Werbebotschaften seit 150 Jahren: Düsseldorf und seine 769 Litfaßsäulen

Werbebotschaften seit 150 Jahren : Düsseldorf und seine 769 Litfaßsäulen

Es gibt sie hier seit ihrer Erfindung vor 150 Jahren. Die aufgeklebten Botschaften sind immer auch Spiegel ihrer Zeit.

Ihr Umfang ist beachtlich. Man kann getrost sagen: Sie hat eine rundliche Figur. Die verpasst ihr eine enorme Standfestigkeit, dadurch hat die Litfaßsäule seit über 150 Jahren ihren Platz auf Düsseldorfs Straßen. Ihre Botschaften sind immer auch ein Spiegel ihrer Zeit.

Was hat sie in ihrer langen Vergangenheit nicht schon alles annonciert: Kriegsaufrufe und Wahlergebnisse, Konzerte und Impftermine, neue Waschmittel und alternde Stars. Informationen auf die Schnelle, Gedrucktes mit Verfallsdatum. Selbst in digitalen Zeiten stellt niemand ihre schwergewichtige Existenz in Frage. Kein Zweifel: Die Dicke erlebt bis heute eine phänomenale Erfolgsgeschichte.

Elizabeth Taylor schwebt über allen. Ganz oben und weit hin sichtbar wirbt ein Plakat mit ihr als Kleopatra für eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle. Aber wie das so ist mit den Nachrichten an Litfaßsäulen: Sie sind immer nur für eine kurze Zeit gültig — Kleopatra in Bonn ist seit ein paar Tagen Vergangenheit.

Bald muss die schöne Liz Platz machen für andere plakative Neuigkeiten: für das Musical "Vom Geist der Weihnacht" vielleicht, dem die engelsgleich lächelnde Stefanie Hertel im Capitol ihre Stimme gibt. Oder für die Aktion "Deutschland hilft", die den Blick der Vorübergehenden auf ein "starkes Bündnis bei Katastrophen" lenken will. Nebenan wirbt die Zeitschrift "Glamour" um neue Leser und die Bundesnetzagentur um Bürgermeinung — alles auf einem Rund.

An fast jeder Ecke in Düsseldorf macht sich eine Litfaßsäule breit: exakt 769 Mal in dieser Stadt. Einigen scheinen merkwürdige Gestalten aufs Dach gestiegen zu sein: ein Paar in zärtlicher Umarmung, ein Geschäftsmann mit Aktentasche, eine Braut, die mit verträumtem Blick ihr weißes Kleid schwingt. Der Schöpfer dieser Wesen ist der Düsseldorfer Künstler Christoph Pöggeler. Er hat neun "Säulenheilige" geschaffen — Alltagswesen mit besonderer Poesie. "Aber sie altern", meint Pöggeler. Staub und Abgase hätten ihnen im Laufe der Zeit zugesetzt, "sie könnten allmähliche eine Reinigung gebrauchen."

Pöggeler wollte damals "die Säule als Kommunikationsmittel für eine neue Kunstform nutzen" und Alltagsmenschen buchstäblich auf den Sockel heben. Einige seiner Wesen entstanden nach realen Vorbildern, so sieht der Fotograf auf der Litfaßsäule am Hauptbahnhof einem Freund der Familie Pöggeler verblüffend ähnlich.

Mittlerweile gibt's die "Säulenheiligen" auch fürs Wohnzimmer: Düsseldorfer Galerien bieten eine kleine Version (Auflage 330 Exemplare) zum Preis von 330 Euro, vom Künstler signiert. Und fasziniert vom kleinen Format, hat Pöggeler soeben auch eine Litfaßsäule im Lippenstiftformat geschaffen.

Die Ur-Litfaßsäule aber bleibt immer gleich. "Sie besteht aus Betonringen und wiegt bis zu drei Tonnen, ihr Umfang misst 3,36 Meter, bei einer Höhe von mindestens 3,60 Meter", weiß Frauke Bank zu berichten. Sie ist Sprecherin der Wall AG, dem Unternehmen, das auch andere Werbefläche in Düsseldorf betreibt. Ob die Plakatsäulen heute noch zeitgemäß sind, ist für sie keine Frage. "Als eine Art Kulturzeitung im öffentlichen Raum ist sie aus dem Stadtbild nicht wegzudenken."

Das mag auch daran liegen, dass Werbung an der Dicken als relativ preisgünstig gilt: 90 Cent werden für ein Plakat pro Tag fällig. Nach zehn Tagen wird eine neue Botschaft geklebt — und zwar wie eh und je mit Kleister und Bürste. Manche der Düsseldorfer Säulen sind beleuchtet, tragen eine Art Krone auf dem strammen Leib und drehen sich um die eigene Achse.

Und einige von ihnen dienen einem höheren Zweck: In einer Kooperation zwischen Kulturamt und der Wall AG wurden im Frühling 50 Kultursäulen vorgestellt, auf ihnen werben ausschließlich die Düsseldorfer Kulturinstitute für ihr Programm — aktuell gerade die Kunstsammlung für ihre Calder-Ausstellung oder das Theater an der Kö, das Grit Böttcher als "Omma Superstar" auf die Bühne.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, warum sich die Litfaßsäule trotz Rechtschreibreform immer noch mit "ß" schreibt. Das wiederum liegt an Herrn Litfaß, der 1816 in Berlin geboren wurde und sich zu einem weit blickenden Menschen entwickelte. Ernst Litfaß war Inhaber eines Verlages, druckte als Erster "in der deutschen Staatenwelt" großformatige Kunstplakate, die Werbebotschaften transportierten.

Da ihn zudem das damals übliche wilde Plakatieren ärgerte, entwickelte er mit einem Architekten die erste "Annonciersäule", die ab 1855 auf Berliner Straßen stand, wenig später auch in Düsseldorf. Ihr Schöpfer durfte auf ihnen exklusiv die Kriegsdepeschen von 1870/71 veröffentlichen.

Der Pionier der Plakatwerbung hat heute ein Ehrengrab in Berlin, das von der Wall AG gepflegt wird — deren Macher sich wohl als seine geschäftlichen Enkel sehen. Zum 150. Geburtstag der Dicken hat die Post 2005 eine Sondermarke gedruckt. Sie soll unter Sammlern heiß begehrt sein.

(RP)