Düsseldorfer Professor forscht zur Darmgesundheit Warum wir Ballaststoffe nicht mehr optimal verwerten

Düsseldorf · Der Biologe Bill Martin forscht an der Heinrich-Heine-Universität zu Darmbakterien, die Ballaststoffe verwerten können – aber beim modernen Menschen immer weniger vorkommen. Welche Folgen das hat und was er dazu sagt.

  Bill Martin leitet das Institut für Molekulare Evolution an der HHU und zählt zu den renommiertesten Forschern auf seinem Gebiet.

Bill Martin leitet das Institut für Molekulare Evolution an der HHU und zählt zu den renommiertesten Forschern auf seinem Gebiet.

Foto: Anne Orthen (orth)

Als Ballast wird eine überflüssige Bürde bezeichnet, die man gern loswerden möchte. Oder wie Wikipedia erläutert: Ballast ist Material von hohem Gewicht, aber geringem Wert. So gesehen tragen Ballaststoffe in der Nahrung ihren Namen zu Unrecht, ist doch unbestritten, dass sie von großem Nutzen für die Verdauung und unverzichtbar für die Gesundheit sind.

Allerdings haben Wissenschaftler nun in einem internationalen Forschungsprojekt herausgefunden, dass der moderne Mensch mehr und mehr die Fähigkeit verliert, Ballaststoffe optimal nutzen zu können.

Diese Forschung beginnt mit einer Reise durch den Darm, führt auf einem Umweg in einen Kuhstall und dann direkt ins Institut für Molekulare Evolution der Uni Düsseldorf und zu dessen Leiter Professor Bill Martin. Der ist es gewohnt, die Dinge in größeren Entwicklungsschritten zu betrachten, sein Spezialgebiet: Wie kam vor über drei Milliarden Jahren das Leben auf die Welt?

Nun also die Ballaststoffe und ihr Wert für die Gesundheit. „Im Laufe der menschlichen Evolution waren Ballaststoffe immer ein Hauptbestandteil der menschlichen Ernährung, aber das gilt heute nicht mehr in diesem Maße“, erläutert Martin.

Doch was sind Ballaststoffe überhaupt? Sie bestehen aus Zellulose und stecken in allen Pflanzen, also in den Fasern der Wurzeln, Halme, Stängel und Blätter. In der Ernährung zählen zu den besten Ballaststoff-Lieferanten: Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Gemüse wie Fenchel, Kohl, Paprika, Möhren, Rote Bete und Beerenfrüchte. Laut Ernährungsexperten wirken sie wie ein Quellmaterial im Magen und sorgen für ein lang anhaltendes Sättigungsgefühl (gut gegen Heißhungerattacken).

Zudem stimulieren sie den Darm und haben eine reinigende Wirkung, sie putzen ihn geradezu wie ein Schwamm. Damit stärken sie die körpereigenen Abwehrkräfte, denn der Darm gilt als wichtigstes Immunorgan. „Ballaststoffe tragen wesentlich dazu bei, dass unsere Darmflora gesund und ausgeglichen bleibt“, so Bill Martin.

Diese Darmflora (Wissenschaftler sprechen vom Darmmikrobiom) besteht aus Billionen von Mikroben, meist Bakterien, die unsere Nahrung zerlegen und verwerten. Jeder Mensch hat ein individuelles Mikrobiom, ähnlich wie ein Fingerabdruck. Doch an den Ballaststoffen scheitern die Mikroben. „Zellulose ist schwer zu verdauen, weil sie unlöslich ist“, erklärt der Experte.

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Foto: Thinkstock

Man müsse sich das so vorstellen: Ballaststoffe im Darm sind wie ein Baumstamm in einem Swimmingpool. Sie werden nass, aber sie lösen sich nicht auf. Zwar stammt von Wissenschaftlern in Israel, mit denen der Düsseldorfer Evolutionsbiologe kooperiert, die Erkenntnis, dass es sehr wohl Bakterien (mit dem klingenden Namen Rumicococcus) gibt, die in der Lage sind, die Zellulose in Ballaststoffen zu knacken und in Nährstoff-Moleküle zu verwandeln. Aber kurze Zeit später verkündeten sie die Einsicht, dass diese speziellen und äußerst gesunden Bakterien aus der menschlichen Darmflora mehr und mehr verschwinden.

Die Gründe geben Rätsel auf. „Unsere Ernährungsgewohnheiten in den Industriegesellschaften sind weit von denen der Menschen in der Antike entfernt. Die haben sich nicht ihr Mittagessen im Drive-In geholt oder sich die Pizza nach Hause kommen lassen“, sagt Bill Martin.

Nicht nur Ernährung spielt eine Rolle

Diese Veränderungen wirken sich nach Erkenntnis der Wissenschaftler offenbar dahin gehend aus, dass Rumicococcus und seine nützlichen Kollegen aus der Darmflora verschwinden. Als Beleg für diese These mag auch eine Studie unter heutigen Naturvölkern gelten.

Bill Martin berichtet, dass bei der Untersuchung von Stuhlproben in Afrika, Südamerika oder Indonesien von Menschen, die alle traditionell (als Jäger und Sammler oder in bäuerlichen Strukturen) leben, diese Alleskönner unter den Darmmikroben durchaus noch gefunden wurden.

Und dabei spielt offenbar nicht nur die Ernährung eine Rolle. Diese Vermutung führt in den Kuhstall. Denn Bakterien, die Zellulose verdauen können, sind genau dort zu finden: in den Verdauungsorganen der Rinder, genauer im Pansen, in dem wie in einem Bioreaktor das gefressene Gras in Nährstoffe umgewandelt wird. Die israelischen Kollegen von Bill Martin schließen daraus, dass diese speziellen Bakterien im Laufe der Evolution den Wirt gewechselt haben und offenbar von Tier zu Mensch gewandert sind. Und somit wäre auch zu erklären, dass sie heute noch bei Naturvölkern vorkommen, die in enger Gemeinschaft mit ihren Nutztieren leben.

Lässt sich dieser evolutionäre Rückschritt in Industriegesellschaften noch beheben? Können wir Ballaststoffe wieder optimal verwerten, indem wir sie nicht nur als Füllmaterial und Darmreinigung gebrauchen, sondern auch ihre Nährstoffe nutzen können? Vermutlich lässt sich das Rad nicht rückwärts drehen, verloren gegangene Darmmikroben nicht reaktivieren. Aber eines hilft der Gesundheit nach Einschätzung von Bill Martin auf jeden Fall: „Essen Sie mehr Ballaststoffe, ihre Bedeutung für die Gesundheit ist nicht zu überschätzen.“

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