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Düsseldorf: Ein geschützter Raum für Suchtkranke

Düsseldorf : Ein geschützter Raum für Suchtkranke

Im Bahnhofsviertel hat vor wenigen Tagen eine neue Drogenambulanz eröffnet. Hier wird schwer suchtkranken Patienten unter medizinischer Betreuung pharmazeutisch hergestelltes Heroin ausgegeben.

Karl Grund ist 62 Jahre alt und schwerstkrank. Der Düsseldorfer ist seit 40 Jahren heroinabhängig. Seit einigen Tagen bekommt er das Opioid auf legalem Weg, von der Krankenkasse verschrieben und bezahlt, in einer Praxis im Düsseldorfer Bahnhofsviertel. Hier hat die erste Ausgabe für Diamorphin - so der medizinische Begriff für Heroin - der Landeshauptstadt eröffnet. Darin bekommen die suchtkranken Patienten chemisch reines Heroin ausgegeben, das sie sich dann unter medizinischer Betreuung injizieren. Dahinter stehen die beiden Allgemeinmediziner Christian Plattner und Claus Lamprecht sowie der Neurologe Thorsten Kelter.

Den drei Ärzten ist bei ihrem vollständig eigenfinanzierten Projekt zweierlei wichtig: "Die Patienten bekommen den Wirkstoff pharmazeutisch hergestellt, was die Nebenwirkungen reduziert, und werden medizinisch betreut", sagt Christian Plattner. Ebenso wichtig sei der geschützte Raum: "Heroinabhängige Suchtkranke werden von der Gesellschaft oft stark stigmatisiert, ihre Krankheit wird nicht als solche gesehen", so Kelter, "hier werden sie als schwerstkranke Patienten wahrgenommen und wertgeschätzt".

Die Praxisräume haben die drei Mediziner und ihr 15-köpfiges Team deshalb angenehm ausgestaltet, sie sind hell und dezent dekoriert. Es gibt einen Wartebereich, ein Ausgabezimmer und einen Raum, zu dem nur das Praxisteam Zugang hat. Hier werden die Diamorphindosen in einem Hochsicherheitstresor gelagert. "Die Anforderungen an diese Spezialpraxis sind hoch", sagt Claus Lamprecht, "vielleicht gab es deshalb in Düsseldorf bisher keine".

Seit 2010 habe das städtische Gesundheitsamt versucht, nach dem Vorbild anderer Städte wie Köln, Berlin oder München, eine Diamorphinausgabe einzurichten. Auch die lokale Drogenhilfe beteiligte sich an dem Plan, wie Geschäftsführer Joachim Alxnat berichtet. Geklappt hat es aber nie: "zu hohe Investitionskosten", erklärt Alxnat und Plattner ergänzt: "Es hat auch der politische Wille gefehlt." Ende 2015 habe dann endgültig festgestanden, dass die städtische Ambulanz nicht realisiert werden könne. "Grundsätzlich kann diese medizinische Leistung jeder als Suchtmediziner ausgebildete Arzt ausgeben", so Plattner, "deshalb haben wir es selbst in die Hand genommen".

Die neue Praxis stellt dabei nur den Anfang dar. Langfristig wollen die Mediziner ihren Patienten auch die Möglichkeit bieten, sich in einem Café auszutauschen. Zudem soll die psychosoziale Betreuung der Drogenhilfe ebenfalls hier stattfinden. Hausärztliche und neurologische Untersuchungen können die Patienten schon jetzt wahrnehmen: "Wir wollen die Behandlung bündeln und bestmöglich helfen", erklärt Thorsten Kelter.

Diesen Einsatz der Ärzte schätzt auch Karl Grund: "Sie haben Ahnung und nehmen sich Zeit." Er kommt jeden Tag drei Mal hierher. Die Ausgabe erfolgt milligrammgenau und nach eingehender Voruntersuchung individuell dosiert. Die Patienten müssen mindestens 23 Jahre alt sein, seit fünf Jahren abhängig und mehrere Therapien erfolglos durchlaufen haben. Auf maximal 150 Patienten ist die Praxis ausgelegt, schon jetzt gibt es eine Warteliste - wenig verwunderlich, sind doch nach Angaben der Drogenhilfe etwa 3000 Menschen in Düsseldorf heroinabhängig, knapp die Hälfte davon substituiert. Studien zufolge hat Diamorphin gegenüber dem Ersatzstoff Methadon viele Vorteile: Der Beikonsum sinkt, die Patienten sind gesünder und leben länger. Weitere Ausgaben wären den Ärzten und der Drogenhilfe zufolge deshalb wünschenswert. Auch Karl Grund ist überzeugt: "Diamorphin kann Leben retten."

(RP)