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Düsseldorf: Warum Ärzte einfach nicht in Rente gehen

Mediziner in Düsseldorf : Mit 65 in Rente? Nicht Professor Sandmann und seinen Kollegen

Sie bauen mit über 70 Jahren neue Abteilungen in Krankenhäusern auf, wechseln noch mal die Praxis oder nehmen jüngere Kollegen als Partner: Wie Ärzte im fortgeschrittenen Alter praktizieren.

Mittwoch stand er wieder um 8 Uhr im OP, wie fast jeden Morgen. Hat eine junge Frau aus Nairobi operiert, die an einer seltenen Erkrankung der Gefäße litt. Selbstverständlich ist das nicht, denn Wilhelm Sandmann, Professor und ehemaliger Chef des Gefäßzentrums am Uniklinikum, ist 75 Jahre alt. Andere in seinem Alter treffen sich auf dem Golfplatz, er baut am Evangelischen Krankenhaus in Mettmann eine Abteilung für Gefäßchirurgie auf. Wieder mal. Was treibt ihn an? „Dasselbe, was mich vor 50 Jahren Arzt werden ließ. Ich will Menschen gesund machen.“

Generell gilt: Sie dürfen, solange sie wollen. Früher verloren niedergelassene Ärzte mit 68 Jahren ihre Kassenzulassung, danach konnten sie allenfalls noch Privatpatienten behandeln. Diese Beschränkung wurde mittlerweile aufgehoben, auch als Mittel gegen den Ärztemangel. Und weil man begriffen hat, dass viel Wissen und Erfahrung verloren ging. Auch am Uniklinikum ist die Altersgrenze ausgedehnt worden, zum Glück für Dr. Mariana Santos, aber auch für ihre kleinen Patienten. Die gebürtige Argentinierin ist 68 Jahre alt und Chefin der Kinderchirurgie. Sie behandelt Neugeborene mit schweren Fehlbildungen, ist außerdem Spezialistin für Kinder-Urologie. „Nach Möglichkeit operieren wir minimal-invasiv.“ Heißt: Ihre Instrumente haben dann gerade mal einen Durchmesser von drei Millimetern.

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Sie zählt zu denen, deren Ruf über Ländergrenzen dringt, ihre jungen Patienten kommen aus ganz Europa und der arabischen Welt. 80 Operationen sind für die Chefärztin und ihr Team monatlicher Durchschnitt, das klingt nach anstrengenden Arbeitstagen. „Um 7 Uhr bin ich in der Klinik, ein Elf-Stunden-Tag ist keine Seltenheit.“ Und oft steht sie sechs bis acht Stunden im OP, eine enorme körperliche und mentale Anstrengung. Das schafft man nur mit robuster Gesundheit und einer lebenslangen Leidenschaft für den Beruf, „ich wollte schon immer Chirurgin werden.“

 Mariana Santos (68) wollte noch die Kinderchirurgie an der Uni etablieren.
Mariana Santos (68) wollte noch die Kinderchirurgie an der Uni etablieren. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Deshalb hat sich Mariana Santos auch vor ihrem 65. Geburtstag entschieden weiter zu arbeiten, auch um die noch junge Kinder-Chirurgie im Klinikum zu etablieren. Sie weiß allerdings, „dass man den richtigen Zeitpunkt erwischen muss um aufzuhören“, und glaubt, ihn für sich bestimmt zu haben. „Am 30. September, kurz vor meinem 69. Geburtstag, ist Schluss.“ Und dann? Langweilig wird es nicht werden, denn sich möchte künftig mehr Zeit mit der Familie genießen, mehr reisen und sich einen großen Wunsch erfüllen: „Ich will den Pilotenschein machen.“

