Kolumne "Dieses Jahr in Düsseldorf": Ein Plädoyer für die Schwaben

Kolumne "Dieses Jahr in Düsseldorf": Ein Plädoyer für die Schwaben

Die Süddeutschen haben Düsseldorf 2013 stark geprägt: als Hauptmieter im neuen Kö-Bogen, als Kandidat der SPD für die Oberbürgermeister-Wahl und als Organisator eines höchst umstrittenen Weihnachtsmarktes.

Berlin hatte sein Urteil über die Schwaben schnell gefällt. Als pedantisch, anpassungsunfähig und mietpreis-treibend gelten die Zugezogenen aus dem Südwesten der Republik dort. Die Landes- ist im Gegensatz zur Bundeshauptstadt zurückhaltender und wartet mit ihrem Urteil noch. Die Eindrücke aus dem schwabenreichen Jahr 2013 waren zu unterschiedlich: Das Unternehmen Breuninger hat im Kö-Bogen ein großes Modekaufhaus eröffnet (so weit, so gut), der aus Schwaben stammende Thomas Geisel tritt bei der OB-Wahl im nächsten Jahr für die SPD an (Ausgang und Bewertung offen), die Stuttgarter Agentur Liganova hat dem Weihnachtsmarkt auf dem Schadowplatz ein sehr anderes Erscheinungsbild verpasst (ärgerlich).

Der rheinische Autor dieser Zeilen hat sein Herz vor vielen Jahren einer Schwäbin und ihrer Heimat geschenkt. Auch wenn diese juristische Form der Eigentumsübertragung für die erwähnte Landsmannschaft höchst irritierend ist, möchte er deshalb an dieser Stelle für das Schwäbische werben. Mindestens um Verständnis.

Was schon einmal sehr für die Schwaben spricht, ist, dass sie uns Rheinländer sehr mögen. Naturgemäß ist diese Sympathie beim Schwaben eher nach innen gerichtet, aber deshalb nicht minder fundiert. Er bewundert die rheinische Küche, schließlich werden Gewürze, Butter und Soßen hier tatsächlich genutzt, um zu würzen, zu fetten und reichlich zu tunken. In diesem Zusammenhang lässt sich auch der sagrotan-hafte Charme des so genannten Schwabenmarkts erklären. Bäume, Zweige, Kugeln sind wie Gewürze, Butter, Soße. Es geht doch um das, was in den Buden angeboten wird, nicht darum, wie deren Dächer oder Vorplätze aussehen. Zumindest, wenn dort ordentlich gefegt ist, denn auch wenn die Kehrwoche in Schwaben inzwischen nicht mehr gesetzlich festgeschrieben ist, so ist jedem, der dort seine Treppenhaus- und Gehwegreinigungspflicht nicht erfüllt, mit über Sicherheit hinausgehender Wahrscheinlichkeit die soziale Ächtung im Umkreis von mindestens 500 Metern garantiert.

Aber zu den wahren Vorzügen der Schwaben: Der Rheinländer geht arbeiten, was zugegeben nach "gelegentlich" und "wenn man's einrichten kann" klingt. Der Schwabe schafft — was dann zu Ergebnissen wie dem erwähnten Kaufhaus oder den in Düsseldorf in höchster Dichte vertretenen Fahrzeug-Fabrikaten führt.

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Am Genossen Geisel lassen sich die Vorzüge ähnlich gut erkennen. "Sag's Geisel" heißen Slogan und Programm, mit denen der OB-Kandidat in den Stadtteilen die Probleme der Düsseldorfer ermitteln will. "Sag's Geisel" bedeutet, dass ein anderer redet und der Mann zuhört. Und das ist das Netteste, was Schwaben tun können. Sie reden nämlich durchaus gern und viel, allerdings im Gegensatz zu allen anderen Landsmannschaften zwischen Plattdeutschland und Oberbayern so, dass niemand auch nur die Übersetzung einzelner Worte erahnt. Geisel ist zudem Vater von fünf Kindern, die er hier zur Schule schickt. Viel großzügiger geht es für einen Mann aus dem Bildungs-Musterland wirklich nicht. Schließlich ist von dort nicht selten die ernst gemeinte (!) Frage zu hören, ob der höchste Schulabschluss in NRW auch Abitur heiße.

Noch eine Sache können die Rheinländer von den Schwaben lernen: Wer mit Schwaben vereinbart, sich zu Weihnachten nur etwas Kleines zu schenken, der bekommt auch wirklich nur etwas Kleines.

Christian Herrendorf

(RP)