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Düsseldorfer Literaturpreis an Jackie Thomae: Die Ausgezeichnete

Düsseldorfer Literaturpreis an Jackie Thomae : Die Ausgezeichnete

 Jackie Thomae bekommt für ihren Roman „Brüder“ den mit 20.000 Euro dotierten Literaturpreis der Stadtsparkasse.

Wild waren die 1990er Jahre in Berlin. Die Partys waren lang, die Drogen billig, leerstehende Räume gab es zuhauf, und es wehte der utopische Wind von der Aufhebung der Rassen-, Klassen- und Geschlechterschranken durch die tagelangen Techno-Gelage. In diesem Milieu spielt ein Teil des Romans „Brüder“, für den Jackie Thomae nun mit dem Düsseldorfer Literaturpreis der Stadtsparkasse ausgezeichnet wird. Mit 20.000 Euro ist der Literaturpreis einer der am höchsten dotierten Deutschlands. In der Begründung der siebenköpfigen Jury heißt es, dass es Jackie Thomae wie wenigen deutschsprachigen Schriftstellern gelinge, „Unterhaltsamkeit mit Relevanz zu vereinen“.

Die Hauptfigur des ersten Teil des Buches, Mick, ist ein charismatischer Hallodri. Der Hedonist hält sich im gerade wiedervereinten Berlin mit Gastronomie-Jobs über Wasser, handelt mit Plattensammlungen und vergeigt Drogendeals. Der gut aussehende Sohn eines senegalesischen Gaststudenten und einer Deutschen lebt in den Tag, hat neben einer Freundin weitere Liebschaften, die er auf Partys aufgabelt, und verdrängt alles, was ihn vage an den Ernst des Lebens erinnern könnte. Doch die Fassade aus Partys und ewigem Spaß muss natürlich irgendwann zusammenbrechen. Das Finanzamt verlangt 500.000 Mark aus Einkünften eines illegalen Clubs von ihm. Nach einem Unfall beim Test einer gigantischen Lautsprecherbox findet sich Mick in der Charité wieder. Sein Gehör ist bleibend beschädigt. Und auch seine Freundin Delia, die sich mit den vielen Seitensprüngen arrangiert hatte, verlässt ihn, als sie erfährt, dass Mick aufgrund einer Vasektomie zeugungsunfähig ist. In Thailand will Mick schließlich ein neues Leben beginnen.

Ihm gegenüber ist sein Halbbruder Gabriel, dessen Leben der zweite Teil behandelt. Mit sieben Jahren stirbt Gabriels Mutter, der Kleine wächst bei seinem Großvater in Leipzig auf. Der strebsame Workaholic macht Anfang der 2000er Jahre als Architekt Karriere in London. Der Überperformer kompensiert seine Hautfarbe mit totaler Kontrolle und Arbeitseifer. Sein Architekturbüro baut Großprojekte in Russland und China. Mit seiner Frau Fleur, die von einer einflussreichen Familie adoptiert wurde, hat er einen Sohn. 2016 bricht dann aber für Gabriel die Welt zusammen. Ein Ausraster trifft eine Studentin, daraufhin wird er Zielscheibe eines Shitstorms. Vollkommen ausgebrannt und desillusioniert nimmt sich Gabriel eine Auszeit in einem von ihm entworfenen Haus in Brasilien.

Im letzten Kapitel von „Brüder“ kommt es dann zu einer Zusammenführung der Lebenslinien. Der Vater hat beide Kinder aufgespürt und sie nach Paris eingeladen. Der geläuterte Mick trifft in Begleitung seiner Ex-Freundin Delia im Transitbereich des Flughafens „Charles de Gaulle“ auf seinen Vater. Gabriel, der erst am Anfang seiner Selbstfindung steht, bleibt in Paris, schickt aber seinen Sohn Albert zu dem Treffen.

Mit „Brüder“ hat Jackie Thomae einen zu Recht hochgelobten Roman vorgelegt. Denn die 1972 geborene Thomae hat das Lebensgefühl ihrer Generation in einem höchst unterhaltsamen Buch zusammengefasst. Es ist eine Generation, die sich zwischen Karriere und Hedonismus entscheiden muss, aber auch die erste Gesamtdeutsche. So trennt der Kapitalismus und der Sozialismus die Lebenslinien von Mick und Gabriel. Mick wächst mit einem wohlhabenden Stiefvater in West-Berlin auf, Gabriel bei seinem Großvater. Dieser besitzt zwar ein Miethaus, das aber in der DDR mehr kostet, als es einbringt. So werden die Motivationen der Protagonisten sehr verständlich: Auf der einen Seite der sorglose und charismatische Hedonist, auf der anderen Seite der nach Geld strebende und sich nur auf sich selbst verlassende Workaholic.

Das bemerkenswerteste an Thomaes Roman ist aber die Rolle der Rasse. Denn zu keinem Zeitpunkt spielt die Hautfarbe der Brüder eine wichtige Rolle. Es ist dem Leser immer bewusst, wird aber nicht thematisiert, denn die Herkunft und Hautfarbe spielt im Leben der Beiden im multikulturellen London und im hippen Berlin keine Rolle. Und vor allem stellt sie kein Hindernis für das Vorankommen im Leben der Protagonisten dar, vielmehr sie ist das einzig einende Element der Brüder.

Das bestätigt auch Jackie Thomae. Die Tochter einer Deutschen und eines Arztes aus Ghana, der in der DDR Medizin studierte und erst vor einigen Jahren Kontakt zu seiner Tochter aufnahm, ist durch ihren Erfolgsroman wieder mit ihrer Hautfarbe konfrontiert.

Sie habe sich seit ihrer Kindheit nicht mehr so exotisch gefühlt, sagt Jackie Thomae inzwischen im Hinblick auf die Kritiken und die Nachfragen von Journalisten zu ihrer Herkunft.