Forschung in Düsseldorf Warum Frauen ihre Führungspositionen schneller verlassen

Düsseldorf · Eine Wirtschaftsprofessorin hat erforscht, warum weibliche Führungskräfte nur halb so lange auf ihren Posten bleiben wie Männer.

Janine Maniora,  Professorin am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre der Uni Düsseldorf , hat zu Frauen in Führungspositionen geforscht.

Janine Maniora, Professorin am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre der Uni Düsseldorf , hat zu Frauen in Führungspositionen geforscht.

Foto: Anne Orthen (orth)

„Frauen in Top-Positionen sind wie Sternschnuppen. Kaum erstrahlen sie am Konzernhimmel, schon sind sie wieder erloschen.“ Diese Meinung vertrat neulich ein nicht namentlich genannter Manager in einem Interview mit der FAS. Tatsächlich verlassen Frauen, die in deutschen Unternehmen in Vorstände berufen wurden, ihre Posten im Durchschnitt doppelt so schnell wie ihre männlichen Kollegen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie von Janine Maniora, Professorin am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre der Uni Düsseldorf. Und trotzdem sieht die Wissenschaftlerin eine Entwicklung, die sie durchaus optimistisch stimmt.

Sie war nur 66 Tage im Amt, dann war‘s vorbei: Als Carla Kriwet, Vorstandsvorsitzende des Dax-Konzerns Fresenius Medical Care, das Unternehmen zum Jahresende 2022 verließ, sorgte ihr Abgang bundesweit für Schlagzeilen. Finanzchefin Tanja Drielich verließ den Hamburger Logistikkonzern HHLA nach nur einem halben Jahr, weil „das Vertrauensverhältnis zerstört war“. Sabine Bendiek trat nach drei Jahren als Personalvorstand von SAP zurück, nachdem auch ihre beiden Vorgängerinnen schon nach jeweils einem Jahr aufgegeben hatten. „Während einige der Frauen selbst gekündigt haben, scheinen andere hinausgedrängt oder einfach entlassen worden zu sein“, erläutert Janine Maniora.

Diese Beispiele waren der Anlass, um mal genauer hinzuschauen. Die Wissenschaftlerin hat die Verweildauer von Männern und Frauen in den Vorständen von deutschen Großunternehmen, die an der Börse (im Dax oder M-Dax) notiert sind, seit 2010 analysiert. Das Ergebnis: Männer bleiben im Durchschnitt knapp sieben Jahre im Unternehmen (kürzer als in früheren Jahren), Frauen nur drei Jahre und zwei Monate. Steckt dahinter möglicherweise ein System?

Janine Maniora vermutet einerseits viele individuelle Gründe, von denen die Öffentlichkeit häufig nichts erfährt. Man habe sich im „besten Einvernehmen“ getrennt, heißt es dann gern. Darüber hinaus seien tatsächlich Muster zu erkennen. Da sind zum einen die bekannten Argumente: „Behauptungen, es gäbe immer noch Frauen, die zu schnell befördert werden und nicht die notwendige Erfahrung mitbringen“, so die Wissenschaftlerin. Allerdings hätten es viele Unternehmen eben auch verschlafen, rechtzeitig weibliche Führungskräfte aufzubauen. „Weil es intern dann an Kandidatinnen für Top-Positionen mangelt, kommen Frauen oft von außen, dann fehlen ihnen die speziellen Kenntnisse und auch ein internes Netzwerk im Unternehmen.“ Außerdem würden Frauen gern in Verwaltungsbereichen eingesetzt (wie im Personalwesen) – „dort sind sie aber auch schneller wieder weg, denn erfolgreiche Managerinnen werden gern abgeworben.“

Die Wissenschaftlerin erkennt noch einen anderen Grund, warum der frühzeitige Abgang von weiblichen Führungskräften regelmäßig für Schlagzeilen sorgt. „Wenn Frauen vermeintlich scheitern, erzeugt dies eine viel stärkere öffentliche Aufmerksamkeit.“ Und stärkt Vorurteile, dass sie eben nicht können, die Frauen. Weibliche Vorstandsmitglieder stünden nach wie vor unter stärkerem Druck, „sie müssen bessere Leistung bringen und sich mehr beweisen als Männer.“ Wenn man sich dagegen die Lebensläufe von Top-Managerinnen anschaue, könne niemand ihre grundsätzliche Qualifikation in Zweifel ziehen. „Das sind keine Quoten-Frauen.“

Gleichwohl hat die gesetzliche Frauenquote (unter dem klangvollen Begriff Führungspositionsgesetz I und II) bewirkt, dass mehr weibliche Führungskräfte in die Chefetagen rücken. Denn danach müssen börsennotierte Unternehmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern und mehr als drei Vorstandsmitgliedern mindestens eine Frau berufen. Auch eine weitere Hürde für weibliche Führungskräfte wurde per Gesetz 2021 aus dem Weg geräumt. Denn nun gilt für Vorstandsfrauen erstmals Mutterschutz und Elternzeit. Wenn sie früher eine Auszeit nehmen wollten, trugen sie weiter das Haftungsrisiko auch für Entscheidungen, an denen sie nicht beteiligt waren.

Laut einem aktuellen Bericht der Allbright-Stiftung ist mittlerweile fast jedes fünfte Vorstandsmitglied eines deutschen Großkonzerns eine Frau. Und im Dax (mit den 40 größten Unternehmen) sind seit Ende 2022 erstmals mehr Frauen als Männer in die Vorstände berufen worden, ihr Anteil liegt nun bei knapp 23 Prozent – ein Rekord. Zahlen, die hoffen lassen, dass Managerinnen in Top-Etagen längst keine Sternschnuppen sind, sondern dass eher die Stunde der Frauen schlägt: „Die aktuellen Zahlen zeigen, dass Frauen mittlerweile genauso häufig aufsteigen wie Männer.“ Teilweise hätten sie sogar bessere Aufstiegschancen, allerdings nur unter einer Voraussetzung: wenn sie Vollzeit arbeiten.

Dass Frauen scheitern können (wie Männer), auch wenn sie beste Voraussetzungen mitbringen und über einen langen Zeitraum im Unternehmen aufgestiegen sind, zeigt das Beispiel von Saori Dubourg. Die Top-Managerin bei BASF verließ den Konzern vor Ende ihres Vertrages, offenbar weil sie dessen Expansionspläne in China kritisch sah und zunehmend isoliert war. Allerdings fand sie sofort einen neuen Top-Job: Sie leitet nun ein Kunststoffunternehmen in Österreich – als Vorstandsvorsitzende. In dieser Position wird sie nun vermutlich weitere Frauen motivieren. Auch dies eine Erfahrung von Janine Maniora: „Frauen ziehen Frauen an.“

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