sind mit ihm verbunden wie die Erinnerung mehrerer Generationen an unbeschwerte Sommer. Jetzt droht dem Bad mit dem kuriosen Dach das Aus.

Martina Steiner schläft schlecht in diesen Tagen. Die Vorsitzende der "Freien Schwimmer" kann nicht glauben, dass das Allwetterbad keine Zukunft haben soll. Zu teuer sei die Renovierung des maroden Bads, meint die Stadt. Sie plant, das überdachte Sportbecken zu den Herbstferien zu schließen und künftig nur noch das Freibad zu öffnen. Und auch das nur "vorerst". Wie lange es noch betrieben wird, ist unklar, denn das Bad ist an vielen Stellen baufällig.

Das Bad gehört dazu

Steiner und andere von den "Freien Schwimmern" wollen das nicht hinnehmen. "Die Schwimmer aus dem Osten der Stadt müssten sonst viel weiter fahren", meint sie. Steiner weiß auch: Mit dem Bad würde ihrem Verein, der mit mehr als 1600 Mitgliedern immer noch zu den größten der Stadt zählt, auch ein wichtiges Stück Identität verloren gehen. Denn das Allwetterbad ist untrennbar mit dem Verein verknüpft, und der ist einer der außergewöhnlichsten in Düsseldorf.

Die "Freien Schwimmer" werden 1910 in der damals erstarkenden Arbeitersportbewegung gegründet. Die Mitglieder wollen Gesundheit und Sozialismus fördern — und damit ein Gegengewicht zum "bürgerlichen" Sport mit seinen übertriebenen Ehrungen bilden. Im Kaiserreich trifft das auf Ablehnung. In staatlichen Bädern dürfen sich die "Freien Schwimmer" nicht treffen. Sie schwimmen im Rhein — und bereichern Düsseldorf 1922 mit der ersten Rettungswache. "Heiligste Pflicht des Arbeiterschwimmers ist es, seinen Nächsten, der dazu in allen Fällen sein Klassengenosse ist, vom Tode des Ertrinkens zu retten", heißt es 1922 in der Vereinszeitung.

Mit Schaufel und Spaten

Lange träumt der Verein von einem eigenen Bad. 1925 erwirbt er ein erstes Grundstück, 1930 dann das 43 000 Quadratmeter große Areal am Flinger Broich, wo damals noch Sträucher und Brombeerhecken stehen. Finanziert wird der Kauf durch die Mitglieder, die in eine Kasse einzahlen. Sie arbeiten am Wochenende mit Schaufel und Spaten am Bau der Sportstätte, das Vereinsheim wird aus abgerissenen Schornsteinen errichtet.
Es sind unruhige Zeiten, auch in Düsseldorf. Das Bad ist eine hochpolitische Angelegenheit — an der Baustelle postieren die "Freien Schwimmer" Aufpasser. Denn die SA hat es auf die Arbeiter-Sportstätten abgesehen. Weitere Probleme macht die Weltwirtschaftskrise. Der Bau des Bads muss unterbrochen werden. Am Vereinsheim hängt ein großes Transparent: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!"

Von den Nazis geschlossen

Nach der Machtübernahme 1933 beginnen die Nationalsozialisten sofort mit der Abrechnung: Das Sportgelände wird beschlagnahmt, der Verein verboten. Die Dokumente im Vereinsheim werden verbrannt, das Haus des Vorsitzenden von SA-Truppen durchsucht. Ein Jahr später werden mehrere führende Vereinsmitglieder wegen der Gründung von "bolschewistischen Zellen" zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.
Am Schwimmsport haben die Nazis kein Interesse, sie errichten in dem leeren Becken einen Schießstand. Später wird ein Flak-Geschütz am Flinger Broich postiert. Viele Mitglieder der "Freien Schwimmer" bleiben trotz Verbot in Verbindung. Manche leisten heimlich Widerstand. Sie unterstützen auch die Familien ihrer inhaftierten Mitglieder. Das 30-jährige Bestehen wird 1940 geheim gefeiert. Der damalige Vereinsvorsitzende Otto Reinstädtler sagt: "Wenn wir auch heute versteckt, verfolgt und verboten zusammenkommen, so sind wir doch davon überzeugt, dass wir unser 40. Jubiläum in aller Öffentlichkeit feiern werden."

