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Düsseldorfer können mit Hilfe von Google ihre Kinder besser verstehen

Düsseldorfer Elternkolumne : „Auge machen“ ist ziemlich „cringe“

In einem Punkt haben es Eltern von heute leichter als die eigenen: Sie können googeln, wenn sie ihre Kinder nicht verstehen – zumindest die Sprache.

Mein Sohn sagt, ich bin „cringe“. „Aha“, sage ich. Und gebe „cringe, Jugendsprache“ bei Google ein. Es bedeutet „peinlich sein“. „Du bist auch manchmal ganz schön cringe“ gebe ich zurück, aber er sagt: Nein,  das sei er nicht, das gehe gar nicht, weil „das Wort meint nur Erwachsene wie dich. Die jugendlich rüberkommen wollen – es aber nicht sind. „In euren Augen“, ergänze ich, aber, wieder falsch. „Sie KÖNNEN nicht“, sagt er.  „Ihr seid halt Boomer.“

„Boomer“ kenne ich, das sagt mir was. Es bezeichnet eine Generation. Eigentlich eine ältere als meine, so dachte ich. Aber auch das ist falsch. „Boomer sind alle, die über 25 sind. Circa. Und die Jugend nicht verstehen.“

Naja. Unverstanden sein ist ein Privileg der Jugend. Das muss so sein. Es ist ein Schutz. Damit wir ihnen nicht reinreden. Die Jugend will ihre Zukunft selbst gestalten. Find‘ ich gut.

Wir laufen durch den Supermarkt, als wir das Gespräch führen. Der kleine Sohn ist auch dabei.  „Du bist die Beste!“, ruft er, als ich seinen Lieblingsjoghurt in den Einkaufswagen lege. Tja, alles eine Frage des Alters und der Einstellung, denke ich. Dann zeigt er auf die leeren Regale. „Wo sind die Nudeln alle hin?“ – „Weggehamstert. Wegen dem Coronavirus“, sagt der große Sohn.

Den Virus kennt der Kleine, davon hat er schon gehört, wegen dem muss er jetzt dauernd Hände waschen. „Wa­rum brauchen die Menschen Nudeln, wenn sie krank werden?“, fragt er jetzt. „Sie fürchten sich.“ – „Wovor?“ „Vielleicht, dass sie nichts zu essen haben, wenn sie krank werden.“ – „Warum haben sie dann nichts?“ – „Vielleicht, weil sie dann nicht selbst zum Supermarkt gehen können.“ – „Oder weil die Lieferkette zusammenbricht.“ Der Große ist schon besser informiert. „Das nennt man self fulfilling prophecy“, sagt er und zeigt auf das leergekaufte Regal.

„Ist das auch Jugendsprache?“, frage ich. „Ne. Bei uns heißt das: Mach nicht Auge.“ – „Bitte was?“ „Ja, darin sind die Boomer gut“, analysiert der junge Mensch. „Mach nicht Auge heißt: Übertreib mal nicht.  Konzentrier‘ dich auf Fakten und das Wesentliche. Mach nicht Auge halt.“ Ich habe es gegoogelt. Es heißt so. Es tut gut, die Sprache der Jugend googeln zu können, um sie zu verstehen. Denn manchmal hat die Jugend sogar Recht. Ein bisschen. Ich wünsche allen Corona-Betroffenen gute Besserung!

Autorin Schauspielerin Mareile Blendl ist Mutter zweier Söhne und lebt in Düsseldorf. Foto:H.-J. Bauer