Düsseldorf: Schillernder Autohändler Helmut Becker gestorben

Nachruf auf Helmut Becker : Der Mann, der „Auto“ hieß, ist tot

Der Mann, der sich den zweiten Vornamen „Auto“ selbst gewählt hat, ist gestorben. Helmut Becker, Düsseldorfs einst schillerndster Gebrauchtwagenhändler, wurde 76 Jahre alt.

„Über die Toten nichts Schlechtes!“ – das ist eine Regel, an die sich jeder hält, der sein Gefühl von Respekt und Anstand verinnerlicht hat. Bei Helmut Becker dürfte das einigen nicht leicht fallen. Der Mann hat zu Lebzeiten schon polarisiert, war einigen verhasst. In den letzten Jahren seines Geschäftslebens wurde er jedoch mehr und mehr zur tragischen Figur, erntete Spott und Hohn, später auch Mitleid.

Dies vor allem, weil er ein Unternehmer war, der lange nicht einsehen wollte, seine Firma vor die Wand gefahren zu haben, und der sich während des quälend langen Niedergangs und nach dem Ende von „Auto Becker“ irgendwo im feinen Ambiente mit seiner neuesten Partnerin in Glamour-Magazinen präsentieren ließ. Dass diese Dame, Witwe eines unter dubiosen Umständen verblichenen Schönheitschirurgen, einen – sagen wir: ausbaufähigen – Ruf hatte und (teilweise) sehr viel jünger war als er, störte ihn nicht. Aber seine rund 100 ehemaligen Mitarbeiter, die in Düsseldorf vor dem Nichts standen, waren fassungslos angesichts dieser peinlichen Bilder. Sie mussten mitansehen, wie sich ihr Ex-Chef von der Blondine vorführen ließ und im Rahmen der Ermittlungen, in denen die Frau zeitweise in U-Haft saß, selbst kurz in Verdacht geriet, womöglich mehr vom Tod des Gatten seiner Freundin gewusst zu haben. Was sich aber nicht erhärtete.

Was dann folgte, war ein langsamer Abstieg. Offenbar mittellos, zumindest nicht annähernd so wohlhabend wie in seinen guten Zeiten, erkrankte er schließlich schwer und verbrachte die letzten Jahre in einem Pflegeheim. Gehört hat man nichts mehr von ihm, nur noch über vertraute Kanäle aus alten Zeiten drangen ab und zu Nachrichten durch. Sie waren durchweg schlecht.

Dabei hatte er viele Jahre in Glanz und Wohlstand agiert, war Liebling einer Düsseldorfer Schickimicki-Szene, deren Wohlwollen er sich erkaufte mit viel Champagner, teuren Autos und Kaviar auf skurrilen Partys, Empfängen und selbst erfundenen Events.

Vom Vater (damals 80) hatte er 1994 den Betrieb an der Merowingerstraße übernommen. Wilhelm Becker, der Senior, hatte die Firma nach dem Krieg sozusagen aus dem Nichts aufgebaut. Er schuf binnen weniger Jahre ein Imperium unter dem Zeichen der „Zweiten Hand“. Ein vom Senior erdachtes Logo, denn es waren gebrauchte Autos, mit denen er seine Millionen machte. Später kamen Neuwagen verschiedener Marken hinzu, das Geschäft florierte. Auto Becker wurde zum Synonym für den Handel mit Pkw, nicht nur in Düsseldorf.

Der Senior, stets ein machtbewusster Patriarch, verwöhnte seine Söhne, fuhr sie in den 1950er Jahren im damals spektakulären Cadillac-Cabrio zur Schule und beherrschte Auto Becker bis zu seinem Ausscheiden. Sohn Helmut, der den Vater sehr spät beerbte und mit 52 endlich allein am Lenkrad saß, versuchte sich mit den ganz Großen, wollte zeigen, es auch zu können – und zwar besser. Marken wie Rolls Royce, Jaguar und Ferrari kamen in die Schaufenster, Stars aus Politik, Wirtschaft und Film kauften bei Auto Becker ihre Luxus-Schlitten. Gemeinsame Fotos erschienen umgehend in der Fachpresse der Reichen und Schönen.

Dem nicht mehr ganz jungen Chef gefiel das sehr: Er schuf neue Events, zeigte auf der Kö, in Monte Carlo oder in Kampen (auf Sylt) seine Schätze bei teuren Straßen-Shows und sonnte sich im Licht der Promis in seinem Umfeld. Ein von ihm gegründeter Club Europe schrieb sich hehre Ziele in die Satzung, erreichte aber keine wirklich seriöse Glaubhaftigkeit. All das brachte ihm viel Beachtung, aber es kostete ihn auch viel Geld.

Jedenfalls geriet ihm offenbar der wahre Zustand seines Geschäftes aus dem Blick. Zwischen der Übernahme der Macht und der Pleite lagen gerade mal acht Jahre: 2002 wurden in den riesigen Verkaufshallen (knapp 18 000 qm) in Bilk die Zündschlüssel abgezogen. Becker jedoch glaubte, weitermachen zu können, sah er sich doch als visionären Unternehmer: Als die letzten beschlagnahmten Luxuskarossen aus den Verkaufsräumen rollten, sprach er schon wieder über neue Pläne, wollte in der Slowakei, mit oben erwähnter Dame, eine Art Freihandelszone vor allem für Autos schaffen und behauptete, die Pläne seien weit gediehen.

Aber auch diese Idee konnte keine Fahrt mehr aufnehmen, blieb Fantasie eines Mannes, der längst den Blick für die Realitäten verloren und sich, so beschrieben es Kenner der Familie, im Grunde nie aus dem Schatten des übermächtigen Vaters befreit hatte.

Heute ist nichts mehr von der Firma übrig. Die Gebäude (in denen noch einige Jahre die Firma seiner beiden Brüder, Data Becker, saß) wurden 2014 abgerissen, das Grundstück verkauft. Bald werden die ersten Familien dort ihre Eigentumswohnungen in den neuen Karolinger Höfen beziehen.

Nichts erinnert dort mehr an Helmut „Auto“ Becker. Jetzt ist er gestorben. Mit 76 Jahren

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