Antisemitismus-Projekt in Düsseldorf Schüler-AG Courage setzt sich gegen das Vergessen ein

Düsseldorf · Neun Schüler der Werner-von-Siemens-Realschule erarbeiten freiwillig Projekte, um auf Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und Diskriminierung aufmerksam zu machen.

 Schüler der Werner-von-Siemens-Realschule stehen am Gedenkpunkt an der Grafenberger Allee.

Schüler der Werner-von-Siemens-Realschule stehen am Gedenkpunkt an der Grafenberger Allee.

Foto: Anne Orthen (orth)/Anne Orthen (ort)

Der rassistisch motivierte Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn ist 20 Jahre her, die Verfolgung jüdischer Bürger während der Nazi-Zeit noch länger. Die Schüler-AG Courage der Werner-von-Siemens-Realschule setzt sich dafür ein, dass die Opfer nicht vergessen werden.

Auf ihrem Schulweg laufen sie an den Stolpersteinen vorbei oder steigen am Wehrhahn in die Bahn. Seit kurzem wissen die Schüler, welche Geschichten hinter diesen Orten stecken. Jeden Donnerstagnachmittag trifft sich die AG Courage. Neun Schüler erarbeiten Projekte, um auf Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und Diskriminierung aufmerksam zu machen. Unterstützt werden Manal, Sarah, Johannes, Krisha und ihre Mitschüler vom Zakk und dem Erinnerungsort Alter Schlachthof.

Die Klasse 10a hat an diesem Vormittag Mathe hinter sich gebracht und hätte nun Religion auf dem Stundenplan. Doch statt Klassenraum geht es mit der Courage-AG auf zwei Rundgänge. Eine Gruppe bricht auf, um mehr über die Hintergründe des Wehrhahn-Anschlags zu erfahren. Eine weitere lernt die Schicksale hinter den Stolpersteinen kennen. Ausgestattet mit Kopfhörern erfahren die Schüler von Sarah, Manal und den anderen was aus Dr. Hedwig Danielewicz geworden ist, die ihr Medizinstudium nur machen konnte, weil sie sich als Mann ausgab und später als eine der ersten Kinder- und Frauenärztinnen in Düsseldorf praktizierte. Sie wurde 1941 nach Minsk deportiert und kam dort kurz darauf um.

Die Gruppe macht auch Halt vor dem Gemeindehaus Grafenberger Allee 78. Dort hat man ab 1941 jüdische Bürger einquartiert, bevor sie in Ghettos und Sammellager nach Osteuropa verschleppt wurden. „Hier gibt es keine Stolpersteine“, sagt Manal, denn Stolpersteine markieren nur den letzten freiwilligen Wohnort. „Das hier war ein Ghetto in der Stadt.“ Kemal aus der 10a ist berührt. „Ich hätte nie gedacht, welche Geschichten hinter diesen Steinen stehen. Ich gehe so oft an ihnen vorbei. Jetzt werde ich sie anders wahrnehmen.“

Damit hat die AG ein wichtiges Ziel erreicht. „Zeitzeugen, die berichten könnten, gibt es bald nicht mehr“, bedauert Schulleiter Alexander Schrimpf und ergänzt: „Deshalb müssen wir andere Wege finden, den Jugendlichen die Vergangenheit näher zu bringen.“ Lehrerin Sibel Demirak weiß, dass die neun Schüler aktiv werden wollen. Auf ihrem Instagram-Kanal #gegendasvergessen und unter @wvs-duesseldorf posten sie, was sie machen. Gemeinsam haben sie einen Aufkleber gestaltet, der im Anschluss an die Rundgänge verteilt wird. Jeder bekommt auch ein Courage-Bändchen. „Wir haben festgestellt, dass alle die gerne tragen, als Zeichen, dass sie dazugehören“, sagt Sarah.