Düsseldorf: Jugendamt vermittelt Leihomas und Leihopas für Familien

Mehr Zeit für Kinder : Leih-Omas werden in Düsseldorf dringend gesucht

Wer gerne aktiv und engagiert ist und seine Zeit mit Kindern verbringt, kann Leihoma oder -opa werden. Das Jugendamt Düsseldorf bringt die Interessenten zusammen und vermittelt den Kontakt.

Carlottas Oma wohnt in Berlin. Zu weit weg, um mal eben vorbeizuschauen. Aber die Achtjährige spricht mit ihr, übers Internet. Aber sie hat eine Oma hier vor Ort, in Düsseldorf. Die heißt Angela und ist ihre „Leihoma“. Und die übernimmt das, was die wirkliche Oma nicht schaffen kann. Sie holt sie hin und wieder von der Schule, der GGS Lörick, ab, liest ihr vor, kocht mit ihr und bringt sie auch ins Bett. Die 75-jährige Angela Haetzel ist eine von derzeit 56 „Leihomas“ – es gibt auch „Leihopas“ sowie Paare, die über das Programm des Jugendamts an 50 Familien vermittelt worden sind.

Ziel ist es, die Generationen zusammenzubringen, wo das nicht mehr möglich oder schwierig ist. Weil es die Großeltern nicht mehr gibt oder weil die Oma ­ wie eben bei Carlotta ­ weit entfernt wohnt, aber wo der Wunsch besteht, von den Älteren zu lernen, mit ihnen zu leben, ihre Werte und Einstellungen kennenzulernen. Aber es geht auch darum, für Familien eine Betreuung anzubieten. Mitarbeiter des Jugendamts bereiten beide Seiten vor, schauen nach Vorgesprächen und Hausbesuchen, wer zu wem passen könnte und wer nah zusammenwohnt. Erst im Anschluss wird ein Kennenlernen arrangiert, nicht allein, sondern begleitet von einer Jugendamtsmitarbeiterin.

Bei Carlotta und ihrer „Leihoma“ war es anders. Carlottas Mutter Juliana Goethe suchte vor einiger Zeit eine Betreuung. Die 42-Jährige, geschieden und alleinerziehend, ist Führungskraft für die Personalentwicklung in einem Unternehmen. Der Feierabend ist nicht immer geregelt, Geschäftstermine können auch mal in München, Carlottas Geburtsort, sein. „Ich brauchte jemanden, der hin und wieder auf meine Tochter aufpassen kann.“ Über ein Internet-Portal kamen sie und Angela Haetzel zusammen. Man traf sich, war sich auf Anhieb sympathisch, stellte fest, dass man vieles gemein hat. Und nicht nur die Herkunft, denn beide kommen ursprünglich aus Berlin. Zu dem Zeitpunkt war das Wort „Leihoma“ aber noch nicht gefallen.

Angela Haetzel, ebenfalls geschieden, suchte nicht nur nach einer sinnvollen Beschäftigung, sondern auch nach einer neuen Bleibe. Sie wollte sich verkleinern. Nach einigem Hin und Her ergab es sich so: Juliana Goethe bezog in Heerdt ein Haus, in dessen Erdgeschoss sich ein ehemaliges Büro in eine Einliegerwohnung umbauen ließ. Angela Haetzel zog ein, samt nur einiger ihrer Möbel, aber mit all ihren vielen Büchern über Geschichte und Kunstgeschichte. Denn diese Fächer hat die 75-Jährige ehemalige kaufmännische Angestellte studiert ­ als Rentnerin. „Noch im Berufsleben habe ich am Abendgymnasium das Abitur nachgemacht.“ Dann folgte später die Uni, aus Interesse, aus Leidenschaft ­ und mit Abschluss.

Heute wohnen „Leihoma“ und „Leihenkelin“ Tür an Tür. Und als alles geklärt war, wandten sich beide Seiten an das Jugendamt der Stadt Düsseldorf und machten die Sache dann ganz offiziell, Angela Haetzel wurde so amtlich eine „Leihoma“.

Eine „Leihoma“ oder ein „Leihopa“ sollten etwas Zeit mitbringen, heißt es beim Jugendamt, vielleicht in der Woche zwei bis vier Stunden, also einen Nachmittag. Dabei kann es bleiben, muss es aber nicht. Bei Carlotta und „Leihoma“ Angela sowieso nicht. Regelmäßig geht Carlotta durch den Garten noch mal „eben rüber“, selbst wenn die Mama da ist. Für die ist Angela Haetzel längst Teil der Familie und auch eine Art „Leihmama“ geworden. Und Juliana Goethe erzählt davon, was ihr alles mit mütterlicher Sorgfalt ans Herz gelegt wurde, sich doch bitte anzusehen, als sie erwähnte, dass sie geschäftlich nach Florenz müsse, in diesen Sehnsuchtsort vieler, wenn nicht aller Kunstgeschichtler.

An solchen Tagen, wenn Mama länger unterwegs ist, machen es sich beide auf Angelas weißem Sofa gemütlich und die „Leihoma“ liest etwas vor, Carlotta mag alles von „Conny“, „Kasimir“ und der Wissensreihe „Was ist was?“. Oder sie machen gemeinsame Urlaubspläne. Wenn es sie rauszieht, gehen sie mal Eis essen oder Pommes beim Griechen Costa um die Ecke, dabei ist Carlottas Lieblingsgericht eigentlich Sushi. Vom Jugendamt werden die „Leihgroßeltern“ weiter betreut. Bei Treffen gibt es, wenn nötig oder gewünscht, auch professionelle Hilfe von Pädagogen und Psychologen zu den unterschiedlichsten Themen.

„Für uns ‚Leihomas‘“, sagt Angela Haetzel, die zahlreiche Großneffen und Großnichten hat, aber keine Enkel, „ist es eine absolute Bereicherung.“ An Carlotta gewandt, scherzt sie: „Wir kennen uns noch, wenn du schon studierst.“ Und Carlotta erwidert ohne lange zu zögern oder nachzudenken: „Ganz sicher:“ Und vielleicht unterhalten sie sich ja dann über Kunstgeschichte.

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