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Düsseldorfer Chefin der Technik auf der Opernbühne

Die Frau für die Technik : Die Chefin der Technik auf der Opernbühne

Tanja Loy ist in der zweiten Spielzeit für Licht und Kulisse bei Inszenierungen im Opernhaus verantwortlich.

Auf der Opernbühne herrscht um 16.30 Uhr geschäftiges Treiben. In drei Stunden beginnt die Vorstellung von „Schade, dass sie eine Hure war“. Bühnentechniker wuchten Kulissen an die richtige Stelle und ruckeln sie zurecht. Mittendrin eine zierliche blonde Frau, die das Gewusel wachsam verfolgt: Tanja Loy, Bühneninspektorin an der Deutschen Oper am Rhein. Bei diesem Werk von Anno Schreier, das im Februar in Düsseldorf uraufgeführt wurde, ist ihr Job noch anspruchsvoller, mit noch mehr Verantwortung belegt als sonst. Mit seiner eigenwilligen Struktur und Stilrichtungen von barock bis modern ist das Bühnenbild von Jo Schramm ein wesentliches Spiel-Element der Inszenierung. „Es gibt keine geschlossenen Räume“, erklärt Tanja Loy. „Alles wird kreuz und quer gestellt und permanent verrückt. Man sieht immer wieder die Rückseiten der Kulissen und sogar einige Elemente aus anderen Inszenierungen.“

Dieses ungewöhnliche künstlerische Konzept, das Regisseur David Hermann und Bühnenbildner Jo Schramm gemeinsam ersonnen haben, birgt eine Reihe von Schwierigkeiten. „Weil alles offen ist, darf keiner der Mitwirkenden versehentlich durch die Szenerie laufen. Damit das niemand vergisst, hängen überall Zettel“, beschreibt die Inspektorin. „Während die Sänger sonst seitlich in den Kulissen stehen und auf ihren Einsatz warten, müssen sie sich hier verstecken, damit die Zuschauer sie nicht sehen.“ Besonders aufwändig gestaltet sich bei dieser Oper auch das Ausleuchten. In der Regel reicht es, zwei Stunden vor Beginn der Aufführung damit anzufangen. „Hier nicht“, sagt die 33-Jährige. „Dafür gibt es zu viele Bilder mit unterschiedlichen Lichtstimmungen, die jeweils gesondert eingerichtet werden müssen.“

Und dann ist da noch die raffinierte Technik: Ein riesiger Fliegenpilz wird als Schauplatz einiger Szenen mehrmals an stabilen Seilen von der Decke gelassen und wieder hochgezogen. „Wir kontrollieren, ob er richtig hängt und testen die Versenkung anderer Elemente in den Bühnenboden“, sagt Tanja Loy. „An diese Stellen kommt man später nicht mehr dran. Ich halte Augen und Ohren offen und passe genau auf. Alles wird nacheinander geprüft und abgehakt. Sicherheit ist auf der Bühne das oberste Gebot.“ Tanja Loy muss den zeitlichen Ablauf im Griff haben und das Bild abnehmen, sobald es steht. „Dazu gehe ich immer auch in den Zuschauerraum und achte von dort aus auf jedes Detail. Gebe ich die Bühne nicht frei, darf auch keiner drauf.“

Jeder der vier Inspektoren der Rheinoper betreut eine bestimmte Premiere, muss aber mit allen Inszenierungen gleichermaßen vertraut sein. Außer bei „Schade, dass sie eine Hure war“ hat Tanja Loy in diesen Wochen Einsätze bei „La Cenerentola“ und „La Traviata“. Stets ist sie die Letzte, die geht – dann, wenn alle Lichter erloschen sind und der „Eiserne Vorhang“ fällt. Also hört und sieht sie jede Oper einige Male. War sie schon immer eine Freundin von klassischer Musik? Sie lacht. „Von wegen! Erst durch meinen Beruf kam ich damit in Verbindung, vorher kannte ich nur die Charts.“ Inzwischen sind ihr manche Stücke regelrecht ans Herz gewachsen. Sie genießt die Musik, mag aber am liebsten „leichtere Sachen wie Operetten“.

Loy kommt aus Straelen am Niederrhein. Als gelernte Raumausstatterin war sie in Issum sechs Jahre selbständig, als sie neue Herausforderungen wollte. Sie bewarb sich im Produktionszentrum der Oper, landete aber nicht hinter der Bühne, sondern darauf, zu ihrer eigenen Überraschung. Die Anregung, sich in Veranstaltungstechnik fortzubilden und die Meisterschule zu absolvieren, kam von ihren Vorgesetzten. Sie ergriff die Chance, war unter 37 Kollegen auf der Schule die einzige Frau – und ist nun in der zweiten Spielzeit Chefin von 44 Bühnentechnikern. Kompetenz-Gerangel? „Nein. Ich bestimme, aber der Ton macht die Musik“, umreißt sie ihren Führungsstil. „Wenn man Anweisungen nett erteilt und vernünftig mit den Leuten redet, dann spuren sie auch.“