Projekt für Krebspatienten an der Uniklinik Düsseldorf Wie aus Schrecklichem Gutes werden kann

Düsseldorf · Michelle hatte Krebs, mit gerade einmal 25. Jetzt will sie ihre Erfahrungen teilen – in einem deutschlandweit einzigartigen Projekt für Krebspatienten an der Uniklinik. Dabei soll es um Gespräche auf Augenhöhe gehen, sagt die Initiatorin.

 Annette Hopp (l.) hat das Projekt ins Leben gerufen, Michelle hatte selbst Krebs und möchte ihre Erfahrungen weitergeben.

Annette Hopp (l.) hat das Projekt ins Leben gerufen, Michelle hatte selbst Krebs und möchte ihre Erfahrungen weitergeben.

Foto: Endermann, Andreas (end)

Eine Krebsdiagnose stellt das Leben auf den Kopf. Existenzielle Ängste werden zum täglichen Begleiter, ebenso Operationstermine, Arztgespräche und Chemotherapien. „Alles um einen herum lebt normal weiter, nur ich stehe still“ – so beschreibt es die 26-jährige Michelle. Nach einer Zungenkrebsdiagnose im vergangenen September gilt sie seit drei Monaten als krebsfrei. Und sie hat sich etwas vorgenommen: etwas Gutes aus all dem Schrecklichen zu machen. Deshalb nimmt sie als Mentorin an einem neuen Projekt an der Düsseldorfer Uniklinik teil und will anderen Krebspatienten beim Umgang mit ihrer Krankheit helfen.

Konzipiert hat das laut Uniklinik deutschlandweit einzigartige Projekt Annette Hopp vom Institut für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Derzeit läuft die Rekrutierung der ehrenamtlich tätigen Mentoren, im November soll eine von Hopp erarbeitete Ausbildung starten.

Im Januar dann soll es richtig losgehen, zunächst mit acht Mentoren. Langfristiges Ziel von Hopp ist es, 40 Ehrenamtler zu finden, die bereit sind, ihre Erfahrungen in der Krebstherapie und mit der Erkrankung weiterzugeben. „Die Idee dahinter ist, dass die beste Begleitung für Krebspatienten ehemalige Krebspatienten sind, weil diese ein ganz anderes und besonders tiefes Verständnis für das mitbringen, was einen in der Krankheit bewegt.“

Das sieht auch Michelle so, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie hätte sich während ihrer Therapie einen solchen Ansprechpartner gewünscht. Gespräche mit Ärzten waren für die 26-Jährige oft nicht einfach. Ein Beispiel: Als sie die Diagnose bekommen habe, habe der Arzt medizinisch korrekt von einem Plattenepithelkarzinom gesprochen – sie kannte den Begriff nicht; dass sie Krebs hatte, habe sie erst gar nicht verstanden. In der Praxis, in der sie ihre Chemo- und Strahlentherapie bekam, habe sie sich nicht gut aufgehoben gefühlt – und sei kurz davor gewesen, die Behandlung abzubrechen. Dass sie weitermachte, ist den Gesprächen mit einer Psychoonkologin an der Kölner Klinik zu verdanken, an der sie behandelt wurde. Diese habe sie bestärkt und unterstützt, sagt Michelle. Und auch Familie und Freunde seien für sie da gewesen – konnten aber nicht alles auffangen, das sie bewegte. „Ich bin die einzige Person mit Krebs, die ich kenne“, sagt sie, „jemanden zum Reden zu finden ist nicht einfach.“ Dass Michelle jetzt an der Düsseldorfer Uniklinik Mentorin wird, ist einem Post über das Projekt bei Instagram zu verdanken, den eine Bekannte ihr weitergeleitet hat.

Voraussetzung für die Teilnahme am sogenannten Peer-Mentoring ist nämlich nicht, dass die Mentoren selbst in Behandlung an der Uniklinik waren. Auch beim Alter gibt es keine Beschränkungen, wichtig ist Annette Hopp aber, dass sie krebsfrei und in ihrer Krankheitsverarbeitung stabil sind, wie sie sagt. Um das herauszufinden, führt sie mit jedem Interessenten ein Erstgespräch, auch für die Zusammenführung von Mentee und Mentor ist sie zuständig. Die Ausbildung wird unter anderem ein Kennenlernen mit Ärzten und anderen Stellen der Krebsbehandlung an der Uniklinik umfassen, aber auch Einheiten zur Gesprächsführung.

Ab dem kommenden Jahr soll Hopp von einer weiteren Vollzeitkraft unterstützt werden. Die Koordinatorin sieht das Projekt als Ergänzung zu den anderen Angeboten an der Uniklinik wie der psychoonkologischen Beratung und den Selbsthilfegruppen. „Entscheidend ist beim Peer-Mentoring, dass die Gespräche auf Augenhöhe stattfinden.“

Wie genau diese ablaufen, sei dabei dem jeweiligen ,Pärchen‘ selbst überlassen – Erfahrungen mit psychoonkologischen Beratungen in anderen Städten zeigten, dass nicht immer das persönliche Gespräch das beste für die Patienten sei, sondern auch telefonisch oder digital miteinander gesprochen werden könne. Das kann sich auch Michelle gut vorstellen. „Man braucht ja nicht zu einem vorher vereinbarten Zeitpunkt einen Ratschlag oder jemanden, der zuhört, sondern dann, wenn es einem schlecht geht. Und das geht leichter übers Telefon.“

Annette Hopp wird die Mentoren auch nach der Ausbildung begleiten. So soll es wöchentliche Einzel-Supervisionen geben, zusätzlich einmal im Monat ein Gruppen-Gespräch. Das erste Treffen zwischen Mentor und Mentee findet in den Räumen des Instituts am UKD statt – auch, um die Beziehung von Anfang an auf eine professionelle Ebene zu heben. „Es ist wichtig, dass es auch Abgrenzungsmöglichkeiten gibt und die Mentoren ebenfalls geschützt werden“, sagt Hopp.

Michelle traut sich die regelmäßige Konfrontation mit dem Krebs zu. Zwar muss sie noch alle sechs Wochen zur Nachsorge, und auch die Verarbeitung ihrer Krankheit ist noch nicht abgeschlossen. Aber sie hofft, auch durch den Kontakt mit den anderen Mentoren noch einmal neuen Input zu bekommen. Und ihr Alltag wird gerade Stück für Stück wieder normaler: Im Oktober will die 26-Jährige ihr Studium wieder aufnehmen, sie kann wieder Sport treiben und auch der Geschmackssinn kommt langsam zurück. Michelle hat neuen Lebensmut gefasst – und freut sich darauf, auch diese Erfahrung teilen zu können.

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