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Düsseldorfer Mutter kritisiert die Nachteile des Home-Schoolings

Home-Schooling in Düsseldorf : Fürs Leben lernen

Beim Home-Schooling kann man sicher etwas lernen. Aber die Dinge, auf die es ankommt, bleiben auf der Strecke. Über die Erfahrungen mit einem 15-Jährigen, der in den vergangenen Monaten zuhause lernen musste.

„Guten Morgen!“ sage ich zum großen Kind, „aufstehen!“ „Grrrrr“ tönt es aus der Dunkelheit des Teenie-Zimmers. Ich ignoriere das und liefere mein kleines Kind beim Kindergarten ab. Als ich wieder komme, schläft das große Kind immer noch. „Hey!“ rufe ich, „Die Sonne scheint, steh auf!“ „Warum?!“ „Du hast Home-Schooling. Los, fang an!“ Diesmal kommt ein Knurren aus der Teeniehöhle. Wie von einem Bären. „Uaaaahhh“.

Ich habe einen Skype­-Termin und lasse den Bären allein. Natürlich pennt er immer noch, als ich mit Skypen fertig bin. „Bitte steh jetzt auf.“ „Das ist sinnlos“ brummt der Bär, in den sich mein Sohn verwandelt hat. Ein nihilistischer Bär. „Warum sinnlos?“ „Weil ich da nichts lerne“, brummt der Bär. „Also nichts Wichtiges.“ Ich muss dringend eine E-Mail beantworten und verschwinde wieder.

Es dauert, bis ich damit fertig bin. Inzwischen ist schon später Vormittag. Überraschenderweise ist der Bär aus dem Teeniezimmer inzwischen wach und angezogen. Sieht fast schon menschlich aus. Eine Frage hat er auch: „Wie war denn das bei dir, Mama? Als du fünfzehn warst?“ Ich denke nach. Ich bin mit fünfzehn gern zur Schule gegangen. Nicht, weil ich scharf auf Hausaufgaben und Matheklausuren war, aber ich war (natürlich) verliebt.

Es war aufregend, groß zu werden und die eigene Entwicklung mit den Fortschritten der Klassenkameraden abzugleichen. Es gab Lieblingsfächer, Problemfächer, Pausenspiele, ein bisschen Abschreiben beim Vokabeltest, gescheiterte Chemieexperimente, manchmal eine tolle Note, Klassenausflüge und Enttäuschungen, es gab Austausch, Freundschaft, Auseinandersetzung, und Wettbewerb. „Tja“ sagt mein Sohn und öffnet sein Home-Schooling-Programm auf dem Bildschirm. Farbige Flächen markieren die einzelnen Fächer, es wird angezeigt, in welchem Fach Aufgaben zu erledigen sind, sogar bis wann. „Wie soll ich mich denn ganz alleine dazu motivieren?“, seufzt mein Sohn, der mir jetzt gar nicht mehr bärig vorkommt, nur sehr jung, unerfahren und ziemlich deprimiert. „Ich weiß es nicht“, muss ich zugeben. Mein Sohn hat leider Recht. Er lernt da nicht das, was wir in der Schule lernen durften. Groß werden. Sich selbst entdecken. Und Erdkunde, Mathe, Deutsch und Chemie. „Es tut mir leid“, sage ich zu meinem Kind. „Ich hoffe, ihr könnt das irgendwann nachholen.“ Aber ich bezweifle es. Man ist nur einmal jung.

Autorin Mareile Blendl ist Schauspielerin und Mutter zweier Söhne. Sie lebt in Düsseldorf.