Elfte Streikwoche in Düsseldorf „Die Kinderkrebsklinik ist nicht der richtige Ort für einen harten Streik“

Düsseldorf · An der Uniklinik werden wegen Personalmangels immer öfter Behandlungen verschoben. Auch der zweijährige Emil konnte mehrmals nicht für die Chemotherapie aufgenommen werden. Für seine Eltern ist das kaum zu ertragen. Ein Arzt schildert die Situation als „unmenschlich“.

 Nadine und Dustin Godtfring sind besorgt, weil die Behandlung ihres Sohnes Emil (2) an der Uniklinik wegen Personalproblemen immer wieder unterbrochen wird.

Nadine und Dustin Godtfring sind besorgt, weil die Behandlung ihres Sohnes Emil (2) an der Uniklinik wegen Personalproblemen immer wieder unterbrochen wird.

Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Die Personalausfälle in der Kinderkrebsklinik der Uniklinik (UKD) haben ein kritisches Ausmaß erreicht. Wegen der Streiks, aber auch Ausfällen wegen Krankheit oder Urlaub gibt es zu wenige Mitarbeiter, um krebskranke Kinder zu versorgen. Therapien werden immer häufiger verschoben, auch die von Emil (2). Der an Akuter Lymphatischer Leukämie erkrankte Junge konnte mehrmals nicht wie geplant stationär für die Chemotherapie aufgenommen werden. Seine Mutter Nadine Godtfring verurteilt nicht den Kampf des Pflegepersonals für bessere Arbeitsbedingungen, aber den Austragungsort: „Die Kinderonkologie ist nicht der richtige Ort für einen so harten Streik.“

Das sieht Nancy Behrendt anders. Die 42-Jährige arbeitet seit 20 Jahren als Kinderkrankenschwester in der „Kinderonko“, seit Anfang Mai gehört sie zu den Tarifbeschäftigten, die in Streik getreten sind. Sie ist auch Mitglied der Tarifkommission, in der die Gewerkschaft Verdi mit den Arbeitgebern die Verhandlungen über einen „Entlastungstarifvertrag“ führt. „Ich kann den Frust und die Sorge um das Kind gut nachvollziehen“, sagt sie. Die Situation vor Ort sei aber schon vor den Streiks für Beschäftigte wie Patienten prekär und unzumutbar gewesen. Mit dem Arbeitskampf wolle man darauf aufmerksam machen und daran etwas ändern.

Behrendt zeichnet ein alarmierendes Bild von der Situation in der Krebsklinik. Sie ist demnach personell deutlich unterbesetzt, von den 23 Krankenbetten habe man daher schon vor den Streiks nur 18 belegen können, über die aktuelle Notdienstvereinbarung seien es nun 15. Das Pflegepersonal hetze in einer Schicht von Zimmer zu Zimmer, von Kind zu Kind und könne doch nicht alle Patienten versorgen und ihnen die Aufmerksamkeit und Zuwendung geben, die sie brauchen und verdienen würden. Viele Kinder, auch Babys seien vor Ort über lange Strecken alleine, weil Eltern (etwa wegen weiterer Kinder, die versorgt werden müssen, oder einer Berufstätigkeit) sie nicht besuchen können und dem Personal wiederum die Zeit fehle. Viele Pflegerinnen und Pfleger seien völlig erschöpft und unzufrieden, viele schafften es in einer Schicht nicht einmal auf die Toilette. Behrendt: „Ich will die nächsten 20 Jahre nicht so weitermachen.“

 Emil zeigt stolz seine Mutmacherkette: Für jede Untersuchung und Behandlung an der Uniklinik bekommt er eine Perle.

Emil zeigt stolz seine Mutmacherkette: Für jede Untersuchung und Behandlung an der Uniklinik bekommt er eine Perle.

Foto: Nadine Godtfring

Die Lage vor Ort ist angespannt – das bestätigt die UKD auf Nachfrage. Ärzte sowie Pflegekräfte, die nicht streiken, „versuchen unter großem persönlichen Einsatz die streikbedingten Lücken im pflegerischen Personal auf den Stationen und Ambulanzen so gut wie möglich zu füllen, um die Versorgung krebskranker Kinder und Jugendlicher weitgehend aufrecht zu erhalten.“ Dennoch müssten Chemotherapien im Einzelfall verschoben werden. Oder es werde versucht, die jungen Patienten an Kliniken außerhalb von NRW zu vermitteln. Für die Eltern stelle das aber oft eine zu große organisatorische wie psychische Belastung dar.

Dass Eltern nicht nur einmal, sondern mehrmals wegen Personalmangels die Nachricht erhalten, dass ihr krebskrankes Kind nicht wie geplant zur Chemotherapie aufgenommen werden kann: Das bezeichnet ein Arzt vor Ort als unmenschlich. „Man setzt die Daumenschrauben auf Kosten der Familien an, das ist schwer zu ertragen“, sagt der Arzt, der anonym bleiben möchte. Patienten wegschicken zu müssen, die ihre lebensnotwendige Therapie brauchen, mache ihn fassungslos. Die Triage der Kinder, die Entscheidung zu treffen, welches Kind behandelt wird und welches nicht, sei oft schwierig. Die Teams seien nach gut elf Wochen Streik an den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Nicht zu wissen, wie lange diese Ausnahmesituation anhalten wird, erschwere ein Durchhalten.

Bis es zu einer Einigung der Streitparteien und zu einem Normalzustand in der Kinderkrebsklinik kommen wird, wird wohl aber noch kostbare Zeit vergehen. Wiederholt und erfolglos habe die UKD die Gewerkschaft aufgefordert, den Streik einzustellen oder zumindest einzuschränken: „Dazu ist die Gewerkschaft nicht bereit, obwohl die Arbeitgeberseite von Beginn an signalisiert hat, dass eine Entlastung für Pflegekräfte mitgetragen wird, und obwohl mittlerweile umfassende Angebote der Arbeitgeber auf dem Verhandlungstisch liegen.“ „Wir verhandeln jetzt erst gerade richtig, wie es weitergeht, hängt vom Angebot der Arbeitgeber ab“, sagt wiederum Nancy Behrendt. Dass fünf Pflegekräfte kürzlich gekündigt haben, wird die Situation in der „Kinderonko“ zuspitzen. Neue Pflegekräfte zu gewinnen, ist bekanntlich schwierig.

Nadine Godtfring wird es deswegen wohl weiter passieren, dass sie erst mit gepackter Tasche vor Ort oder schon am Telefon daheim erfährt, dass wieder einmal kein Bett für Emil frei ist. „Es klingt verrückt, aber Emil wird dann auch traurig, er freut sich immer, in die Klinik zu gehen. Die Pflegekräfte und Ärzte sind unfassbar nett.“ Und wenn sie mit ihrem Sohn zur UKD fährt, wird sie wohl auch weiter in die Gesichter anderer verzweifelter Eltern blicken müssen, die wie sie nur das eine wollen: dass die Kinder vor Ort so behandelt werden, dass sie die besten Heilungschancen haben.

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