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Düsseldorf: Stadt erinnert an die Deportationen im Herbst 1941

Vortragsreihe und Social Media-Projekt : Düsseldorf erinnert an die Deportationen im Herbst 1941

Vor 80 Jahren begann die Deportation der Düsseldorfer Juden. Fast 6000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen, nur wenige überlebten. An die Opfer, aber auch an Täter, Profiteure und Zuschauer erinnern Stadt, Mahn- und Gedenkstätte und der Erinnerungsort Alter Schlachthof mit einer Vortragsreihe.

Ein Rucksack, eine Hausapotheke, Lebensmittel für einige Tage, ein leichter Koffer – und „wenn möglich zwei Mäntel übereinander“: Mehr sollten die Düsseldorfer Jüdinnen und Juden nicht mitnehmen. Im Herbst 1941 begannen die Deportationen vom Güterbahnhof Derendorf aus, die Leitung der jüdischen Gemeinde war von der Gestapo über die anstehende „Umsiedlung“ – wie die Maßnahme euphemistisch genannt wurde – informiert worden. In einem Schreiben an die Mitglieder verschickte der Gemeindevorstand auch eine Packliste.

Im Juli 1941 hatten die Nationalsozialisten beschlossen, die Juden Europas auszulöschen, wenige Monate später begannen die ersten Deportationen in Ghettos in den besetzten osteuropäischen Gebieten. Insgesamt sieben Zugtransporte gingen von Düsseldorf zwischen 1941 und 1944 ab. Fast 6000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem gesamten Regierungsbezirk wurden deportiert. Nur etwa 300 bis 400 von ihnen – genauere Zahlen gibt es nicht – überlebten die Konzentrations- und Vernichtungslager.

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An die ersten drei Deportationen im Herbst vor 80 Jahren – an die Opfer, aber auch an Täter, Profiteure und Zuschauer – erinnern die Stadt, die Mahn- und Gedenkstätte, die Hochschule Düsseldorf und der Erinnerungsort Alter Schlachthof mit einer Vortragsreihe und einem Social Media-Projekt. Zudem wird am Mittwochvormittag ein Kranz am ehemaligen Schlachthof niedergelegt. „Der Holocaust begann als ein geplantes und von vielen Beteiligten organisiertes Verbrechen inmitten unserer Städte“, sagt Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte.

 Mit diesem Schreiben wandte sich die Leitung der jüdischen Gemeinde Düsseldorf am 4. Oktober 1941 an ihre Mitglieder – aufbereitet wurde es mit dem Stempel für die sozialen Medien.
Mit diesem Schreiben wandte sich die Leitung der jüdischen Gemeinde Düsseldorf am 4. Oktober 1941 an ihre Mitglieder – aufbereitet wurde es mit dem Stempel für die sozialen Medien. Foto: Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Vor 80 Jahren, am 27. Oktober 1941, verließ der erste Zug Düsseldorf in Richtung Lodz, von den Nationalsozialisten auch Litzmannstadt genannt, in Polen. 1008 Juden mussten ihre Heimat verlassen, nur 13 von ihnen überlebten. Ihr Schicksal steht im Zentrum des Vortrags von Hildegard Jakobs, stellvertretende Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte. Die Historikerin hat lange über diesen Transport geforscht, hat Fotografien, Briefe und Dokumente der Deportierten zusammengetragen. „Ich möchte die Opfer in den Blick nehmen“, sagt Jakobs. So geht es in ihrem Vortrag heute Abend um 18 Uhr nicht nur um den Transport, sondern auch und vor allem um die Lebenswirklichkeit der Menschen im Ghetto, ihr Leid, ihre Hoffnung.

Am 10. November widmet sich Bastian Fleermann dem zweiten Transport, der nach Minsk ging. Die weißrussische Stadt hatte die Wehrmacht seit dem Sommer besetzt, viele andere Ghettos waren schon überfüllt. In den Mittelpunkt seines Vortrags rückt Fleermann eine sogenannte Täterquelle: das ausführliche Verlaufsprotokoll eines an der Deportation beteiligten Düsseldorfer Schutzpolizisten. Dreieinhalb Tage waren die 992 Menschen unterwegs, auch ihre Geschichten – Fleermann kennt einen der nur fünf Überlebenden dieses Transports persönlich – werden in dem Vortrag eine wichtige Rolle spielen.

Mehr als 1000 Juden wurden am 11. Dezember 1941 von Düsseldorf nach Riga deportiert. In seinem Vortrag am 8. Dezember will der Leiter des Erinnerungsortes Alter Schlachthof, Joachim Schröder, die Überlebenden sprechen lassen. Hier, in der Viehhalle des Schlachthofs, wo heute eine Dauerausstellung an die Deportationen erinnert, mussten die Menschen die Nacht vor dem Transport ausharren. „Es war eine Verschleppung ins Ungewisse“, sagt Schröder, „und der vorläufige Abschluss eines langen Prozesses der Entrechtung.“ 98 Menschen aus diesem Transport überlebten den Holocaust, anhand ihrer Augenzeugenberichte wird das Leben und Überleben im Ghetto von Riga geschildert.

Die Vorträge finden jeweils um 18 Uhr in der Berger Kirche, Wallstraße 17, statt. Der Eintritt ist frei, die Plätze sind allerdings begrenzt. Der heutige Vortrag ist schon ausgebucht, für die beiden Vorträge im November und Dezember gibt es noch ein kleines Kontingent, die Anmeldung läuft über Telefon 0211 8996205 oder Mail: nicole.merten@duesseldorf.de. Es gilt die 2G-Regel (geimpft, genesen). Die Vorträge werden aufgezeichnet und im Nachhinein auf dem Youtube-Kanal der Mahn- und Gedenkstätte hochgeladen.