„Hinter Düsseldorfs verschlossenen Türen“ bei Jacques Tilly „Hier wohnen die Reichen – und ich“

Serie | Düsseldorf · In seinem Arbeitszimmer in Düsseldorf-Oberkassel skizziert Jacques Tilly die weltbekannten Rosenmontagswagen. Wir haben ihn zu Hause besucht, um sein kreatives Chaos zu erkunden.

Düsseldorf: So arbeitet Jacques Tilly zu Hause in Oberkassel
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So arbeitet Jacques Tilly zu Hause in Düsseldorf-Oberkassel

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Foto: Bretz, Andreas (abr)

Vielleicht beginnt man diese Geschichte am besten mit einer Whatsapp-Nachricht von Jacques Tilly. Nach der einstündigen Audienz in seinem Arbeitszimmer schickt er kommentarlos eine Illustration aus einem Kinderbuch. Sie zeigt das Büro von Petrosilius Zwackelmann, dem Zauberer aus „Räuber Hotzenplotz“. Bücher bis unters Dach, kreatives Chaos auf dem Schreibtisch, von der Decke hängt ein Krokodil. „So ist es bei mir auch“, sagt Tilly. „Nur das Krokodil fehlt mir noch.“

Die Tür zum Arbeitszimmer von einem der bekanntesten Künstler der Stadt öffnet sich normalerweise nicht für Gäste. „Hier besucht mich höchstens meine Frau mit einer Tasse Tee“, sagt der 60-Jährige. Dabei ist der Erdgeschoss-Raum im familieneigenen Haus nahe des Luegplatzes exakt der Ort, an dem die Ideen zu den weltberühmten Rosenmontagswagen entstehen. „Eigentlich könnte ich mir Oberkassel gar nicht leisten“, sagt Tilly. Weil aber seine Urgroßeltern vor mehr als hundert Jahren die Immobilie gekauft haben (siehe Infobox), lebt er dort seit seiner Geburt. „Ich sage immer: Hier wohnen die Reichen, die Schönen – und ich.“

Rosenmontagszug 2020 in Düsseldorf: Die Mottowagen von Jacques Tilly
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Mottowagen beim Rosenmontagszug 2020 in Düsseldorf

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Foto: dpa/Federico Gambarini

Das Erste, was einem in Tillys Wirkungsstätte ins Auge springt, sind Bücher. Sie stapeln sich über neun Regalreihen hoch zur stuckverzierten Decke, umgreifen den Raum und lassen nur hier und da etwas Ordnung erkennen. „Wie man sieht, sind die nicht nur zur Deko“, sagt der Künstler. „Ich lese sehr viel, um mich mit Dingen auszukennen, bevor ich sie satirisch beurteile.“

Aktuell interessiert ihn russische Geschichte und der Palästina-Konflikt. Aus persönlicher Neugier und für seine aktuelle Arbeitsphase: „Ich denke mir gerade die Mottowagen aus“, sagt Tilly. Dafür liest er nicht auf dem Sessel, sondern am Schreibtisch – um dann Ideen „aus dem Hirn zu pressen“. Harte Arbeit sei das.

Düsseldorf: Jacques Tillys Putin-Wagen zum Krieg in der Ukraine
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Jacques Tillys Putin-Wagen zum Krieg in der Ukraine

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Foto: Brigitte Pavetic

Zu jedem Thema entwickle er etwa 100 Ideen, erzählt Tilly. Sie landen im Miniatur-Format in seinem Skizzenbuch, dann wird ausgesiebt. „Ich nenne das Goldwäsche: Da ist viel Dreck dabei und simpler Mist.“ Aber auch mal ein goldener Einfall. Polemisch genug? Und wirklich originell? Dann greift Tilly zum Rotstift, umrahmt die kleine Zeichnung und vergrößert sie, um eventuell daraus einen Wagen zu machen.

Aktuell sei er in der „Brüterphase“, sagt der Künstler. Für die kreative Stimmung folgt er ein paar Ritualen. Zuerst: die tägliche To-Do-Liste auf dem Handy. „Heute steht da drauf, dass ich mir einen Mottowagen ausdenken muss – zu einem Thema, das ich dir nicht nennen kann.“ Dann etwas Musik. Er dreht sich zu seinem Computer, öffnet die Plattform Youtube und wählt ein zweistündiges Livekonzert des dänischen DJs Be Svendsen. „Kein Deppen-Techno, sondern entspannte elektronische Klänge. Das ist mein Lebenselixier.“ So kann der Zeichen-Zauber beginnen.

Um sich inspirieren zu lassen, liest Jacques Tilly nicht nur aktuelle Medien wie die Rheinische Post, die Zeit oder das Satire-Magazin Charlie Hebdo, sondern schmökert auch gerne in historischer Lektüre. Er sammelt Ausgaben von „Geo Epoche“, sortiert sie nach Themen und nimmt die Hefte sogar mit in den Urlaub, um seinen beiden Söhnen daraus vorzulesen. „In Island habe ich ihnen von dem Entdecker Erik dem Roten erzählt.“

Das sind die Mottowagen beim Rosenmontagszug 2019 in Düsseldorf
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Mottowagen beim Rosenmontagszug 2019 in Düsseldorf

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Foto: dpa/Martin Gerten

Sein Wissensdurst spiegelt sich auch in einem Karteikartensystem links neben dem Schreibtisch. Zu Themenfeldern wie Philosophie, Religion, Kunst, Film, Geschichte, Wissenschaft und zu „Düsseldorf aktuell“ hat er eigene Kästchen angelegt. „Von allem ein bisschen“, sagt Tilly. „Ich bin ein Universal-Dilettant.“

Die Mottowagen in Düsseldorf 2018 beim Rosenmontagszug
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Mottowagen beim Rosenmontagszug 2018 in Düsseldorf

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Foto: Sabine Kricke

Kein Tag ohne Arbeit, Wagenbauer seit 1983, zig weitere kreative Projekte zwischen Puzzles und Souvenirs – wie lange soll das noch gehen? „Ich will das nicht so lange machen, bis ich umkippe“, sagt Tilly. In sieben Jahren wird er 67, dann wird die Rente aus der Künstlersozialkasse fällig.

„Vielleicht entwerfe ich danach noch ein paar Rosenmontagswagen, aber nicht mehr den ganzen Zug.“ In jedem Fall werden die Ideen immer hinter dieser einen Tür entstehen.

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