Düsseldorf: Sprayer Harald Naegeli malt im Gerichtssaal

Prozess wegen Sachbeschädigung : Sprayer Harald Naegeli malt im Gerichtssaal den Staatsanwalt

Während es im Prozess um eine Strafe von 600 Euro wegen drei illegal aufgesprühter Flamingos ging, ließ der Künstler seinen Zeichenstift über sein Skizzenheft huschen. Harald Naegeli muss jetzt für die Beseitigung seiner Flamingos zahlen.

Die Rolle als Angeklagter kennt Harald Naegeli (79) gut. Schließlich haben die unerlaubt aufgetragenen Werke des „Sprayers von Zürich“ schon diverse Verfahren nach sich gezogen – darunter der berühmte Prozess im Jahr 1981, der Naegeli zur Flucht aus Zürich und schließlich in seine neue Heimat Düsseldorf getrieben hat. Während es am Dienstag vor dem Düsseldorfer Landgericht im Prozess um eine Strafe von 600 Euro wegen drei illegal aufgesprühter Flamingos ging, ließ der Künstler seinen Zeichenstift über sein Skizzenheft huschen. Heraus kam ein Porträt des Staatsanwalts. Und wie nebenbei erreichte sein Anwalt, dass das aktuelle Verfahren wegen der Sachbeschädigung von Hausfassaden eingestellt wird. Unter der Auflage, dass Naegeli 500 Euro Buße ans Kinderhospiz zahlt – und 793 Euro für die Beseitigung seiner Graffiti übernimmt. – Jahrelang, nämlich seit Ende Oktober 2016, hatte sich die NRW-Akademie der Wissenschaft und Künste dagegen gewehrt, die Anzeige gegen den Street-Art-Pionier zurückzuziehen. Naegeli hatte laut Geständnis gleich zwei stilisierte Flamingos auf der Fassade hinterlassen. Ohne Sig­natur, doch unverwechselbar, wie es seinem künstlerischen Credo entspricht. „Kunst im öffentlichen Raum“, so sein Anwalt, werde an anderen Stellen „von der Stadt ja nicht nur geduldet, sondern sogar erwünscht“. Nur die Justiz verkenne diese bildnerische Kraft als „Sachbeschädigung“.

Das waren Ausführungen, die ganz im Sinne des Angeklagten  waren. Ende der 1970er Jahre hatte der Schweizer damit begonnen, seine Heimatstadt Zürich durch seine, so Naegeli, „marktfreien Kunstattacken“ zu verschönern. Dass die Malereien auf Fassaden eine Sachbeschädigung darstellen, findet Naegeli nicht. Seine Ansicht: Kunst ist nie ein Schaden, sondern immer eine Bereicherung. „Ich schenke meine Kunst der Gesellschaft“, sagte Naegeli vor vier Jahren in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

Nicht jeder hat sich in den vergangenen Jahrzehnten über diese Geschenke gefreut. 1979 war Naegeli zu einer gerade gesprayten Figur zurückgekehrt, weil er seine Brille verloren hatte, und wurde gefasst. Zwei Jahre später wurde er in der Schweiz wegen wiederholter Sachbeschädigung zu neun Monaten Haft verurteilt – und entzog sich zwischenzeitlich durch Flucht nach Düsseldorf. Die Verurteilung sorgte für Protest, dem sich unter anderem Joseph Beuys und Willy Brandt anschlossen. Nachdem Naegeli doch noch sechs Monate abgesessen hatte, ließ er sich in Düsseldorf nieder. Seitdem sind seine charakteristischen Figuren an Wänden in der Stadt zu finden – und sorgen immer mal wieder für Diskussionen. 2015 wurde Naegeli am Alten Hafen erwischt. Der Stadtrat wollte das dabei entstandene Werk sogar konservieren lassen, es wurde aber über Nacht von Unbekannten abgewaschen.

So zeichnete Naegeli den Staatsanwalt. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Auch die NRW-Akademie zeigte sich wenig dankbar über die ungefragt angebrachten Vögel. Ein Vertreter verteidigte die Anzeige vor Gericht damit, dass das Gebäude nahe dem Florapark in Friedrichstadt denkmalgeschützt sei. Man sehe schon deshalb jedes Graffito als Sachbeschädigung „und wir bringen jedes zur Anzeige“.  Darauf beharrte die Akademie jahrelang – und zog dann urplötzlich ihre Anzeige doch zurück. Der Künstler werde die Beseitigungskosten von 376,65 Euro übernehmen, versprach dessen Verteidiger. Und schon hatte die Akademie „kein weiteres Interesse an der Strafverfolgung“ des weltbekannten Künstlers mehr. Auch die Kosten für die Entfernung eines weiteren Flamingos von einem Privathaus an der Volmerswerther Straße (416,50 Euro) muss Naegeli laut Gerichtsbeschluss tragen. Im Gegenzug verzichtete die Richterin nach einem Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen auf weitere Ausführungen des Naegeli-Anwalts zum (erweiterten) Kunst-Begriff.

Ein echter Naegeli? Auch auf der stillgelegten Tankstelle an der Bachstraße ist ein Flamingo im typischen Stil des Künstlers zu finden. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Und der Künstler selbst? Der hätte im Prozess gerne noch eine Rede gehalten, die er auf Papier schon längst gezückt hatte. Nur war die Sitzung schon zu Ende – und er konnte auf den Gerichtsfluren vor laufenden Kameras gerade noch sein flüchtig skizziertes Abbild des Staatsanwalts vorweisen. Und ein kurzes Gedicht über Wolken und Menschen und den Sinn von Kunst vortragen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Prozess gegen Harald Naegeli wegen Flamingos in Düsseldorf

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