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Düsseldorf: Superintendent Heinrich Fucks über Glaubensschwund und Homoehe

Am 16. Dezember wird der Repräsentant der Protestanten eingeführt : „Ich werde auch Homosexuelle trauen“

Der neue Superintendent der Evangelischen Kirche über schrumpfende Gemeinden und eine neue Sprache

Herr Fucks, vor der Wahl zum Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Düsseldorf waren Sie 15 Jahre Pfarrer in Gerresheim. Wie hat sich die Zahl der Gemeindeglieder in dieser Zeit entwickelt?

Fucks Als ich 2003 begann, waren es fast 12.000, heute sind es um die 8000.

Frustriert Sie das?

Fucks (schmunzelt) Ich glaube nicht, dass das so ist, weil ich schlecht gearbeitet habe.

Woran liegt es?

Fucks Da gibt es ein ganzes Bündel von Gründen. Im Zentrum steht die Frage, wie wir eine Sprache finden, die den modernen Menschen in seinem Alltag erreicht. Dazu zählt auch der souveräne Umgang mit den sozialen Medien. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Europa – anders als beispielsweise Afrika, Amerika und Teile von Asien – immer säkularer wird. Rechtfertigen müssen sich heute diejenigen, die an Gott glauben. Alte Bindungen lösen sich auf, der Individualismus nimmt weiter zu. Inzwischen gibt es eine Art Alltagsatheismus, der schon selbstverständlich geworden ist.

Braucht der moderne Mensch keine Erlösung mehr, weil er denkt, alles aus sich heraus lösen zu können?

Fucks Zumindest denkt das eine zunehmende Zahl. Als Christ sehe ich das anders. Das Leid, das Menschen anderen Menschen und der Schöpfung zufügen, ist doch unbeschreiblich. Denken Sie – jenseits von Krankheit und Krieg – unter anderem an den Klimawandel. Mich tröstet, dass Gott uns in Jesus Christus seine Treue zugesagt hat. Eine großartige Botschaft vor allem in Zeiten der Verzweiflung, der Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit, die jeder einmal durchlebt.

Freikirchen sind in Amerika sehr erfolgreich, weil sie die andere, modernere Sprache offenbar schon gefunden haben. Wann streifen Sie das Gospelgewand über und rocken die Johanneskirche?

Fucks (lacht) Ich feiere gerne, aber man muss schon authentisch bleiben und nicht über jedes Stöckchen springen, das modern ausschaut.

Aber wie wollen Sie die religiös noch einigermaßen musikalischen Düsseldorfer erreichen?

Fucks In dem ich und die anderen in den Gemeinden Engagierten offen auf die Menschen zugehen. Ganz wichtig ist es, sie dort abzuholen, wo sie leben: in ihrem Stadtteil und in ihrem Wohnquartier. In Gerresheim haben wir das – um nur ein Beispiel zu nennen – mit dem für alle offenen Gemeinde-Café ganz gut hingekriegt. Wichtig ist auch eine Spezialisierung. Wer gut mit Kindern kann, sollte dort eingesetzt werden. Und wer weiß, wie man Senioren mitreißt, sollte einen Schwerpunkt seiner Arbeit dort setzen. So wie es auch bei den Diensten des Kirchenkreises ist.

Zurzeit gibt es im Kirchenkreis Düsseldorf 84 Pfarrerinnen und Pfarrer. Wie viele werden es am Ende Ihrer Wahlperiode in acht Jahren sein?

Fucks Deutlich weniger. Von den mehr als 80 Kollegen sind nur 15 unter 50 Jahre alt. Und der Nachwuchs fehlt. Vor 20 Jahren gab es alleine hier in Gerresheim noch sechs Pfarrstellen, heute sind es vier. Und in drei Jahren werden es noch zwei oder zweieinhalb sein.

Noch in den 1980er Jahren waren die Fakultäten so voll, dass die Absolventen Angst hatten, arbeitslos zu werden.

Fucks Stimmt. Das erste Examen machten damals um die 100 Theologiestudierende bei der rheinischen Landeskirche pro Halbjahr, heute sind es weniger als zehn. Wir können auch sagen und das scheint mir klarer: Das erste Examen machten damals um die 200 Theologiestudierende pro Jahr, heute sind es weniger als 20.