Mitarbeit oder fünf Mark im Monat

Er behält recht. Schon im Sommer 1945, wenige Monate nach Kriegsende, beginnen die Vereinsmitglieder mit dem Neuaufbau des Bads. Es fehlt aber an Geld. 1949 fasst die Vereinsführung deshalb einen harten Entschluss: Jedes Mitglied muss beim Bau mitarbeiten oder den exorbitanten Betrag von fünf damals ganz neuen D-Mark pro Monat zahlen. Auch die Stadt beteiligt sich, zumal in dem Bad auch Nichtmitglieder schwimmen dürfen sollen. Das Becken wird mit wasserabweisendem Kautschuk verkleidet, einer sogenannten "Büffelhaut". Zum 40. Jubiläum 1950 wird das Schwimmbad am Flinger Broich endlich eröffnet.

Trainingsort für Olympioniken

Den Klassenkampf führen die "Freien Schwimmer" nicht mehr fort. Der Verein bleibt zwar lange SPD-nah, schließlich leben in Flingern und Gerresheim damals viele Arbeiter. Aber er öffnet sich. Statt über die Ertüchtigung zum Sozialismus zu reden, unternehmen die Vereinsmitglieder eine Fahrt zur Weinprobe nach Nierstein an die Mosel. Im Bad in Flingern wird derweil erfolgreich Leistungssport betrieben: In den 70-ern trainieren mit Marion Platten, Michael Dick, Gudrun Beckmann oder Andreas Schmidt mehrere Olympiateilnehmer. Zur Legende der "Freien Schwimmer" aber wird Richard Reinstädtler, der 1978 als 65-Jähriger seine ersten Erfolge im Seniorenschwimmen feiert und 1997 ganze sechs Weltrekorde an einem Tag aufstellt. Er stirbt 2010 im Alter von 97 Jahren.

Das kuriose Dach

Zum Allwetterbad wird das Freibad erst 1977 nach einer großen Sanierung, in deren Zuge das Gelände an die Stadt übergeht, weil der Verein einmal mehr kein Geld hat. Es entsteht ein kurioses Dach, wie es in der Bundesrepublik noch keines gibt: 18 Seiltraktoren spannen es in zehn Minuten über dem Becken, so dass auch bei Schnee und Eis geschwommen werden kann. "Eine geniale Idee", meint Roland Kettler, heute Chef der städtischen Bädergesellschaft. Allerdings hat sie Nachteile: Um das Dach zu bewegen, braucht es mehrere eingewiesene Mitarbeiter. Und das Heizen im zugigen Zelt kostet Unmengen Energie. "Heute würde man das nicht mehr genehmigt bekommen", meint Kettler. Nach einer Sanierung 1992 funktioniert das Spannen nicht mehr, heute ist das Dach immer geschlossen.

Das Allwetterbad ist auch das Stadtteilbad: Die meisten Anwohner in Gerresheim und Flingern verbinden mit ihm — damals wie heute — vor allem viele unbeschwerte Sommertage. 50 000 Besucher werden im Freibad in jedem Jahr gezählt — auch in dieser Saison, obwohl das Bad nur noch bei Sonne öffnet. Unter dem Zelt trainieren weiter Vereine — neben den "Freien Schwimmern" vor allem der Düsseldorfer SC — und Schulklassen.

Tausend Unterschriften für den Erhalt

Dass das Dach abgerissen wird, ist klar. Wie es dann weitergeht, noch nicht. Martina Steiner hofft, dass es doch noch einen Weg gibt, das Bad zu sanieren. Sie und ihre Mitstreiter haben über 1000 Unterschriften gesammelt, vor der Ratssitzung am Donnerstag wollen sie sie an die Stadt übergeben. Steiner träumt davon, dass die Bürger sich noch einmal für ihr Bad einsetzen, wie es früher schon geklappt hat. "Es wäre schon toll, wenn viele Menschen bei der Sanierung anpacken und sie so bezahlbar machen."

(jco)
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