Gestrandet in Düsseldorfer Krankenhaus Warum sich Karl-Heinz (84) nicht mehr nach Hause traut

Düsseldorf · Karl-Heinz Hillmann drohen nach mehreren Klinikaufenthalten Rechnungen in fünfstelliger Höhe, denn er besitzt keinen Versicherungsstatus. Die Krankenkasse verweist auf die Stadt, die sich aus Datenschutzgründen nicht äußern will.

Karl-Heinz Hillmann (hier mit Bettina Wagner von der Diakonie) hat Angst, aus der Sana-Klinik entlassen zu werden.

Karl-Heinz Hillmann (hier mit Bettina Wagner von der Diakonie) hat Angst, aus der Sana-Klinik entlassen zu werden.

Foto: Marc Ingel

Karl-Heinz Hillmann hat mal ein ganz normales Leben geführt. In Kleve geboren, war er Krankenpfleger, hat in der LVR-Klinik in Bedburg-Hau gearbeitet, seine Ausbildung hat er an der Uni-Klinik in Düsseldorf gemacht, wie er erzählt, dahin ist er später dann auch zurückgekehrt. Verheiratet war er nie, Angehörige gibt es auch nicht mehr, seine Schwester ist gestorben. Aber eine kleine Wohnung hat der 84-Jährige, an der Kölner Straße, 40 Quadratmeter, erster Stock mit Aufzug, „schön zentral, da ist man mit der Bahn auch schnell in der Altstadt und kann mal ein Bier trinken gehen“, erzählt Hillmann. Seine Rente ist klein, so viel steht fest: 650 Euro bekommt er, zahlt davon 380 Euro Miete, 60 für Strom, 40 fürs Rheinbahnticket, „und Versicherungen kommen auch noch dazu“, sagt Hillmann. Ihm bleiben 146,20 Euro „Taschengeld“ im Monat. „Ich will mich aber nicht beklagen, ich komme klar“.

Irgendwann ist Karl-Heinz Hillmann aber nicht mehr klargekommen, das muss so vor rund zehn Jahren gewesen sein. Denn seit 2015 hat der Düsseldorfer keine Krankenversicherung mehr, seine letzte war die DAK. Schlimmer noch: Auch Leistungen der Grundsicherung seitens des Sozialamtes wurden ihm ab diesem Jahr gestrichen. „Er soll den Folgeantrag unvollständig ausgefüllt haben“, berichtet Nachbar Thomas Großpietsch, der sich wie auch Bettina Wagner von der Caritas immer wieder um Hillmann gekümmert hat. Denn irgendwann hatte der sich scheinbar aufgegeben. Die vergangenen Jahre liegen ein wenig im Dunkeln. Fest steht: Hillmann hat Prostatakrebs, war zuletzt mehrmals in verschiedenen Krankenhäusern in Düsseldorf.

Im Dezember kam er in die Sana-Klinik in Gerresheim. Halb verhungert und verdurstet, wie das Krankenhaus berichtet, wurde er erst einmal aufgepäppelt. Und hat die Klinik seitdem nicht mehr verlassen. „Es sind Rechnungen im fünfstelligen Bereich aufgelaufen, die er natürlich nicht zahlen kann. Karl-Heinz hat nun Angst, dass er gepfändet wird und seine Wohnung verliert“, sagt Großpietsch. Auf vielen Ebenen laufen nun die Bemühungen, dass Hillmann eine Pflegestufe bekommt, dass ein Pflegedienst ihn zu Hause betreut, er Essen auf Rädern erhält. „Ich bin doch klar im Kopf, ich will in kein Heim, die wollen mich doch nur entmündigen“, sagt Hillmann. Rückwirkend bekommt er wohl nun doch die Grundsicherung für einen gewissen Zeitraum erstattet, das ist schon mal ein Anfang.

Von der DAK heißt es nach einer von Hillmann unterschriebenen Einwilligung zur Sozialdatenübermittlung: Wenn eine Kommune eine Person, die nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert sein konnte, zur Leistungsträgeraushilfe, zum Beispiel bei der DAK, anmeldet, werde diese über die DAK-Gesundheit auch zu Lasten der Kommune versorgt. Eine Versicherung bestehe bei der Krankenkasse dann aber nicht, betont ein Sprecher. Die Kommune könne wiederum die Person aus dieser Leistungsträgeraushilfe jederzeit abmelden. „Im Fall von Herrn Hillmann ist dies passiert, Gründe dafür sind uns nicht bekannt“, so der Sprecher. Eine Abmeldung könne nur durch die Kommune, jedoch nicht durch die zur Aushilfe gewählte Krankenkasse erfolgen – und gegebenenfalls auch rückwirkend rückgängig gemacht werden.

Die Stadt könne aus Gründen des Datenschutzes keine Auskunft zu Einzelfällen geben, teilt eine Sprecherin mit, erklärt aber grundsätzlich: Leistungen der Grundsicherung im Alter würden der Existenzsicherung von Bürgern dienen. Das Einstellen einer solchen Leistung sei ein tiefgehender Eingriff, für den es eigentlich nur zwei Gründe geben kann: Entweder würden Informationen vorliegen, dass kein Leistungsanspruch mehr besteht (etwa durch eine Wohngeldbewilligung) oder es fehlten dauerhaft wichtige Informationen (zum Beispiel zum Einkommen oder zum Aufenthalt). „Keinesfalls werden Leistungen durch das Amt für Soziales und Jugend also eingestellt, wenn oder ohne dass es andere Alternativen gibt“, betont die Stadtsprecherin.

Seit der Gesundheitsreform 2007 sei es zudem nicht mehr möglich, dass ein Krankenversicherungsschutz wegen Beitragsrückständen beendet wird. Entsprechend führten Rückstände von mehr als zwei Monatsbeiträgen zum Ruhen der Leistungen. „Dies bedeutet, dass nur noch die Kosten für Akutbehandlungen übernommen werden. Die Einstellung einer freiwilligen Versicherung kann daher nur durch eine Kündigung entstehen“, erklärt die Sprecherin.

Düsseldorf: Patient kann Klinik-Rechnungen nicht zahlen
Foto: grafik

All das hilft Karl-Heinz Hillmann momentan nur bedingt. Er ist froh, dass die Sana-Klinik ihn nicht entlässt, so lange seine Zukunft ungeklärt ist, fast drei Monate dauert der Aufenthalt inzwischen, „und das kann ja nicht ewig so weitergehen“, sieht „Charles“, wie er etwa liebevoll von Bettina Wagner genannt wird, selbst ein. Aus medizinischer Sicht könnte er nach Hause, aber davor graut ihm. „Dann verliere ich alles“, sagt Hillmann.

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