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Vor Ende der Wehrpflicht: Düsseldorfs letzte Rekruten

Vor Ende der Wehrpflicht : Düsseldorfs letzte Rekruten

Das Ende der Wehrpflicht ist eingeläutet. Am 3. Januar wurden die letzten Wehrpflichtigen zum Dienst eingezogen. Zwei Düsseldorfer lernen in einer Kaserne in Wesel, wie man grüßt, schießt und sein Bett baut.

Um 4.15 Uhr in der Früh ertönt der Wecker. Sechs junge Männer springen aus ihren Betten — 45 Minuten vor dem offiziellen Wecken. Duschen, Rasieren, Zimmer reinigen, Spind aufräumen, Uniform richten, alles im Laufschritt. Wenn der Unteroffizier um 5 Uhr zum offiziellen Wecken in den Raum tritt, ist alles blitzblank. Bundeswehralltag. Und doch hat die Szene etwas Besonderes: Die jungen Männer sind die letzten Deutschen, die von der Bundeswehr zum Wehrdienst einberufen wurden. Unter ihnen zwei Düsseldorfer.

Mike Pattberg (18) ging bis zu seiner Einberufung aufs Gymnasium in Gerresheim. Der junge Soldat mit einer Länge von mehr als 1,90 wirkt noch etwas fremd in seiner tarnfarbenen Uniform. Warum Bundeswehr, warum nicht Zivildienst, ein ruhiger Job in einer caritativen Einrichtung? "Ich konnte mir nicht vorstellen, ein halbes Jahr lang im Büro zu sitzen. Hier werde ich hoffentlich was erleben — etwas komplett Neues", meint der junge Rekrut. Doch für ihn ist die Bundeswehr ein kurzer Lebensabschnitt. Nach den sechs Monaten will er zurück ins zivile Leben.

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Seit 1957 gibt es die Wehrpflicht

Felix Engelmann (20) hat vor der Einberufung Berufserfahrung gesammelt, machte eine Lehre zum Chemiekanten bei Henkel, danach ging es zu 3M in Hilden. Das war ihm nicht aufregend genug. Für ihn soll die Bundeswehr keine Zwischenstation sein: "Ich möchte mich anschließend als Zeitsoldat verpflichten." Engelmann will Feldjäger werden, so heißen die Polizisten bei der Bundeswehr. Für die zweimonatige Grundausbildung ist nun die Schill-Kaserne im niederrheinischen Wesel ihr Zuhause.

Seit 1957 werden in Deutschland Männer im wehrfähigen Alter zu den Waffen gerufen. Generationen von jungen Rekruten haben Karriere beim Bund gemacht, ihre Zeit abgesessen oder einfach nur über den "Kommiss" geschimpft. Zwischenzeitlich standen fast 230 000 junge Wehrpflichtige gleichzeitig unter Waffen. Generationen von Vätern erzählen bis heute ihren Söhnen Geschichten von Nato-Alarmen, Manövern, Gewehrreinigen und endlosen Wachdiensten. Doch die Wehrpflicht wurde immer umstrittener.

Der kommunistische Ostblock, lange Feindbild und Existenzgrundlage einer großen Bundeswehr, ist heute Geschichte. Die Dienstzeit wurde immer weiter verkürzt, von zwischenzeitlich 18 Monaten auf heute nur noch sechs. Die Sinnfrage nach der Wehrpflicht für alle wurde immer größer, die Wehr-ungerechtigkeit auch. Oft musste nur ein Bruchteil der Männer eines Jahrgangs in die Kasernen. Die Wehrpflicht war nicht weiter tragbar. Ende des Jahres wurde das Aus für die Wehrpflicht beschlossen. Sie wird bis auf weiteres ausgesetzt. Die letzten 12 500 Rekruten wurden am 3. Januar einberufen.

Die ersten Tage beim Bund waren für die Düsseldorfer Rekruten ungewohnt. Der Ablauf des Tages wird von anderen bestimmt. Der militärische Vorgesetzte legt den Tagesablauf fest. Um 5.20 Uhr treten die jungen Männer auf dem Flur an, kurz später auf dem Innenhof, dann wird geschlossen zum Frühstück marschiert. Noch ist der Tag von Theorie geprägt und davon, militärischen Alltag zu erlernen. Erste Aufgabe: Spind einräumen.

Mehr als hundert Teile müssen in den winzigen Schrank — vom Koppelschloss mit Bundesadler bis zum Stahlhelm. "Das war sehr ungewohnt für mich, jedes Teil hat einen festgelegten Platz", sagt Pattberg. Die Hemden werden auf DIN A4 gefaltet. Das Einräumen dauert über eine Stunde — stimmt was nicht, muss von vorne begonnen werden. Eine andere Schwierigkeit: Bettenbau. Ein Bett muss aussehen wie das andere, die Decke exakt gefaltet, keine Beulen, keine falschen Knicke — ein Job, den bei den meisten Jungsoldaten bislang die Mutter erledigt hat.

Bald kommen die ernsteren Aufgaben, Schießen lernen, Geländeübung, Hindernisbahn und immer wieder marschieren — stundenlang. "Vor der Ausbildung an der Waffe haben wir den meisten Respekt", sagt Engelmann.

Wer zum Stichtag, 3. Januar, nicht auf der Liste des Kreiswehrersatzamtes stand, hat Glück gehabt. Er wird wohl nie zum Bund müssen. Diese Linie entzweit Freundeskreise und Abschlussjahrgänge. "Meine beiden besten Freunde müssen nicht mehr hin, ich schon. Die können sich freuen. Neidisch bin ich aber nicht", sagt Schütze Pattberg. "Bislang ist es nicht so schlimm, wie ich es mir aus Filmen und Erzählungen vorgestellt habe."

Nach Hause durften die Rekruten bislang noch nicht. Die erste Heimfahrt steht am Wochenende an — wenn alles glatt läuft. "Wer Mist baut, bleibt hier, da muss man sich benehmen", das hat Schütze Engelmann schnell verstanden. Freizeit ist bislang Mangelware. Raus aus der Kaserne waren sie bislang noch nicht. Nach Dienstschluss geht es kurz ins Mannschaftsheim. Für Saufgelage ist dabei keine Zeit. "Um zehn Uhr ist Zapfenstreich — da liegen alle im Bett, und der Gruppenführer kontrolliert das", erzählt Pattberg. Sechs Mann schlafen in einem Raum — Privatsphäre: Fehlanzeige.

Die ersten Tage beim Bund haben ihre Spuren hinterlassen. Locker rumstehen gibt es nicht mehr. Die Jungs verfallen stets ins "Rührt Euch", die Füße schulterbreit auseinander, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, der Blick ist "frei geradeaus". 169 Tage haben die jungen Soldaten noch vor sich, oder wie man im Bundeswehrjargon optimistisch sagt, 168 Tage und der Rest von heute. Dann endet die Dienstzeit von Engelmann, Pattberg und ihren Kameraden und damit auch die Epoche der Wehrpflicht bei der Bundeswehr.

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(RP)