Welche Kirchen werden in Düsseldorf aufgegeben?

Fucks Aktuell stehen die landeskirchliche Kapelle im geschlossenen evangelischen Medienzentrum, die Philippuskirche in Lörick und die Heilig-Geist-Kirche in Urdenbach auf der Agenda. Aber das ist noch nicht das Ende.

Die Wunden sind an einigen Standorten groß. Denken Sie an den Pfarrer, der nicht zuletzt aus Frust über die Schließung „seiner“ Kirche in Unterrath nach 22 Jahren in eine Nachbarstadt wechselte.

Fucks Es wäre befremdlich, wenn ein solcher Vorgang keine Wunden aufreißen würde. Aber wir kommen nicht umhin. Gestatten Sie mir, noch einmal vor die Haustüre zu schauen. Hier haben wir die Apostelkirche an der Benderstraße und die Gnadenkirche an der Dreherstraße geschlossen und die Kräfte an der Heyestraße gebündelt. Die Gemeinde profitiert davon.

Warum?

Fucks Weil das Kirchengebäude und die anderen Gebäude der Gemeinde besser und schöner ausgestattet werden können. Beim Erhalt aller drei Standorte hätten wir so gut wie nichts sanieren können.

Gibt es keine Risiken?

Fucks Natürlich können Fusionsprozesse komplett in die Hose gehen. Das ist beispielsweise in Hessen-Nassau passiert, wo die Zusammenlegung von Gemeinden im ländlichen Bereich ganz an der dörflichen Lebensart vorbeiging. Aber in einer urbanen Metropole ist das anders. Man kann immer noch mit dem Rad kommen oder fährt eine Haltestelle mit der Straßenbahn.

Warum braucht Düsseldorf einen hauptamtlichen Superintendenten?

Fucks Weil es in einer Landeshauptstadt mit mehr als 100.000 evangelischen Christen die ehrlichere Lösung ist. Im bisherigen Nebenamt mussten wir mit Vertretungslösungen arbeiten. Das war manchmal recht kompliziert.

Ziehen Sie in die City?

Fucks Nein. So wie es aussieht, kann ich in Gerresheim wohnen bleiben. Und das freut mich. Denn als gebürtiger Leverkusener habe ich hier im Viertel eine neue Heimat gefunden.

Hat man als Pastor noch ein Privatleben?

Fucks Man ist in jedem Fall eine öffentliche Person. Wer das scheut, sollte nicht in eine Gemeinde gehen.

Würden Sie ein homosexuelles Paar am Altar trauen?

Fucks Ja, würde ich.

Ganz einig ist sich die evangelische Kirche ja nicht.

Fucks Im Rheinland haben wir das so entschieden und ich stehe voll dahinter. Im Vergleich zu den Katholiken haben wir Protestanten es bei diesem Thema auch etwas leichter.

Warum?

Fucks Für uns ist die Ehe kein Sakrament, sondern eine Liebes- und Verantwortungsgemeinschaft, die göttlichen Segen verdient. Auch den Begriff einer gottgewollten Schöpfungsordnung, zu der die idealtypisch auf Nachwuchs ausgerichtete Mann-Frau-Beziehung zählt, kennen wir so nicht wie in der katholischen Kirche.

Kann bei Ihnen jeder zum Abendmahl gehen?

Fucks Jeder getaufte Christenmensch kann kommen. Da unterscheide ich nicht zwischen Katholiken, Protestanten und Orthodoxen.

Und ein Muslim oder ein Jude?

Fucks Das würde ich anders einschätzen. Die Taufe als Bekenntnis zu Christus ist für mich schon Voraussetzung.

Der Terminkalender platzt aus allen Nähten. Bleibt Zeit für Hobbys?

Fucks Ich fotografiere leidenschaftlich gerne. Und ich gehöre der englischen „Cloud Appreciation Society“ an, Mitgliedsnummer 45.813.

Einer Gesellschaft zur Wertschätzung von Wolken?

Fucks Genau. Ich habe das auf Facebook entdeckt und war begeistert. Wer sich die Fotos anschaut, wird meine Begeisterung verstehen.