Düsseldorf Urdenbach: Anwohner gegen Straßenumbenennungen

Diskussion in Düsseldorf : Anwohner gegen Straßenumbenennungen

Brigitte Zimmermann wohnt in der Petersstraße in Düsseldorf-Urdenbach. Es gibt eine Diskussion, ob die Straße wegen der kolonialen und teilweise rassistischen Vergangenheit ihres Namensgebers umbenannt werden soll. Es gibt weitere umstrittene Straßen.

Zuerst ist Brigitte Zimmermann skeptisch, als einfach so jemand an der Tür ihrer Doppelhaushälfte in der Petersstraße klingelt, und „mal was nachfragen“ will. Auf den Straßen vor den Vorgärten der freistehenden Häuser im Viertel trifft man sonst eher Anwohner, die bereits seit Generationen hier wohnen. Doch mit einem Wort fällt der Groschen: Straßenumbenennungen. Brigitte Zimmermanns Mund formt sich umgehend zu einem ironischen Lächeln – da könne sie so einiges von erzählen, sagt sie, und lädt auf ein Gespräch ins Haus ein.

Vor Jahren schon habe sie dieses Thema beschäftigt, als die Initiative „Keine Ehrung für Kolonialverbrecher – Neue Namen für Urdenbacher Straßen“ plötzlich forderte, neben ihrem auch drei weitere Straßennamen im Düsseldorfer Stadtteil Urdenbach umzubenennen. Laut der Initiative sollten die „Kolonialverbrecher“ – konkret handelt es sich um Carl Peters, Adolf Lüderitz, Theodor Leutwein und Adolph Woermann – heute aufgrund ihrer Verbrechen und rassistischen Haltungen nicht mehr auf deutschen Straßenschildern zu sehen sein.

2011 hatte die Initiative ihre Forderung an die Politik gestellt – bisher ohne Erfolg. Was nicht ist, könnte aber noch werden, denn eine Forschungskommission arbeitet im Auftrag der Stadt Düsseldorf daran, potenziell kritische Straßennamen in der Stadt historisch-wissenschaftlich zu prüfen.

Brigitte Zimmermann wohnt in dritter Generation in Urdenbach in der Petersstraße. Sie ist gegen eine Umbennung. Foto: Maren Könemann

„Immer wieder kommt es zu Zweifelsfällen, ob die Menschen, nach denen Straßen benannt wurden, eine nationalsozialistische, rassistische oder koloniale Vergangenheit haben, und ob sie auch in Zukunft geeignet erscheinen, als gesellschaftliches Vorbild zu gelten“, heißt es dazu aus der Stadtverwaltung. Die Forschungskomission wird allerdings nur Vorschläge machen können; welche Straßen letztendlich umbenannt werden, kann am Ende nur der Stadtrat entscheiden.

In Urdenbach reichten die Vorschläge für neue Namensgeber seinerzeit von Mahatma Ghandi bis Martin Luther King. Die Ideen der Initiative kann Brigitte Zimmermann nicht nachvollziehen: „Die Kolonialzeit liegt nun fünf Generationen hinter uns. Sollten wir nicht diese Vergangenheit ruhen lassen und auf die Gegenwart und die Zukunft schauen? Wir haben in Deutschland genug Probleme wie Armut oder Flüchtlinge, die wir viel eher angehen müssen.“ Manche Rentner könnten beispielsweise nicht einmal mehr ihre Miete bezahlen, obwohl sie ein Leben lang gearbeitet hätten, sagt Zimmermann.

Um den für sie unsinnigen Prozess der Straßennamenumbenennung ihres Viertels aufzuhalten, hat sich die 66-Jährige – die hier in dritter Generation wohnt – mit den historischen Gegebenheiten genauestens auseinandergesetzt. Auf neun Seiten hat sie niedergeschrieben, was es mit den Kolonialherren auf sich hat, und warum eine Umbenennung für sie nicht in Frage kommt. „In Namibia gibt es zum Beispiel eine Stadt Namens Lüderitz, eine Lüderitzbucht und sogar ein so genanntes Woermann-Haus, das dort als nationales Denkmal gilt. Das alles wurde ja auch nicht umbenannt“, sagt sie ungläubig.

All ihre Argumente habe sie auch bei einem runden Tisch vorgetragen, zu dem die Initiative 2011 lud. Eine Diskussion sollte es sein, nicht aber für Brigitte Zimmermann: „Sie wollten mir den Mund verbieten.“ Und darüber hat sie sich mehr denn je geärgert. „Diese Leute wohnen nicht einmal hier, und wollen plötzlich etwas ändern.“

Ein Anwohner der Leutweinstraße, der lieber anonym bleiben möchte, sieht das ähnlich. „Die Stadt Düsseldorf belastet sich momentan extrem mit solchen unnötigen Problemen. Seit Jahrzehnten heißen die Straßen hier so, wieso sollte man sie jetzt noch ändern?“, sagt er, sichtlich wütend über die aktuellen Entwicklungen, die er im Übrigen als „extrem politisiert“ bezeichnet. Und mit seinen Argumenten repräsentiert der 49-jährige leitende Angestellte die mehrheitliche Meinung der Anwohner im Viertel.

Manche sind gar völlig verwundert darüber, dass das Thema erneut diskutiert wird. „Das nützt ja niemandem etwas“, sagt eine Anwohnerin der Sodenstraße – benannt nach Freiherr Julius von Soden. Seit drei Jahren wohnt sie mit ihrer Tochter und deren Familie hier; über die Bedeutung der Straßennamen habe sie Bescheid gewusst, aber eine Änderung würde sie mehr als unsinnig finden. Außerdem würden dadurch unnötige Kosten für die Bürger entstehen. Personalausweis, Führerschein, Reisepass, Urkunden – alles müsse geändert werden. „Das zahle ich nicht“, sagt der Anwohner der Leutweinstraße dazu entschieden.

Doch so groß der Ärger auch scheint: zumindest um ihre Post müssten sich die Urdenbacher keine Sorgen machen. Für die Deutsche Post stellt eine Straßenumbenennung kaum Probleme dar: „Inzwischen sind die Maschinen, die die Post sortieren, so intelligent, dass sie die alten Straßennamen erkennen und richtig zuordnen“, sagt ein Postsprecher. Dafür würden die Maschinen mit wenig Aufwand umprogrammiert. Der alte Straßenname bleibe auf unbestimmte Zeit gespeichert – theoretisch erreichen Briefe mit dem alten Straßennamen also auch nach Jahren noch den richtigen Empfänger.

Nur bei Sendungen in ungewöhnlichen Größen, die per Hand sortiert werden müssen, könne es zu einer kurzen Verzögerung kommen. Deshalb empfiehlt die Post, die neue Adresse bei allen bekannten Kontakten zu melden – etwa beim Stromversorger oder bei Onlineshops. „Wir machen die Erfahrung, dass schon nach kurzer Zeit sehr viele Sendungen bereits an die neuen Adressen verschickt werden“, sagt der Postsprecher.

Brigitte Zimmermann bleibt aber bei ihrer Meinung. „Die Umbenennungen würden historisch gesehen nichts ändern und niemandem etwas nützen“, sagt sie, „ich weiß wirklich nicht, was die Befürworter davon hätten.“

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