Podiumsgespräch beim Europäischen Theaterfestival Sie leben im Hier und Jetzt

Düsseldorf · SOS & Friends hatte zum Podiumsgespräch im Rahmen des Europäischen Theaterfestivals eingeladen. Thema war der Krieg in der Ukraine und die Rolle der Frauen, die oftmals Hauptverdienerinnen in den Familien sind.

Auf der Bühne diskutierten: Steffi Brungs (v.l.), Alea Horst, Natalia Yegorova und Barbara Gruner.

Auf der Bühne diskutierten: Steffi Brungs (v.l.), Alea Horst, Natalia Yegorova und Barbara Gruner.

Foto: Anne Orthen (orth)/Anne Orthen

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine jährt sich schon zum zweiten Mal. Die Last liegt nicht nur bei den Kämpfern an der Front, sondern auch auf den Schultern der Frauen, die das Leben im Land am Laufen halten. Wie die Ukrainerinnen das Leben im Kriegsgebiet meistern und wie es ihnen dabei geht, erzählten Mitarbeiter der SOS-Kinderdörfer und Künstlerinnen aus der Ukraine bei einem Podiumsgespräch im Rahmen des Europäischen Theaterfestivals im Schauspielhaus.

Die Arbeit der SOS Kinderdörfer habe sich in der Ukraine sehr verändert, berichtete Barbara Gruner, Vorständin SOS Kinderdörfer weltweit. Wurden vor Beginn des Krieges einige tausend Kinder von der Organisation betreut, sind es jetzt 420.000 Familien. Häufig handelt es sich um verletzte oder auch gefolterte Kinder, die Hilfe brauchen. Viele Menschen benötigen aber auch psychologische und psychosoziale Betreuung. „Frauen spielen in der Gesellschaft eine zentrale Rolle.

Sie sind plötzlich die Hauptverdienerinnen, müssen die Familie versorgen und Stärke zeigen“, so Gruner und ergänze. „Es gibt auch viele Großmütter, die sich um die Enkel kümmern, da deren Mütter kämpfen. Viele Geschichten ähneln, denen, die unsere Großmütter erlebt haben, und das schockiert mich sehr.“ Natalia Yegorova, Sängerin und Botschafterin der SOS Kinderdörfer, war erst vor kurzem in ihrer Heimat. „Dort habe ich richtige Helden kennengelernt – Menschen die mit dem Herzen und Liebe arbeiten. Das hat mich fasziniert“, erzählte sie. In der kurzen Zeit dort habe sie viel gelernt. Die Ukrainerinnen hätten eine unglaubliche Kraft und einen Glauben an ein Licht am Ende des Tunnels. „Sie leben jeden Tag intensiver, denn sie wissen, es könnte ihr letzter sein. Seit ich dort war bin ich sehr dankbar, dass ich in Freiheit, Frieden und in einer Demokratie leben kann“, sagte die Sängerin.

Betroffene können sich nicht an den Krieg gewöhnen, das hat Alea Horst in ihrer Zeit als Fotografin und Menschenrechtsaktivistin gelernt. Aber sie versuchen, sich zu arrangieren und dem Krieg zu trotzen und das beeindrucke Horst sehr. „Blumenstände in einer Unterführung oder Kinder, die in den SOS-Kinderdörfern spielen können, sind für mich Lichtblicke“, erklärte sie. Den Wunsch nach Normalität sehen auch die Schauspielerinnen Vitalina Bibliv und Oksana Dmitriieva immer wieder. „Die Leute kommen weiter ins Theater, weil sie zwei Stunden woanders sein möchten. Bei Alarm gehen sie nicht, sondern warten bis es weiter geht. Sie wollen nicht bis morgen warten, sondern im Hier und Jetzt leben“, so Bibliv. „Als es gefährlich wurde, fragen wir uns, warum machen wir weiter? Die Antwort war einfach: Wir haben den Wunsch zu leben und das Leben zu spüren“, ergänzte Dmitriieva.

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