Ortswechsel nach Flingern, ins Wartezimmer von Dr. Bernd Grafflage: Marmorboden, weiße Stühle, bodentiefe Fenster mit Blick ins Grüne. Auf dem Schild an der Haustür steht hinter seinem Namen „angestellter Arzt“, und wenn er von seinem jungen Kollegen Maximilian Braun spricht, dann sagt er „mein Chef“. Ihm, der sein Sohn sein könnte, hat der 71-Jährige vor vier Jahren seine Praxis übergeben – und damit auch die Verantwortung für all die organisatorischen Dinge, „ich kümmere mich nur noch um die Medizin, herrlich.“

Herrlich! – dieses Bekenntnis ist der Schlüssel: „Ich arbeite lieber, als irgendetwas anderes zu tun“, sagt der Mann mit dem dichten, weißen Schopf, der seit 41 Jahren praktiziert. Von einer starken Verbundenheit zu seinen Patienten berichtet er, von den Familien, die er als Hausarzt über vier Generationen begleitet. „Da muss ich nicht in den Computer gucken, um zu wissen, wer da vor mir sitzt.“ Stattdessen nimmt er sich Zeit, intensiv auf die Menschen einzugehen. „Fließbandmedizin“ – dieses Wort ist ihm ein Graus. Und seine Patienten wissen, was sie an ihm haben. Im Internet schreibt einer, der extra aus Neuss zu ihm kommt: „Dr. Grafflage ist ein lebendes Beispiel für einen Arzt mit Charakter, Prinzipien und Kompetenz.“ Was will man mehr?

 Mit 75 soll Schluss sein, hat sich Dr. Bernd Grafflage (71) vorgenommen.
Mit 75 soll Schluss sein, hat sich Dr. Bernd Grafflage (71) vorgenommen. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Um sein Wissen immer wieder aufzufrischen, nimmt Grafflage regelmäßig an Fortbildungen teil, dort erlebt er dann oft Dozenten, die halb so alt sind wie er. Und von denen er auf eine Nachfrage schon mal den Satz zu hören bekommt: „Dem älteren Kollegen erklären wir das gern noch mal.“ Wie reagiert er darauf? „Mit Gelassenheit.“ Ausgestattet mit dieser Tugend schaut er auch in die Zukunft. Wenn seine Gesundheit stabil bleibt, will er spätestens mit 75 Jahren aufhören, „dann ist endgültig Schluss“. Aber auch jetzt hat er sich angewöhnt, mal eine Pause einzulegen („ich schlafe oft mittags eine Viertelstunde“), und statt der früher üblichen 14-Stunden-Tage, verlässt er heute die Praxis meist kurz nach 15 Uhr – nach seinen regelmäßigen Hausbesuchen in fünf Altenheimen. Und was passiert mit seinem alten Ärzteschrank aus gelbem Metall, den seine Mutter ihm zur Praxiseröffnung 1977 geschenkt hat? „Der bleibt, der gehört hierher.“

Zu einem Wechsel in neue Räume hat sich Dr. Claus Birken vor zehn Jahren entschlossen, damals schon in einem Alter, in dem die meisten Ärzte allenfalls den Ruhestand praktizieren. Er ließ an der Grafenberger Landstraße ein Atelierhaus für seine Praxis bauen, durch einen Garten mit seinem Wohnhaus verbunden. Der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist ist eine rare Erscheinung, gehört er doch zu den fünf Prozent aller niedergelassenen Mediziner, die auch nach ihrem 70. Geburtstag noch arbeiten. Und nicht ans Aufhören denken. „Dieser Beruf ist ein Geschenk“, sagt er. Vor allem wegen seiner Patienten, viele Kinder sind darunter, aber auch viele alte Menschen.

