Düsseldorf "Wir brauchen eine echte Heine-Professur"

Universität wurde vor 30 Jahren nach Heinrich Heine benannt: „Wir brauchen eine echte Heine-Professur“

Die Rektorin und der ehemalige Rektor sagen, dass der Kampf für den Namenspatron noch nicht zu Ende ist.

Am Donnerstag sind es genau 30 Jahre, dass nach erbitterten Auseinandersetzungen und schwerem Imageverlust für die Universität und die Stadt Heinrich Heine zum Namenspatron der Hochschule gewählt wurde. Für Gert Kaiser, den damaligen Rektor, und Anja Steinbeck, amtierende Rektorin, ist der Kampf für und um den berühmtesten Sohn der Stadt aber noch nicht beendet. Und viele Studierende haben inzwischen ihre eigene Vorstellung davon, wie die Heinrich-Heine-Universität an ihren Namen kam.

Ausländische Hochschulen schmücken sich gerne mit Namen von Persönlichkeiten, in Deutschland sind fast alle 430 Hochschulen einfach nur nach der Stadt benannt, in der sie verortet sind. Weil man lange, erbitterte Streitereien wie an der Uni Düsseldorf vermeiden will?

Steinbeck An vielen Hochschulen wird es sicher als Personenkult abgetan, und weil man auch die Sorge hat, dass eine Person, die im ersten Moment als geeignet erscheint, Jahre später es vielleicht nicht mehr ist und man die Entscheidung bereut. Denn man geht eine große Verpflichtung ein: Man bindet sich untrennbar an diese Person, wird daran gemessen.

Wie ist das mit Heine als Namenspatron?

Kaiser Heinrich Heine ist ein Autor, der einen dauernd unter Druck setzt. Man muss unentwegt moralischer sein als alle anderen, witziger, bessere Ideen haben als alle anderen. Goethe setzt einen nicht so unter Druck, deswegen hat es die Universität Frankfurt ganz leicht. Diesen Druck verspüren wir auch im Hinblick auf unsere Studierendenschaft, die sich jahrzehntelang hartnäckig für die Namensgebung eingesetzt hat: Sie soll auch wachsam sein, kritisch sein gegenüber Ungerechtigkeit und Obrigkeit, und sie soll die Kraft der Sprache wahrnehmen, die Heine ihnen anbietet.

Steinbeck Der gesamte Gedanke unserer Bürgeruniversität leitet sich aus den Lehren von Heinrich Heine her, der Name ist bei uns also Programm. Heine hat sich eingesetzt für Werte wie Freiheit, Gleichheit, Toleranz, Weltoffenheit, war überzeugter Europäer, glaubte, dass in einer Nation verschiedene Kulturen friedlich zusammenleben können. Und diese Grundgedanken sind perfekt für eine Universität. Wir möchten, dass unsere Studierenden und die Bürger in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden über Forschung, über Folgen von Forschung, über politische, gesellschaftliche und soziale Entwicklungen. Insofern kann man sich fast keinen besseren Namensträger vorstellen, der die Idee und Aufgabe einer Universität nach Außen transportiert.

Wie präsent ist Heine denn heute in der Studierendenschaft, auf dem Campus, in der Lehre und Forschung?

Steinbeck Er ist natürlich sichtbar durch die Heine-Skulpturen. Gerade erst war der wissenschaftliche Heine-Slam, wir haben Graduiertenakademien nach ihm benannt, eine Heinrich-Heine-Gastprofessur, so dass der Name natürlich sehr prominent in die ganze Düsseldorfer Öffentlichkeit getragen wird. Das einzige, was uns aber noch fehlt, ist eine echte Heine-Professur: dass ein Germanist sich nicht nur mit Heine in seinem eigenen Fach beschäftigt, sondern auch darüber hinaus. Und das dauerhaft. Doch die müsste uns das Land geben.

In der Stadt gibt es Initiativen, um mehr Frauen zu würdigen, in dem man zum Beispiel Straßen nach ihnen benennt. Fallen Ihnen weibliche Persönlichkeiten ein, die sogar als Namenspatronin der Uni prinzipiell geeignet wären?

Kaiser Ein Name, der allerdings schon besetzt ist, wäre Clara Schumann. Sie wäre nach meinem Dafürhalten der einzige Name, der in irgendeiner Weise ähnlich-rangig wie Heine ist. Aber die Bindung von Schumann zu Düsseldorf: Das waren nur drei Jahre, ihr Geburtsort war nicht Düsseldorf. Der Name ist richtigerweise zudem besetzt von der Musikschule. Vom europäischen, internationalen Klang wäre Schumann eine Gestalt gewesen, an die man hätte denken können und auch heute noch denken kann. Die Idee von Heine stammt einst aus der Studierendenschaft, und Heine ist inzwischen zu einem Markenkern der Universität geworden. Das nehme ich auch in den USA so wahr.

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Steinbeck Wir haben zum Beispiel unser Mentoringprogramm nach Selma Meyer benannt, sie war bei uns die erste außerordentliche Professorin in ganz Deutschland für Kinderheilkunde. Ich denke aber, dass sie für die gesamte Universität nicht bekannt genug ist.

Wie feiert man denn, dass man vor 30 Jahren einen neuen Namen erhalten hat?

Steinbeck Auf unserem Youtube-Channel wird es ab dem 20. Dezember ein Video geben mit Herrn Kaiser und mir und historischen Aufnahmen von damals. Wir verlosen in diesem Jahr besonders viele Preise für den Wettbewerb „Mein liebstes Heine-Zitat“. Schon bei der Erstsemester-Begrüßung im Herbst hatte ich mal nicht davon gesprochen, dass die Universität der größte Heiratsmarkt ist, sondern auf das Jubiläum hingewiesen, auf Eckdaten von Heine. „Wenn ihr hier studiert, müsst ihr das auch wissen“, habe ich gesagt. (lacht) Und viele Menschen glauben inzwischen, dass die Uni von Anfang an so geheißen hat oder Heine sogar selbst diese Universität gegründet hat.

Kaiser (lacht) Das ist nur gut!

Welche Bedeutung hat Heine für Sie persönlich?

Steinbeck Ich liebe viele seiner Zitate. „Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt“, zum Beispiel. Das steht auch auf vielen unserer Becher an der Uni. „Wenn wir es recht bedenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern“, ist ein weiteres. Darin bringt er ja auch die Gleichheit der Menschen zum Ausdruck. Und seine Biografie liegt an meinem Bett.

Kaiser Bei mir ist es ein wirkliches Liebesverhältnis. Allerdings erst ein durch Kampf erzeugtes Liebesverhältnis. Der Kampf um die Benennung hat mich zum Liebhaber des Autors gemacht. Gut, wenn ich heute Klassiker lese, lese ich lieber Kleist als Heine, weil er intellektuell manchmal etwas anspruchsvoller ist. Ich wüsste aber nicht, wie Heine je aus meinen Leben verschwinden sollte. Wegen dieser Liebe war ich in der Kollegenschaft vielleicht auch überzeugend, als es um die Benennung nach Heine ging.

Was haben Sie am 20. Dezember 1988 bei der Stimmauszählung gedacht und gefühlt?

Kaiser Es war eine unglaubliche Erleichterung, endlich die Blamage hinter uns zu haben. Wir haben uns damals mit diesem Namen in einer Weise beschenkt, dass wir es erst noch verdienen mussten. Dieses Geschenk, das wir uns gemacht haben, kann man nicht hoch genug ansetzen. Ich gebe aber gerne zu: Das Gefühl der Erleichterung nach der Serie von Blamagen war vorherrschend.

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