 Denkt nicht ans Aufhören: Für Hals-Nasen-Ohren-Arzt Claus Birken (76) ist sein Beruf „ein Geschenk“.
Denkt nicht ans Aufhören: Für Hals-Nasen-Ohren-Arzt Claus Birken (76) ist sein Beruf „ein Geschenk“. Foto: Hans-Jürgen Bauer/Hans-Juergen Bauer (hjba)

Ein Arbeitstag von morgens, 7.30 Uhr, bis abends um sechs ist für ihn normal, ein Nachlassen seiner Kräfte spüre er nicht, „ich fühle mich topfit“, sagt der Mann mit seinen 76 Jahren. So mancher Patient mag sein Alter gar nicht glauben, und gerade die chronisch Kranken hoffen, dass er noch einige Jahre praktiziert. Das trifft sich gut mit seiner Planung: „Ich kann nicht loslassen.“ Dabei ist auch sein Privatleben facettenreich: Claus Birken ist Vater von sieben Kindern, sein jüngster Sohn ist erst 15 Jahre alt ist. Von seiner Sammelleidenschaft ist nicht nur sein Wohnhaus, sondern auch die Praxis geprägt, deren Wände vollen Kunst hängen. Und in der Garage warten zwei Oldtimer auf gelegentliche Ausfahrten, darunter ein 60 Jahre alter, top-restaurierter Steyer-Puch aus Österreich, „den habe ich schon als Student gefahren.“

Den geliebten Beruf nicht loslassen zu wollen – das gilt auch für Wilhelm Sandmann, der als Gefäßchirurg am Uniklinikum Medizingeschichte geschrieben hat. Nachdem er sich dort vor acht Jahren verabschiedet hat, ging er an kleinere Krankenhäuser, um Abteilungen in seinem Fach aufzubauen, erst in Kamp-Lintfort, später in Duisburg. Und seit 1. Oktober 2017 ist der heute 75-Jährige als Chefarzt im Evangelischen Krankenhaus Mettmann angestellt. Zunächst bis März 2019, mit der Option auf Verlängerung. Dass in seinem Vertrag darauf hingewiesen wurde, dass er mit dem Risiko einer kritischen Presse wegen seines Alters rechnen müsse, ärgert ihn. Dass jüngere Kollegen ihn mit dem Satz empfangen haben, er könne es ja wohl nicht lassen, ebenfalls. „Eine Weltreise auf dem Traumschiff zu machen, ist für mich nun mal keine Alternative.“

Rund 50 Prozent seiner Patienten kommen aus dem Ausland, vor allem aus Afrika und Amerika. Zumal er neben dem kompletten Spektrum der Gefäßchirurgie auch Menschen behandelt, die oft eine Odyssee durch viele Kliniken hinter sich haben, die an starken Schmerzen leiden, kaum noch essen können – „und dann bekommen sie auch noch zu hören, dass ihr Problem nur in ihrem Kopf sei und sie es mit einer Psychotherapie versuchen sollten.“ Sandmann redet sich in Rage, wenn er von diesen Verzweifelten berichtet, die an einem Kompressionssyndrom leiden, an einer krankhaften Verengung der Baucharterie. „Das wird mit konventionellen Untersuchungsmethoden meist nicht erkannt.“ Auch seine Patientin aus Nairobi konnte nicht mehr essen, weil ihre Verdauungsorgane nicht ausreichend durchblutet waren. „Sie war so stark abgemagert, dass sie zwangsernährt werden musste.“

Die Krankenkassen sahen eine solche Spezialabteilung an einem Krankenhaus mit knapp 250 Betten zunächst kritisch, Sandmann findet dagegen, dass Menschen mit schweren Gefäßerkrankungen möglichst nah an ihrem Wohnort operiert werden sollten. Der Chirurg möchte weiterarbeiten, solange er sich fit fühlt, dabei hätte er wohl auch ohne seinen Beruf kaum Langeweile: In seiner knappen Freizeit schaffen seine Hände Köpfe aus Muschelkalk, von denen einige in seinem Klinikbüro stehen. Außerdem hat er schon bei den Festspielen in Bad Hersfeld auf der Bühne gestanden - einmal in „Der zerbrochene Krug“. Aber das alles ist wie das Tennisspielen nur Hobby. Sein Fazit: „Wenn man als Arzt mit 65 Jahren aufhört zu arbeiten, nimmt man sich selbst viele Möglichkeiten. Und so manchem Patienten die Möglichkeit geheilt zu werden.“